Vor Jahren galt er bei uns als ausgestorben - derzeit wächst die Population des Wolfes in unseren Breiten an. In Altengrabow gelten 17 Tiere als nachgewiesen. Die scheuen Beutejäger sorgen häufiger für Schlagzeilen. Das jüngste Beispiel kommt aus Wüstenjerichow.

Wüstenjerichow/Körbelitz/Gerwisch l Ein Wolf hat wohl die sechs Damwild-Tiere vor gut einer Woche aus einem Damwildgatter bei Wüstenjerichow gerissen. Das sagt jetzt Andreas Berbig von der Landesreferenzstelle Wolfsschutz. "Zwar konnte der Kollege vor Ort nur noch die skelettierten Überreste feststellen, aber dass es ein Wolf war, ist ziemlich wahrscheinlich." Dafür sprechen die eindeutigen Zeichen. Die Biss- und Schleppspuren sowie der untergrabene Zaun seien charakteristisch für den Wolf.

"Anhand der Verletzungen am Wildkörper (Drosselbiss), die Art und Weise, den Spuren am Fundort kann man den Verursacher zuordnen," weiß Klaus Puffer, Wolfsbeauftragter des Bundesforstbetriebes Nördliches Sachsen-Anhalt. Vollständige Gewissheit erreiche man aber nur durch die Genetik, beispielsweise über eine Speichelprobe vom Kehlbiss.

In den vergangenen Wochen mehren sich die tierischen Opfer in der Region. Mitte März wurden auf einem Feld bei Körbelitz zwei Mutterschafe getötet und acht Lämmer verschleppt. Vor über einer Woche wurden bei Gerwisch zehn Schafe gerissen. Und jetzt ganz aktuell der Vorfall in Wüstenjerichow. Überall kann der Wolf als Täter nicht ausgeschlossen werden. Oft sind die Spuren eindeutig. "Zum einen nimmt die Anzahl der Wölfe zu, zum anderen beginnt die Zeit, wo die neuen Welpen geboren werden. Die Einjährigen ziehen dann los und suchen ihr eigenes Gebiet", erklärt Puffer. Berbig ergänzt: "Der Wolf befindet sich in der Ausbreitung. Das hat sich vor allem in den vergangenen zwei Jahren entwickelt." Dabei nutze er auch die Gelegenheit über Nutztiere herzufallen. "Entsprechende Schutzmaßnahmen sind noch nicht überall angekommen", erklärt Berbig und meint damit: den Zaun in die Erde eingraben, einen Untergrabeschutz sowie eine Zaunhöhe von mindestens 1,40 Meter. Puffer rät den Schäfern und Landwirten noch zu Elektrozäunen und Herdenhunden. Zusätzliche Elemente, die dem Tier- oder Gatterhalter Geld kosten. Das Amt für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten Anhalt ist zuständig für die Antragstellung und Bewilligung der finanziellen Unterstützung von Herdenschutzmaßnahmen in ganz Sachsen-Anhalt. Bis zum 15. Mai können hier noch weitere Anträge eingehen. "Die Präventionsarbeit läuft jetzt im dritten Jahr und wir wollen das weiter stärken. Es wird ein längerer Prozess sein, die Notwendigkeit dieser Maßnahmen den Menschen bewusst zu machen", so der Experte.

Das Konfliktpotenzial, weil es immer mehr Sichtungen gibt, werde weiter zunehmen, ist sich der Wolfsbeauftragte der Bundesforst sicher. "Die Tiere sind anscheinend nicht so scheu, wie von uns zugebilligt wurde. Darüber werden wir auch diskutieren", macht Berbig deutlich. Die Präsenz des Wolfes sei jedoch noch nicht so, dass man handeln müsse. Aber: "Wir ignorieren es nicht", stellt der Experte klar. Im Herbst 2014 sind 17 Tiere durch Fotofallen auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow gelaufen. In ganz Sachsen-Anhalt lebten Ende April 2014 49 Tiere.

Begegnet man einem Wolf beim Waldspaziergang empfiehlt Puffer, die Ruhe zu bewahren. "In diesem Fall immer den Blickkontakt zum Wolf halten, in die Hände klatschen oder laut rufen. Im Normalfall sucht er dann das Weite", erklärt Puffer. Denn: Wölfe meiden in der Regel den Kontakt zu Menschen. Gefährlich könne es werden, wenn man Wölfe füttert oder wenn die Tiere krank sind. "Es gibt in den letzten Jahrzehnten tödliche Übergriffe von Wölfen auf Menschen in Europa bzw. in der Welt. Hauptsächlich durch Tollwut erkrankte Wölfe. Diese sind aber zum Glück sehr selten", sagt der Wolfsbeauftragte. Berbig ergänzt: "Mir ist in Sachsen-Anhalt noch kein Vorfall bekannt geworden, wo ein Mensch gefährdet war."

Die Notrufnummer bei gerissenen Nutztieren ist die 0162/3133949.