100 Jahre liegen zwischen den Soldaten des Ersten Weltkriegs und den heutigen Bundeswehrangehörigen. "Es gibt mehr Parallelen als man glaubt", behauptet Militärpfarrer Andreas Kölling.

Genthin/Burg l Kaum 20 Jahre: Die Jungs an der französischen Westfront von 1914 waren im selben Alter wie die heutigen Soldaten aus der Burger Clausewitz-Kaserne. Ihr Militärpfarrer Andreas Kölling hat mit Hilfe von Antonia Beran die beiden Generationen verknüpft. Kölling sagt: "Nicht nur das Kochgeschirr der Soldaten war seinerzeit dem heutigen ähnlich."

Mit einem Dutzend Soldaten klopfte Kölling kürzlich an die Tür des Genthiner Kreismuseums. Hier hat Leiterin Antonia Beran mit ihrem kleinen Team eine Ausstellung zum Thema Erster Weltkrieg zusammengetragen. Nicht einfach so, sondern aus Sicht eines Genthiners: Des Schriftstellers Edlef Köppen.

1914 war er 21 Jahre jung und gehörte zu den Millionen Kriegsfreiwilligen, die sich im August zum Dienst meldeten: "Sie alle glaubten, dass sie Weihnachten als glorreicher Sieger wieder daheim feiern können", sagte Museums-Leiterin Beran. Doch statt der Heimreise erleidet Köppen jene schwere Lungenverletzung, an deren Spätfolgen er 1939 im Alter von nur 45 Jahren sterben wird.

Militärpfarrer Kölling hat eine weitere Parallele zu heute ausgemacht. Der Erste Weltkrieg begann mit zwei toten Menschen in Sarajevo beim Attentat auf Österreich-Ungarns Thronfolger Franz Ferdinand und seiner Gemahlin Sophie Chotek. Kölling: "Aktuell gilt der Tod dreier Studenten als Ursachen für den Krieg in Gaza zwischen Israel und Palestina."

100 Jahre zuvor gehört Edlef Köppen zu den Protagonisten eines wahnsinnigen Kriegs mit fast 17 Millionen Toten an zwei Fronten. Wie er diese Zeit erlebt, lässt er seiner Romanfigur Adolf Reisiger erzählen. Heeresbericht lautet der Titel. Student Reisiger kommt als Kriegsfreiwilliger 1914 zu einem Feldartillerieregiment, kämpft dort bis zu seiner Verwundung an der Westfront. Nach seiner Genesung 1916 wird Reisiger im Rang eines Offizierstellvertreters einem Regiment an der Ostfront zugeteilt. Antonia Beran: "Auch Köppen ist Befördert worden. Außer einigen Rechten gab es auch Pflichten, zum Beispiel musste er abends beim Skat mit den Offizieren so lange bleiben, bis der Hauptmann den Tisch auflöste." Und: "Für Köppen gab es den ungeliebten Zwang, mitsaufen zu müssen. Auch Bordelle gehörten in gewissen Kreisen zum Alltag."

Zwei Jahre später wird Reisiger wieder an die Westfront verlegt. Nachdem die Deutsche Frühjahrsoffensive 1918 keinen Durchbruch brachte, folgte im Juli 1918 der letzte Versuch, den Krieg zu gewinnen. Im Verlauf des Romans wird Reisigers wachsender Zweifel am Sinn dieses Krieges deutlich. Seine anfängliche Begeisterung hat sich bis 1918 ins Gegenteil verkehrt. Er bricht schließlich psychisch zusammen, wird in eine Heilanstalt eingeliefert.

Laut Antonia Beran sind die jungen Männer anfangs mit ihren ledernen Pickelhauben in den Krieg gezogen: "Stahlhelme gab es erst ab Sommer 1915, wegen der vielen Kopfverletzungen - nach und nach für die Soldaten aller Länder. Nur die Russen hatten bis Kriegsende keine."

Zwischen Pickelhauben und Zinnsoldaten in Glasvitrinen, Wandbildern und all den anderen Exponaten erzählt Leiterin Beran in ihrem kleinem Museum vom Alltag aus Kriegszeiten: "Mit jedem Kriegsmonat wuchs die Armut in Deutschland. Alles wurde der Waffenproduktion untergeordnet. Die berühmte Spielzeugfirma Bring produzierte Essgeschirr statt Modelleisenbahnen. Ein Laib enthielt nur noch 30 Prozent Brotgetreide. Der Bäcker durfte seine Backwaren nicht am Tag der Herstellung verkaufen, sondern einen Tag später. Weil frisches Brot zusätzlichen Appetit weckt."

Köppens "Heeresbericht" setzen die Nazis später auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums". Militärpfarrer Kölling fragt: "Wann lernen wir aus der Geschichte?" Er unterrichtet junge Soldaten im Fach Ethik.

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