Steffen Burchhardt (SPD) will Landrat werden. Bei der Stichwahl am 15. Juni tritt er gegen Lutz-Georg Berkling (CDU) an. Im Volksstimme-Interview befragten ihn die Redakteure Falk Heidel und Mario Kraus zu Themen wie Familie, Heimat und Zukunft.

Volksstimme: Herr Burchhardt, im Wahlkampf reden Sie oft und viel über das Thema Familie. Warum?

Steffen Burchhardt: Wir vergessen viel zu oft, dass mit der Familie alles beginnt, sie ist der Kern unserer Gesellschaft und der Motor unseres Lebens.

Und da ist bei Ihnen alles im Lot?

Wir wohnen in Möser mit vier Generationen relativ dicht beieinander. Und ich denke, dass jede Generation auf ganz unterschiedliche Art davon profitiert.

Zum Beispiel.

Unsere Söhne Anton (5) und Jonas (2) dürfen unter den verschiedenen Einflüssen seiner Eltern und Großeltern aufwachsen. Ein Beispiel sind die Großväter: Bei dem einen haben sie Action im Wald mit Tierbeobachtungen auf der Kanzel, beim anderen Opa finden sie Ruhe beim Angeln oder am Pool. Und sie bekommen natürlich mit, wie sich eine Familie gegenseitig unterstützt. Als wir auf der Suche nach einem Grundstück für unser Haus waren, haben wir bewusst diese Nähe gesucht, ohne zu sehr auf die Pelle zu rücken.

Vor dieser Wahl sind Sie politisch noch nicht in Erscheinung getreten. Wie hat Ihre Familie die Landrats-Kandidatur aufgenommen?

Nicht nur mein Vater war skeptisch. Er meinte, ich würde mir die Dinge viel zu sehr zu Herzen nehmen. Aber solche Aussagen haben mich nur noch angestachelt. Ich glaube mittlerweile bewiesen zu haben, durchaus auch einen harten Kern zu besitzen.

Wie nimmt Ihr Umfeld den Wahlkampf wahr?

Wann immer es möglich ist, versuche ich meine Familie mit einzubinden. Wenn es einen Termin mit Hüpfburg gibt, habe ich gern meine beiden Jungs dabei. Mit meiner Mutter und Oma war ich in Friedensau zum Kaffee auf Einladung der Seniorengruppe.

Lässt der Wahlkampf noch Raum für Freizeit?

Wenig. An meinem Geburtstag vorigen Sonnabend hatte ich Termine in Vehlitz, Woltersdorf und Schermen. Abends konnte ich meine Frau mitnehmen, wir waren beim Schützenball in Jerichow. Sie tanzt für ihr Leben gern. Ich habe mir ganz fest vorgenommen darauf zu achten, dass unsere Beziehung nicht unter beruflichem Termindruck leidet.

"Das Leben der Menschen spielt in den Dörfern und Städten, nicht beim Landkreis."

Viele Wähler waren überrascht, dass Sie es in die Stichwahl geschafft haben. Wie haben Sie die Wahl erlebt?

Ich habe nicht damit gerechnet, dass der Amtsinhaber so schlecht abschneidet. Aufgefallen ist mir zudem, dass ich dort am besten abgeschnitten habe, wo ich im Vorfeld mit den Menschen gesprochen habe. Erst im Verlauf des Wahlkampfes habe ich mehr darauf geachtet, die Termine nicht zu eng zu legen. Mann muss sich Zeit nehmen für die Argumente und auch die Kritik der Leute. Da hilft es niemandem, wenn man ständig auf dem Sprung ist.

Gab es Termine im Wahlkampf, auf die Sie gar keine Lust hatten?

Leider gibt es kein Handbuch, wie Wahlkampf funktioniert. Meine Termine habe ich mir selbst ausgesucht. Es ist übrigens ein Mythos, dass ein Landrats-Kandidat von einem üppigen Wahlhelfer-Tross begleitet und unterstützt wird. Gemerkt habe ich, dass Wahlkampfstände in Fußgängerzonen nicht meine Sache sind. Tatsächlich gibt es Menschen, die darum einen großen Bogen machen. Am meisten Freude bereitet haben mir die Besuche bei Selbsthilfegruppen, Feuerwehren oder den dörflichen Volkssolidaritäten. Hier gab es oft gute und intensive Gespräche in angenehmer Atmosphäre.

Sie verdienen Ihr täglich Brot als Hochschuldozent in Magdeburg. Kritiker meinen, Ihnen fehle die Kompetenz für einen Posten an der Verwaltungsspitze.

Im Gegenteil. Aus meiner Sicht ist es ein Vorteil, dass ich bisher nicht zu dieser Verwaltung gehörte. Wir müssen viele Dinge, sprich tägliche Mechanismen, hinterfragen. Ist dies noch zeitgemäß? Ich habe einen freien, sachlichen Blick, ohne persönliche Verknüpfungen.

Aber das allein reicht nicht.

Ich habe eine Lehre zum Bankkaufmann und ein Volkswirtschafts-Studium absolviert. Also ist wirtschaftliche Kompetenz vorhanden. An der Uni lernt man Probleme zu lösen. Zudem habe ich ein Gefühl für Menschen. Und eine Verwaltung besteht aus Menschen. Mit ihnen muss man umgehen, sie führen.

Ein Wahlplakat ihrer Partei spricht von "Kommunen stärker machen". Im Kreistag scheitert seit Jahren eine Initiative, die Kreisumlage zu deckeln. Wie beurteilen Sie das?

Ich habe in den vergangenen Wochen mit allen acht hauptamtlichen Bürgermeistern der Gemeinden gesprochen, außerdem mit vielen ehrenamtlichen. Ich sehe eine mangelnde Balance der Finanzen zwischen Landkreis und Gemeinden. Fakt ist doch, 1000 Euro bei der Gemeinde kommen viel stärker beim Bürger an, als 1000 Euro beim Landkreis. Die Kommune kann mit diesem Geld sehr viel mehr bewegen. Beispiele und Multiplikatoren sind Feuerwehren oder Heimatvereine - hier spielt das Leben. Die Menschen identifizieren sich doch mehr mit ihren Dörfern und Städten als mit dem Landkreis. Wir müssen also nach Lösungen suchen, um die Kommunen zu entlasten. Das können Landkreis und Kreistag nur gemeinsam regeln. Wir dürfen beim Etat nicht nur die Kostenseite drücken, sondern auch darauf achten, wie mehr Geld reinkommen kann.

Im Kreistag gibt es eine starke bürgerliche Mehrheit. Das macht die Arbeit für einen SPD-Landrat nicht einfacher.

Ich bin im Vorfeld auf alle Parteien und Wählergruppen zugegangen, auch auf die CDU. Ich denke, sie nehmen mich nicht als etablierten Sozialdemokraten wahr, sondern als aufstrebenden jungen Mann, der einer neuen Generation angehört. Ohnehin hat Parteitaktik im Kreistag nichts zu suchen, ich werde jedenfalls keine Parteipolitik betreiben, aber natürlich nicht aus der Partei austreten. Einige Grundgedanken sind mir wichtig, ansonsten bin ich sehr flexibel. Ein gesundes Augenmaß zwischen Wirtschaft, Sozialem und Umweltschutz ist für einen Landrat eine gute Philosophie.

Gibt es Kreistagsbeschlüsse aus den vergangenen Monaten, die Sie gern rückgängig machen würden?

Es ergäbe keinen Sinn, jetzt nachtreten zu wollen. Vielmehr hat mich nachdenklich gemacht, wie einige Beschlüsse zustande gekommen sind. Auch fand ich den Umgang der Fraktionen miteinander beziehungsweise mit der Verwaltungsspitze nicht immer empfehlenswert. Da sind manche Absprachen nicht eingehalten worden. Auch fand ich die ganze Diskussion um Herrn Erben überflüssig.

Was würden Sie als Landrat als erstes anpacken?

Da gibt es viele Baustellen. Zunächst würde ich gern alle Gemeinden an einen Tisch holen. Da gibt es viel zu besprechen. Zwei Beispiele: Wie können wir gemeinsam die schlechte Radwege-Situation im Landkreis verändern? Ein anderes Thema ist die Computer-Technik. Nicht jede Gemeinde arbeitet mit demselben System. Also können sich die Kommunen nicht verzahnen, können sich nicht gegenseitig unterstützen. Mir wäre wichtig, dies zu ändern.