DDR-Trabi neben Tschechen-Tatra - viel größer kann die Divergenz beim sozialistischen Automobilbau in den 60er Jahren nicht sein. Beim Oldtimer-Treffen in Woltersdorf sind den Betrachtern der beiden Fahrzeuge sicher einige Gedanken durch den Kopf gegangen.

Woltersdorf l Im glänzenden Lack der schwarzen Motorhaube des Tatra spiegelt sich der wolkige Himmel. Diese Nobelkarossen waren immer blitz-blank und gepflegt. Meist wurden sie von professionellen Fahrern gelenkt. Auf der hinteren Bank der Luxusklasse saß die Oberklasse. Für Otto-Normalverbraucher war die schwere Limousine unerreichbar. Dafür gab es ja den Trabi, zumindest nach einer nicht unerheblichen, jahrelangen Anmeldezeit.

Eine Schau alter Autos ist nicht nur ein Blick in die Historie der Technik, sondern auch in die gesellschaftlichen Umstände und Zustände. Beide Autos sind in sozialistischen Ländern hergestellt worden. Der Tatra stammt aus der CSSR, der Trabi bekannterweise aus der DDR. Im schwarzen Auto sind Partei und Regierung unterwegs gewesen. Kaum eine Privatperson konnte sich ein solches Auto leisten, durfte es vielleicht nicht einmal. Schwarze Nobelkarossen waren ein Privileg ganz weniger.

Acht Zylinder leisten mehr als 100 PS

In Woltersdorf konnte man das Auto aus allernächster Nähe in Augenschein nehmen. Dabei war natürlich der Motor von überwiegendem Interesse. Der ist mitten im üppigen Heckraum übersichtlich angeordnet. Es ist ein Viertaktmotor mit acht Zylindern, der bei 4800 Umdrehungen knapp über 100 PS leistet.

Hinter dem Auto, mit Blick in die geöffnete Heckklappe, haben der Besitzer aus dem Brandenburgischen und seine Frau ein Campingtischchen und Stühle aufgebaut. Ein Picknick-Korb steht im kühlen Schatten. Man prostet sich mit einem Glas Sekt zu. Dieser Wagen, ist zu erfahren, ist nicht der einzige Oldie im Besitz. Man stehe eben auf alte, fahrbereite Autos. Auch wenn sie - wie der Tatra - bis zu zwölf Liter Sprit fressen. Dafür hat man auf Jahre keine teuren Reparaturen wie die Neuwagenbesitzer, die nun immer mehr ganze Baugruppen bezahlen müssen, auch wenn nur ein kleines Teil defekt ist. Eine Glühlampe für den Scheinwerfer bekomme er heute noch zu kaufen und tauschen könne er sie auch selbst, sagt der Tatra-Eigner.

Auf einem Informationsblatt ist zu lesen, dass die Vorder- und Hinterachsen des wuchtigen Sechssitzers mit Schraubenfedern und Teleskopstoßdämpfern abgefedert sind. Der Wagen hat eine Zahnstangenlenkung, Zweikreis-Trommelbremse mit Bremshilfe, einen Zweigang-Scheibenwischer und eine Scheibenwaschanlage. Der Ölwechsel erfolgt alle 4000 Kilometer, die Schmierung alle 16 000 Kilometer.

Der Achtzylinder beschleunigt den Wagen innerhalb von 15 Sekunden von 0 auf 100 Kilometer pro Stunde. Das rund 1500 Kilogramm schwere Fahrzeug schafft 165 km/h in der Spitze.

Über drei Millionen Trabis wurden gebaut

Das sind Parameter, die den Unterschied zum Trabi nur noch deutlicher machen. Nicht Viertakter, sondern Zweitakter; nicht 1500 Kilogramm Gewicht, sondern 620; nicht Sechssitzer, sondern Viersitzer (bei Erwachsenen); nicht mehr als fünf, sondern gute drei Meter lang; nicht 105 PS, sondern 23.

Doch wer eine solche Rennpappe sein Eigen nennen konnte, dem schwoll die Stolzesbrust. Mit 60 Kilometer pro Stunde ging es im Durchschnitt von A nach B. Meist zuverlässig. Und wenn nicht, lagen Ersatzteile, einschließlich Nylonstrümpfe als Keilriemenersatz, im Kofferraum.

Jens Hübner aus Merzdorf bei Chemnitz ist seit 1983 Besitzer des ausgestellten P 60. Bis 1995 wurde das Auto noch täglich gefahren. Dann erfolgte die Restaurierung. Das Auto ist neu lackiert worden, die wichtigsten Baugruppen wurden überholt. Seit sieben Jahren ist das Fahrzeug für Veranstaltungen und Treffen wieder zugelassen.

Auch wenn der Tatra wegen seiner schnittigen Form in Westdeutschland einen Preis erhielt, kann der Trabi als solcher doch auf die spektakuläreren Rekorde verweisen. Allein vom Trabant 600 sind in der ersten Hälfte der 60er Jahre mehr als 106 000 Stück gefertigt worden. Insgesamt liefen mehr als drei Millionen Tabis vom Band.

 

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