Schon bald nach dem Ausbruch des 1. Weltkrieges ist auch der Truppenübungsplatz umfunktioniert in ein Lager für Kriegsgefangene. Schon 1915 waren hier 1200 Gefangene untergebracht, im Sommer 1917 waren es fast 12000. Der Loburger Udo Geißler hat jede Menge aus dieser Zeit gesammelt.

Loburg/Altengrabow l "Wir dürfen nicht vergessen", sagt der Loburger Udo Geißler. "Altengrabow hat nicht nur eine Geschichte rund um den 2. Weltkrieg. Auch von 1914 bis 1918 waren hier tausende kriegsgefangene Soldaten interniert."

Und so führt Geißler in seine Schatzkammer von Unterlagen, Fotos, Briefen, Soldbüchern, Ausrüstungsgegenständen aus dieser Zeit. Über viele Jahre hat er das zusammengetragen. "Das ist unsere Geschichte. Auch wenn sie länger her ist als 1945." Im 2. Weltkrieg waren in Altengrabow bekanntlich über 62000 Kriegsgefangene festgesetzt.

Zu den ersten Kriegsfangenen in Altengrabow gehörte ein Franzose, der, weil er überlebte, später ein großer Schauspieler und Chansonier werden konnte: Maurice Chevalier (1888 bis 1972). Schwer verwundet kam der junge Soldat bereits Ende 1914 nach Altengrabow. Er blieb gut zwei Jahre hier, wurde im Oktober 1916 auf die Austauschliste für Sanitätspersonal gesetzt. Chevalier wirkte später in über 50 Filmen mit. Seine wichtigste Rolle hatte er in "Gigi" im Jahr 1958. Neun Oscars heimste der Streifen ein.

In Altengrabow stellten Franzosen das größte Kontigent. Am 26. Juni 1917 waren von 11 375 Gefangenen 5 375 Franzosen, zählt Geißler vor. Zudem gab es Russen, Belgier, Engländer, Schotten, dunkelhäutige Zuaven ...

In Deutschland war man bei Kriegsausbruch von 25 000 Gefangenen im ersten Monat ausgegangen. Das war viel zu wenig. Bereits am 11. August 1914 musste das Kriegsministerium neue Regeln erlassen. Bei Kriegsende, Stand 10. Oktober 1918, gab es in Deutschland 95 Mannschaftsgefangenenlager und 80 Offizierslager. 25 Millionen Kriegsgefangene lebten in den deutschen Lagern.

Das Generalkommando hatte im Bezirk zwölf Gefangenenlager eingerichtet, vier für etwa 2500 Offizieren und acht Mannschaftsgefangenenlager, in denen etwa 120 000 Unteroffiziere und Mannschaften untergebracht waren. Die Offiziere waren in Burg, Halle, Magdeburg und Torgau interniert. Die Mannschaftslager waren in Altengrabow mit dem Arbeitslager Groß Wusterwitz, Gardelegen, Merseburg, Quedlinburg, Salzwedel mit dem Arbeitslager Werben, in Stendal mit dem Arbeitslager Parey, in Wittenberg und Zerbst.

Nachdem in Lagern Seuchen aufgetreten waren, mussten sich fortan alle Gefangenen einer gründlichen Reinigung und Entlausung unterziehen. Bei Seuchenverdacht kamen sie in Quarantänelager. Geimpft wurden sie gegen Pocken, Cholera und Typhus.

In den ersten Monaten kamen die Gefangenen bunt zusammengewürfelt in den Lagern an, was sich als problematisch erweisen sollte. Es wurden Sonderlager eingerichtet, etwa für Inder (Wunsdorf), Muslime oder Schwarzafrikaner (Wunsdorf und Zossen). Ein Großteil der Inder und Afrikaner wurde 1917 in das von Deutschland besetzte Rumänien verlegt.

Wie überlebt man, wie Maurice Chevalier, zwei Jahre Kriegsgefangenenlager in Altengrabow? "Schwer zu sagen, es gab auch Theater und Pakete für die Gefangenen", weiß Geißler. Es war aber anders als etwa mit den Russen im 2. Weltkrieg, die bei geringsten Rationen faktisch dem Hungertod ausgeliefert wurden. Viele Gefangene arbeiteten. In der Landwirtschaft außerhalb der Lager waren Arbeitskräfte bitter nötig.

"Die Gefangenen sollen alles erhalten, was sie zu ihrem Lebensunterhalt benötigen - aber nicht mehr", ordnete das preußische Kriegsministerium an. Für Altengrabow bedeutete das zum Beispiel pro Kopf laut Speiseplan vom 12. Oktober 1915: Morgenkost: Maismehl 50 Gramm, Zucker 30 Gramm, Mittagskost: Salzfisch 125 Gramm, Kartoffeln 750 Gramm, Sojaöl 20 Gramm, Mostrich 20 Gramm, Fischrogen 75 Gramm, Abendkost: Blutwurst 100 Gramm, Kartoffeln 500 Gramm, Sojaöl 15 Gramm.

   

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