Allein in zehntausend Haushalten rund um Burg liegen die Übertragungsraten im Internet weit unter 50 Mbit/s. Wer einen Film im Internet sehen will, muss viel Wartezeit fürs Laden einplanen, ein Foto ins soziale Netzwerk hochladen, kann schief gehen und ein Videoanruf ins Ausland ist nahezu damit unmöglich.

Burg/Genthin l Muss denn wirklich jeder Bürger eine Downloadgeschwindigkeit von 50 Megabit je Sekunde (Mbit/s) an seinem Rechner erreichen können? Die Bundesregierung sagt Ja. Und hat den flächendeckenden Aufbau der Hochgeschwindigkeitsnetze bis zum Jahr 2018 als Ziel in ihrer Digitalen Agenda festgeschrieben. Darin heißt es: "Die verschiedenen digitalen Angebote können helfen, einen echten Nachteilsausgleich vor allem für die ländlichen Regionen zu etablieren."

In der Kreisverwaltung des Jerichower Landes hat man in Sachen Breitbanderschließung noch Zweifel. "Ein Hochleistungsdatennetz für jeden Haushalt ist eine Illusion", sagt Kreissprecher Henry Liebe. Und verweist auf die Machbarkeitsstudie, die der Landkreis bei einer Schönebecker Firma in Auftrag gegeben hat. Und die von den Hauptverwaltungsbeamten des Kreises vor wenigen Wochen ausgiebig diskutiert wurde.

Das Ergebnis: Eine flächendeckende 50 Mbit/s-Versorgung wurde dabei als unrealistisch eingestuft. "Jedoch sollen individuelle Lösungen in den Gemeinden gefunden werden", zieht Liebe ein Resümee. Doch bis zu konkreten Planungen von förderfähigen Maßnahmen bedürfe es noch einer "weitreichenden Vorbereitung", um Kapazitäten von mindestens 50 Mbit/s vorhalten zu können.

Notwendig für Facebook, YouTube, Cloud und Co.

Doch wofür so eine hohe Downloadgeschwindigkeit? Seiten im Internet bauen sich schneller auf, große Datenmengen können unkompliziert bei einem Online-Speicherdienst gesichert, eigene Videos sowie Fotos können problemlos ins Netz geladen werden und auch Filme online anzusehen ist ohne Ruckeln und zeitlichen Verzug möglich. Und wessen Freunde oder Verwandte im Ausland leben, der kann sie unkompliziert mit einem Videoanruf überraschen.

Doch wer legt im Kreis eigentlich auf so hohe Datenraten wert? Laut Machbarkeitsstudie wird die Nachfrage nach schnellem Internet im Jerichower Land noch als gering eingestuft. Nur jeder zweite Bewohner im Kreis nutzt das Internet persönlich. Das geht laut Studie aus einer aktuellen Verbraucheranalyse hervor. Und nicht einmal jeder Vierte verbringt mehr als zwei Stunden täglich im Netz.

Priorität hat Breitband in den Gewerbegebieten

Für Landrat Steffen Burchhardt liegt damit die Priorität auf der Verbesserung der Internetversorgung in den Industrie- und Gewerbegebieten, "da die Unternehmen darauf angewiesen sind". Ergebnis der Studie: Die Gewerbegebiete im Kreis sind überwiegend mit 16 Mbit/s erschlossen. Einige verfügen sogar nur über eine Anbindung mit 6 Mbit/s. Bei weitem erreicht keines der Gebiete eine Datenrate von 50 Mbit/s. Doch schnelles Internet ist die Voraussetzung, um wirtschaftlich nicht abgehängt zu werden. Zwei Beispiele: Ein Architekt muss große Pläne verschicken, ein Landwirt Dutzende Anträge über das Internet ausfüllen können.

Die müssten allerdings auch in Sachen Förderprogramm ausgefüllt werden. Burchhardts Meinung dazu: Schon jetzt sei klar, dass die zur Verfügung stehenden Fördermittel nicht für eine flächendeckende Versorgung im Sachsen-Anhalt ausreichen werden. Und wenn es doch noch Fördermittel geben sollte, seien viele Kommunen aufgrund leerer Haushaltskassen nicht in der Lage, den finanziellen Eigenanteil aufzubringen - "geschweige denn die vollständige Eigenfinanzierung bei Nichtförderung zu übernehmen", erklärt Kreissprecher Liebe.

Die Krux: Wer schon einmal gefördert wurde, kann nicht mehr auf das neue Förderprogramm zur Breitbandversorgung zurückgreifen. Während im Süden des Kreises, rund um Burg, Biederitz und Gommern, bereits DSL-Projekte zur Grundversorgung gefördert wurden, fand im Norden zwischen Jerichow und Schlagenthin, der Ausbau der Internetversorgung per Funk mit Fördermitteln statt.

Private Anbieter an Stelle von Fördermitteln

Jetzt sehen die Bürgermeister die "Lösung des Problems in örtlich zugeschnittenen, im Bedarfsfall privatwirtschaftlich organisierten, Vorgehensweisen", erklärt Henry Liebe. Wie die aussehen könnten, weiß Genthins Bürgermeister Thomas Barz aus Erfahrung. Laut Studie können in Genthin bereits mehr als 4000 Haushalte bei einer Geschwindigkeit von 50 Mbit/s surfen.

In Genthin habe man mit vielen Unternehmen, von der Telekom über Kabel Deutschland und Funkanbietern, gesprochen und Vorhaben abgestimmt. Barz: "Wir halten es für wirkungsvoller, nicht nur mit Fördermitteln zu kokettieren, sondern auch den `Markt` agieren zu lassen und für `weiße Flecken` kleinteiligere Lösungen anzustreben."