Burg/Genthin l In Burg kostet ein Kubikmeter Trinkwasser 89 Cent. Wer nur wenige Kilometer südlich in Möckern den Wasserhahn laufen lässt, zahlt mit 1,70 Euro fast den doppelten Preis. Hinzu kommt, dass dort die monatliche Grundgebühr etwa 50 Prozent höher liegt.

Eine Karte mit den Trink- und Abwasseranbietern im Jerichower Land (siehe Grafik) erinnert an einen bunten Streuselkuchen. Die 94000 Einwohner des Landkreises werden von fünf Trinkwasseranbietern versorgt. Um das Abwasser kümmern sich sogar acht Unternehmen. Kritiker meinen, da haben sich unzählige Fürstentümer etabliert.

Sachsen-Anhalts Landwirtschaftsminister Hermann Onko Aeikens (CDU) will eine Reform der Wasser- und Abwasserstrukturen. Er sagt: "Unser Ziel muss sein, die Entgelte auf einem sozial verträglichen Niveau zu halten. Und den wirtschaftlichen Betrieb der Anlagen zu gewährleisten."

Der Minister meint: "Größere Einheiten haben grundsätzlich bessere Möglichkeiten, Kosten zu sparen. Ausgaben, die unabhängig von der Anzahl der Einwohner und sonstigen Faktoren anfallen, könnten reduziert werden." Zudem favorisiert er Unternehmen, die Trink- und Abwasser aus einer Hand anbieten.

Wie erwartet sehen das die hiesigen Wasserunternehmen ganz anders. Heidewasser-Geschäftsführer Bernd Wienig sagt: "Es bedarf 20 Jahre und länger, solche Entwicklungen in Gang zu setzen. Ein Zusammenwachsen von Anbietern könnte zunächst über Kooperationen eingeleitet werden."

Landwirtschaftsminister Aeikens präsentiert bereits ein Leitbild für die "Wasserlandschaft" in Sachsen-Anhalt. Danach gibt es zwischen Havelberg und Zerbst nur noch zwei große Unternehmen. Bernd Wienig meint: "Diese Prognose wird niemals Realität werden."

Genthins ehemaliger TAV-Geschäftsführer Bernd Kremkau (seit April im Ruhestand) steht Veränderungen offener gegenüber. Aber auch er sieht die Schwierigkeiten im Detail: "Eines Tages werden die Verbraucherpreise diesen Markt regulieren." Er sagt aber auch: "Optimale Strukturen lassen sich nicht über die Größe einer Fläche definieren." Er bezweifelt, dass "ein größerer Versorgungsbereich wirtschaftliche Vorteile bringt. Wir betreuen die Menschen hier vor Ort".

Aeikens Vorschlag sieht 28 Wasseranbieter vor, die sowohl für die öffentliche Wasserversorgung als auch für die Abwasserbeseitigung zuständig sein sollen. Mit Blick auf sinkende Einwohnerzahlen sagt Aeikens: "Wegen der gleichbleibend hohen Fixkosten von bis zu 80 Prozent führt ein niedrigerer Wasserverbrauch unvermeidlich zu Entgelterhöhungen, wenn nicht an anderer Stelle Kosten gesenkt werden."

2014 gab es in Sachsen-Anhalt 49 Zweckverbände zur Abwasserbeseitigung. 1994 waren es noch 106. Die Anzahl der Trinkwasseranbieter hatte sich bis Anfang 2014 auf 60 verringert. 2008 gab es noch 73 Versorger. Bei solchen Trinkwasser-Versorgern handelt es sich um Zweckverbände, teilweise um Gemeinden oder um kommunale und privatrechtliche Anbieter.

Laut Berechnungen des Landwirtschaftsministeriums liegen im Abwasserbereich die Belastung für die Verbraucher in Sachsen-Anhalt mit 133 Euro unter dem Bundesdurchschnitt von 145 Euro. Es gebe jedoch große regionale Unterschiede. Auch die Trinkwasserpreise liegen mit 93 Euro pro Einwohner und Jahr unter dem bundesdeutschen Durchschnitt (95 Euro).

Noch ist der Wasserverband Burg der günstigste Anbieter im Jerichower Land. Noch! "In diesem Jahr werden wir uns mit der neuen Kalkulation beschäftigen müssen", sagte Geschäftsführer Mario Schmidt zur Volksstimme. Verantwortlich für die aktuelle Preisstruktur des Verbandes sind Turbulenzen vom Anfang des Jahrtausends. Eine Preissenkung im Jahr 2006 wurde möglich nach einer gründlichen Revision im Verband. Die Kommunalaufsicht des Kreises hatte erhebliche Verstöße moniert. Die Geschäftsführung wurde abgelöst. Die Gebühren für die Verbraucher waren zu hoch kalkuliert. So hatte der Verband Festgelder von nahezu zehn Millionen Euro angehäuft. Der Verband darf aber laut Kommunalem Abgabegesetz nur kostendeckend, nicht aber gewinnorientiert arbeiten. Eine üppige Kapitalrücklage wurde aufgelöst.

Minister Aeikens stellte kürzlich sein Leitbild vor, überlässt es aber der Wasserlobby, ob sie die Vorgaben umsetzen will. Aeikens erklärt: "Die kommunalen Aufgabenträger entscheiden in eigener Verantwortung, ob sie den Überlegungen der Landesregierung folgen wollen, andere Strukturen bilden oder den Status quo beibehalten."

Die meisten Trinkwasserversorger holen das Wasser nicht aus der Erde, sondern kaufen es ein. Verkäufer ist die Trinkwasserversorgung Magdeburg GmbH (TWM), die das Wasser fördert. Diese Versorger sind im Jerichower Land zum Beispiel der Wasserverband Burg, der TAV Genthin und die Heidewasser GmbH.

Zu den Zwergen unter den Wasseranbietern gehört der Trink- und Abwasserzweckverband Wahlitz/Menz/Gübs. In den drei Orten versorgt das Unternehmen knapp 2000 Einwohner. Geschäftsführer Heiner Wolter: "Wir kümmern uns um Trink- und Abwasser, nutzen von daher die entsprechenden Synergieeffekte." Auch seiner Meinung nach ist Größe kein Qualitätsmerkmal: "Wir haben vernünftige Kalkulationen und ebenso vernünftige Preise.

Dem gegenüber steht mit der Heidewasser GmbH ein regionaler Versorgungs-Riese. Das Unternehmen in kommunalem Eigentum wurde 1993 gegründet vom Wasserverband Haldensleben, Wasserversorgungsverband "Im Burger Land" und Wasserverband Westfläming. Hinzu kamen später der Wasser- und Abwasserzweckverband Gommern, die Stadt Zerbst, der Wasserzweckverband Oranienbaum-Wörlitz-Vockerode, der Abwasserzweckverband Zerbst sowie der Abwasserzweckverband Möckern als weitere Gesellschafter.

In den vergangenen Jahren wurde neben dem Hauptgeschäftsfeld Trinkwasserversorgung der Dienstleistungsbereich der Schmutzwasserbeseitigung aufgebaut.

Zu den Problemen der Versorger gehört die Tatsache, dass es sich nicht immer um zusammenhängende Gebiete handelt. Mitten im Versorgungsgebiet des Wasserverbands Burg befinden sich an der Schleuse Niegripp die Leitungen der Heidewasser GmbH (diese Leitungen sind samt Straße beim Hochwasser 2013 zerstört worden). Jedoch sagt Wasserverbands-Geschäftsführer Mario Schmidt: "Es würde betriebswirtschaftlich keinen Sinn ergeben, die Versorgung der Grundstücke zu übertragen." Heidewasser-Geschäftsführer Bernd Wienig meint: "Es sind in der Vergangenheit auf Seiten der Politik Fehler gemacht worden. Nicht jedes Projekt hätte auch genehmigt werden dürfen."

In punkto Wasser ist Wüstenjerichow ein gallisches Dorf im Landkreis. Hier gibt es keine zentralen Abwasserleitungen. Hier liefert die Heidewasser GmbH das Trinkwasser, während der TAV Genthin das Abwasser entsorgt und berechnet. Zu den Anbietern im Jerichower Land gehört auch der Wolmirstedter Wasser- und Abwasserzweckverband (WWAZ). Der WWAZ verantwortet seit 2012 unter anderem das Abwassergeschäft in der Gemeinde Möser, in Biederitz, Heyrothsberge, Woltersdorf und Königsborn.

Geschäftsführer Jörg Meseberg hält das Leitbild aus dem Ministerium für einen Schritt in die richtige Richtung: "Die Zusammenführung von Aufgaben und die Vergrößerung von Strukturen führen grundsätzlich dazu, dass Ressourcen besser ausgenutzt werden." Seiner Meinung nach lassen sich nur durch Fusionen die Betriebskosten und damit die Gebühren für Verbraucher senken, weil dies die Doppelbelastung durch zwei Verwaltungen erspart. Aber: "Jedoch sollten die Verbände nicht zu groß sein." Er sieht im Leitbild "gesunde Größen".

Im Preisvergleich gehört der Wolmirstedter Verband zu den günstigen Anbietern. Meseberg: "Aber es verbietet sich, Kostenvergleiche anzustellen, ohne den Aufgabenträger genauer zu betrachten. Wir haben viel Gewerbe, das unser Wasser kauft. Daher können wir derzeit einen Preis von 91 Cent pro Kubikmeter anbieten."

Auffällig ist, dass es kaum Kooperationen oder Zusammenarbeit unter den hiesigen Versorgern gibt. Mario Schmidt sagt: "Dies ist auch schwierig, weil die Voraussetzungen noch nicht stimmen. Die Kläranlagen arbeiten mit verschiedenen Techniken, die Entgeld-Satzungen sind unterschiedlich."

Zwischen Burg und Genthin habe es mal eine Kooperation gegeben, die aber in der Vergangenheit eingeschlafen ist. Auch ein Zusammenwachsen mit Havelberg kommt laut Bernd Kremkau nicht zustande: "Die haben eine stärkere Bindung nach Stendal."

 

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