Ihren Strom könnte die Gemeinde Biederitz schon jetzt selbstständig erzeugen. Bei Wärme und Mobilität bestehen noch Nachholbedarf. Das ist das Ergebnis der Energieumfrage der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, die auf der jüngsten Ratssitzung vorgestellt wurde.

Biederitz l 2,3 Personen leben in der Gemeinde Biederitz durchschnittlich in einem Haushalt. Handelt es sich dabei um ein Haus, steht ihnen eine Wohnfläche von 130 Quadratmetern zur Verfügung, bei einer Wohnung sind es immerhin 79 Quadratmeter. Ihr Stromverbrauch liegt zumeist zwischen 2500 und 5000 Kilowattstunden. Rund 85 Euro geben sie dafür im Monat aus.

Die Zahlen stammen aus der Energieumfrage der Gemeinde Biederitz, die gemeinsam mit der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und mit dem Verein für Erneuerbare Energien Jerichower Land realisiert wurde. Die Ausgangsfrage lautete, ob die Gemeinde sich bis 2022 autark mit erneuerbarer Energie versorgen kann. Benjamin Knauft und Michael Seeger, die dazu ihre Masterarbeit geschrieben haben, stellten die Ergebnisse gemeinsam mit Prof. Franziska Scheffler im Gemeinderat vor.

Der Untersuchung zugrunde liegen 461 Fragebögen. Die Rücklaufquote von 12,5 Prozent sei super, sagte Prof. Scheffler. Normalerweise komme man nur auf zwei bis fünf Prozent. Mit 14 Prozent zeigten besonders die Biederitzer Interesse an der Studie, im ähnlich einwohnerstarken Gerwisch machten dagegen nur sieben Prozent der Haushalte mit.

"Eine Rücklaufquote von 12,5 Prozent ist ein super Ergebnis."

Prof. Franziska Scheffler

Gering war auch die Beteiligung der Unternehmen. Zwei Prozent füllten die Fragebögen aus. Die Studenten verzichteten auf eine Auswertung, zumal der Datenschutz nicht in jedem Fall hätte gewährleistet werden können. Das heißt: Wegen der geringen Beteiligung hätten Rückschlüsse daraus gezogen werden können, welche Firma welche Angaben gemacht hat. Über die Konzessionsabgabe konnten die Studenten dennoch den Energieverbrauch der Biederitzer Unternehmen in ihre Auswertung einarbeiten.

Für die Gemeinde ist interessant, dass zwei Drittel ihres gesamten Stromverbrauchs auf die Straßenbeleuchtung entfällt. 2011 und 2012 wurden insgesamt rund eine Million Kilowattstunden benötigt.

Zur Wärmeerzeugung wird von den Haushalten hauptsächlich Erdgas (80 Prozent) eingesetzt. 19 Prozent nutzen Erdöl und ein Prozent Kohle. Der durchschnittliche Verbrauch deckt sich mit dem Bundesverbrauch. Die monatlichen Kosten fürs Erdgas liegen im Durchschnitt bei rund 105 Euro. 30 Prozent der Häuser wurden nach Energieeffizienzstandard gebaut oder saniert. Außerdem gibt es in der Gemeinde zwei Plusenergiehäuser, die also mehr Energie erzeugen, als sie selbst verbrauchen. Auch Brennholz oder Holzpellets kommen zum Einsatz.

Die Zahl der Photovoltaikanlagen stieg von 37 (2011) auf 58 (2012). Acht Windräder stehen in der Gemeinde. Der Auswertung der Umfrage zufolge kann bereits jetzt 104 Prozent des Gesamtstromverbrauchs selbst produziert werden. Zum Ausgleich von Schwankungen bedürfe es aber einer "grundlastfähigen Technologie", erklärten Michael Seeger und Benjamin Knauft und schlugen Biogasanlagen vor. Für eine autarke Wärmeproduktion der Gemeinde Biederitz durch die Erzeugung von Biomethan bräuchte es eine Anbaufläche von 800 Hektar, um genügend Maissilage produzieren zu können. Auf viel Gegenliebe im Gemeinderat traf der Vorschlag der Biogasanlagen nicht. Karla Michalski (CDU) erkundigte sich nach Alternativen. Ein "gesunder Mix aus verschiedenen Technologien" ist laut Prof. Scheffler zu empfehlen. Sie nannte Windkraftanlagen, kleine Photovoltaikanlagen und Blockheizkraftwerke.

"Ohne Öffentlichen Nahverkehr kommen wir vom Auto nicht runter."

Wilfried Schmidt-Neteband

"Wir kommen vom Auto nicht runter, wenn wir keinen öffentlichen Nahverkehr mehr haben", sagte der Woltersdorfer Wilfried Schmidt-Neteband, der das Rederecht der Einwohner nutzte, und erntete Zustimmung durch Prof. Franziska Scheffler. In Sachen Mobilität sollen die ersten Empfehlungen an die Gemeinde herangetragen werden. Denkbar ist eine zentrale Ladestation für Elektrofahrzeuge.

Aus der Auswertung der Fragebögen geht hervor, dass die meisten Biederitzer fünf Tage in der Woche um die 45 Kilometer weit fahren. Da ist es laut den Studenten realistisch, wenn Familien ein Elektrofahrzeug haben, das diese Entfernung locker schaffe.

244 Haushalte gaben aber auch an, dass sie in Sachen Energie keine Einsparpotentiale mehr sehen. Durch Aufklärung könne gezeigt werden, dass doch noch Potentiale vorhanden seien, sind sich Benjamin Knauft und Michael Seeger sicher.

Von den 461 Teilnehmern kreuzten 222 das Nein an, ob sie sich an einer Gemeinschaftsinvestition beteiligen würden. 139 erklärten ihre Bereitschaft. Die meisten davon wären bereit, zwischen 1000 und 5000 Euro zu investieren.

Dirk Nowak vom Verein für Erneuerbare Energien Jerichower Land erkannte in den Ergebnissen der Umfrage eine "hohe Akzeptanz", zeigte sich zugleich aber auch nachdenklich, dass es weit mehr Autos als Kinder in der Gemeinde gebe und dass jährlich Millionen Euro für Benzinkosten ausgegeben werden. Als nächsten Schritt kündigte er ein Modellprojekt an.

Bürgermeister Kay Gericke bedankte sich bei allen Beteiligten für die geleistete Arbeit. Sein Hinweis, dass die Masterarbeit der Studenten - ein Exemplar soll in der Gemeinde ausgelegt werden - mit 1,0 bewertet worden sei, quittierten die Ratsmitglieder mit anerkennendem Tischklopfen.