Albert Dadure wurde nur 21 Jahre alt. Er gehört zu den zehn Millionen Menschen, die aus dem Ersten Weltkrieg nicht heimgekehrt sind. Die Gebeine des französischen Soldaten sind bei Restaurierungsarbeiten eines Schützengrabens gefunden worden. 98 Jahre nach seinem Tod bekam der junge Mann eine Grabstätte mit seiner persönlichen Identität in einer Totenstadt an der Marne. Der Angehörige des 23. Infanterieregiments starb am 15. Februar 1915 in Massiges in einem Schützengraben. Dieses Schlachtfeld gehört zur Hand von Massiges im Osten der Champagne-Front. Die Form dieses Schlachtfeldes gleicht einer linken Hand.

Marco König ist Tierarzt. Und leidenschaftlicher Langläufer. Der Burger gehört zu einer 30-köpfigen internationalen Gruppe, die mit einem Staffelstab in neun Etappen die Westfront des Weltkriegs abläuft. König sagt: "An solchen Schauplätzen wird deutlich, wie glücklich wir uns schätzen können, in eine friedliche Zeit hineingeboren worden zu sein." Eben hat er den Staffelstab weitergereicht. Jetzt steht er auf der "Main de Massiges", jener Hügelkette, auf der Soldat Dadure sein Leben verlor. "Sie sieht tatsächlich aus wie eine ausgestreckte linke Hand", mein König. 1914 und 1915 gab es hier brutale Schlachten - Metzeleien mit täglich 1000 Toten. Erst vor vier Wochen haben die Restaurateure hier die Überreste eines deutschen Soldaten gefunden.

Erich von Falkenhaynwar 1915 ein General der deutschen Heeresleitung. Mit seinen 160000 Soldaten wehrte er im Herbst in der Champagne eine französische Offensive ab. Es waren 450000 Angreifer. In den nächsten Jahren werden die Restaurateure von Main Massiges noch viele Leichname ausgraben. Im Februar 1915 haben die Deutschen lange Tunnel gegraben, die bis unter die französische Stellung oben auf dem Hügel führten. Viele Tonnen Sprengstoff haben sie in die Stollen gepresst und die ganze Stellung in die Luft gejagt. Noch heute kann man den großen Krater sehen, in dem 4000 Franzosen ihr Leben gelassen haben. So wie Albert Dadure.

Gerald Schmidt wird gern "der Chef" genannt. Er ist Vorsitzender der Burger Ihleläufer, die sich häufig an Wettkämpfen bis hin zum Marathon beteiligen. Den Lauf der Erinnerung hat seine Truppe mit Transporter und Anhänger in Angriff genommen. Zunächst 800 Kilometer bis zum Start im belgischen Nieuwpoort an der Küste. Wenn er seine Laufschuhe geschnürt hat, nennen ihn seine Freunde auch "die Bergziege". Das Leichtgewicht hat einen ganz eigenen, sehr eleganten Laufstil, mit dem er jede Steigung locker meistert. "Sehr viel besser kann man unseren Sport nicht mit Kultur und Geschichte verknüpfen", sagt Schmidt. Er hat mit seinen Leuten vor Jahren einen Staffellauf entlang der innerdeutschen Grenze absolviert.

Ernst Jünger war Schriftsteller. Als 20-Jähriger erlebte er den Krieg an der Westfront als Freiwilliger von 1915 bis 1918. Seine Briefe an die Familie lassen tief in die Gemütslage eines Soldaten blicken, der zunächst dem Krieg als großes Abenteuer entgegenfieberte, später das grausame Schlachten an der Kriegsfront am eigenen Leib erfährt. Jünger wurde dreimal verwundet. Er schrieb in sein Tagebuch: "Den Weihnachtsabend verbrachten wir in Stellung und stimmten im Schlamm unsere Weihnachtslieder an, die jedoch von den Engländern mit Maschinengewehren übertönt wurden. Gleich darauf versuchten die Engländer eine freundschaftliche Annäherung, indem sie einen Christbaum auf ihre Brustwehr stellten, der jedoch von unseren erbitterten Leuten mit einigen Schüssen heruntergefegt wurde." "In Stahlgewittern", lautet der Titel eines seiner Bücher.

Stefan Esser liebt Abenteuer: "Wenn ich Laufen gehe, dann am liebsten in schwierigem Gelände." Esser ist der Organisator des Laufs der Erinnerung. Der Autor arbeitet derzeit an einem Reiseführer, der diese Strecke beinhaltet. Titel: "Wege der Erinnerung". Für die Tour und für das Buch hat er die Strecke zuvor mit dem Fahrrad abgefahren, er hat die Koordinaten und Wegepunkte auf ein Navigationssystem übertragen, das die Läufer der Erinnerung in diesen Tagen benutzt haben. Esser meint: "In Deutschland wird die Erinnerung an diese grausamen Massenmorde durch den Zweiten Weltkrieg überdeckt. Dabei ist dieser Krieg das Fundament für alle folgenden Katastrophen."

Lazare Ponticelli starb im März 2008 in der Nähe von Paris. Dort wurde er mit allen Staatsehren beigesetzt. Frankreich feierte mit dieser Zeremonie den letzten Überlebenden des großen Schlachtens an der Westfront. Ponticelli wurde biblische 110 Jahre alt. Er gehörte zu den unrasierten, ungewaschenen Gestalten in den Schützengräben, die die Einheimischen als Muschkoten bezeichneten. Ähnliche staatliche Ehrungen bekam ein Mann namens Erich Kästner nicht. Der Namensvetter des Schriftstellers gilt mit 107 Jahren als letzter überlebender deutscher Soldat. Er wurde auch 2008 in Köln beerdigt - still und leise.

Siegfried und Bernd Klose haben wieder eine Lauf-etappe geschafft. Vater und Sohn aus Burg stehen am britischen Kriegsdenkmal "Menentor" in Ypern. Hier sind die Namen von fast 55000 vermissten Soldaten eingraviert. Jeden Abend um Punkt 20 Uhr zelebrieren die Briten einen zehnminütigen Zapfenstreich. Bernd Klose schwenkt seine Videokamera auf die Militärmusiker mit ihren Blasinstrumenten: "Einfach ergreifend. Jeden Tag um die tausend Zuschauer und trotzdem ist es muxmäuschen still", sagt der Marathonläufer. Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Vertreter der anderen 27 EU-Staaten hielten hier am Donnerstag eine Schweigeminute ab. In Flandern setzten die Deutschen 1915 zum ersten Mal Giftgas ein. Bei den Stellungskämpfen in der Region starben hunderttausende britische und deutsche Soldaten - im Grabenkrieg. Viele Leichen versanken im Schlamm der Felder von Flandern. Das Städtchen Ypern wurde in Schutt und Asche gelegt.

Ernst Wagenknecht war Gefreiter. In Fort-de-Malmaison, einem deutschen Soldatenfriedhof mit 11841 Kreuzen (entspricht der Bevölkerung einer Kleinstadt wie Genthin) aus dem Zweiten Weltkrieg, steht sein Name auf einem Kreuz. Im Gebäude liegt ein Hefter mit allen Namen. Zum Beispiel Ernst, der als Gefreiter fiel, ohne seinen 26. Geburtstag erlebt zu haben. Ein Kamerad von Ernst hieß Gustav, geboren 1902, zwei Kriege erlebt, 1944 in Frankreich gefallen. Diese Kriegsgräberstelle ist 1965 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ausgebaut und eingeweiht worden.

Martina Lorenz und Holger Müller schauen auf die Exponate des Museums in Peronne. Das Erinnerungslauf-Paar aus dem Jerichower Land schaut Hand in Hand auf die Ausstellungsstücke. Bis zu 30 Kilo Marschgepäck haben die Jungs damals zwischen den Schlachtfeldern mit sich rumgeschleppt: Decke, Verpflegung, Werkzeug, Waffe, Munition, Waschzeug... Die grauen Felduniformen waren alles andere als bequem. Müller zeigt sich beeindruckt: "Natürlich kann man sich das Wissen dazu anlesen. Doch hier an der ehemaligen Front haben wir diese grauenvollen vier Jahre quasi nacherlebt."

Matthias Erzberger war ein katholischer Reichstagsabgeordneter. Er saß am Morgen des 11. November in der nordfranzösische Stadt Compiègne dem französischen Marschall Ferdinand Foch gegenüber. Im Waggon eines Zuges unterzeichneten sie den Waffenstillstand. Der Große Krieg war zu Ende. Einen Sieger gab es nicht.

Klaus Randelblinzelt in die französische Abendsonne. Der 70-jährige Langstreckenläufer (Marathonbestzeit 3:11 Stunden) sitzt auf historisch wertvollem Beton in Compiègne. An dieser Stelle wurde der Waffenstillstand unterzeichnet, der den größten Krieg der Weltgeschichte beendete. Wo Randel jetzt sitzt, stand der Eisenbahnwaggon bis 1927. Dann wurde das marode Teil entsorgt. Randel fragt: "Was mag das wohl für eine Atmosphäre in diesem Waggon gewesen sein?"

Martin Schulz (SPD) ist (noch) EU-Parlamentspräsident. Er hat diesen ganz besonderer Moment verpasst: Nach 1100 Kilometern brennen die Oberschenkel. Die Laufschuhe sind grau vom Elsässer Straßenstaub. Doch die Gesichter von 30 Erinnerungsläufern strahlen mit der Straßburger Mittagssonne um die Wette. Der Tross bewegt sich geschlossen durch die ehrwürdige Altstadt. Spontan applaudieren Passanten, als sich Läufer vorbei an der Kathedrale in Richtung Europaparlament bewegen. Einige Athleten blicken auf 200 individuelle Laufkilometer zurück. Wie alle anderen lässt Holger Müller den Moment auf sich wirken: "Großartig!" Bernd Klose besorgt bei 30 Grad im Schatten zwei Sechserpacks eiskaltes Bier. Soweit das lachende Auge. Das weinende: Der Staffelstab enthält eine Urkunde, die am Parlament übergeben werden sollte. Es hat im Vorfeld auch entsprechende Absprachen gegeben. Aber es gab an diesem Nachmittag niemanden, der Zeit hatte. Der Gummersbacher Lauforganisator Stefan Esser meint: "Es ist frustrierend, ein solches Dokument in den Postkasten geben zu müssen." Soldat Albert Dadure hätte einen würdigeren Empfang verdient.

 

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