Genthin. Das Modellprojekt "Bürgerarbeit" ist für viele Genthiner kein Fremdwort. In drei Einrichtungen der Kanalstadt sollen Langzeitarbeitslose auf den Wiedereinstieg in den Beruf vorbereitet werden. Nach dieser "Aktivierungsphase" sollen 180 der 650 Lehrgangsteilnehmer einen "Bürgerarbeitsplatz" bekommen. Offene Fragen sollten am Montag bei einer Diskussionsveranstaltung in der St. Trinitatiskirche geklärt werden.

Mit der Hoffnung, Konkretes über die Bürgerarbeit zu erfahren, kamen etwa 20 Betroffene zum Forum. Superintendentin Ute Mertens moderierte die Runde mit Experten aus Wirtschaft und Politik. Martina von Witten machte die Ängste der Träger deutlich: "Was wird aus den Einrichtungen, die ihre Ein-Euro-Kräfte verlieren? Und vor allem, was wird aus den Menschen, die durch die Nebenbeschäftigung wieder eine Aufgabe hatten, und die nun durch das Raster fallen?" Die Geschäftsführerin der Diakonie verwies auch auf ihre guten Erfahrungen mit Ein-Euro-Kräften und regte eine Weiterentwicklung dieses Instruments an. Durch die Kürzung dieser Stellen sieht die Diakonie sich vor Finanzierungsschwierigkeiten gestellt. "Bislang hatten wir 25 Ein-Euro-Jobber in der Diakonie Burg. Ab jetzt müssen wir mit 10 Kräften auskommen."

Torsten Narr betonte, dass die Bürgerarbeit in Genthin nicht bedeute, dass es keine Ein-Euro-Kräfte mehr geben würde. Der Geschäftsführer des Job-Centers Jerichower Land räumte aber eine Reduktion dieser Stellen ein. Auf die Frage aus dem Publikum, was mit Einrichtungen und Betroffenen wird, konnte er noch keine Antwort geben.

"Wenn die Diakonie 25 Leute braucht, muss sie die fest anstellen und bezahlen", stellte Bürgermeister Wolfgang Bernicke -mit selbst eingeräumten Hang zum Zynismus - in den Raum. Wer das bezahlen soll, weiß er allerdings auch nicht.

Harry Czeke (Die Linke) hält Bürgerarbeit ebenfalls "nicht für den Stein der Weisen". Matthias Graner (SPD) nannte das Projekt "eine theoretisch gute Idee", bemängelte aber die Umsetzung. Er kritisierte den enormen bürokratischen Aufwand und die knappe Bezahlung. "Für 30 Stunden in der Woche sind 900 Euro brutto ge-plant", so Torsten Narr.

Viele Zuhörer hatten sich mehr Informationen gewünscht. Zwei Teilnehmerinnen verließen während des Gesprächs aufgebracht den Raum, "weil es hier keine Antworten gibt." Hans-Jörg Schadei blieb bis zum Schluss. Er absolviert einen Lehrgang im Genthiner Ärztehaus. Dies gehört zur Aktivierungsphase. Dieser Abschnitt dauert mindestens sechs Monate. Theoretisch sollen die Betroffenen danach in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden. Allen anderen soll laut Konzept ein Bürgerarbeitsplatz angeboten werden. "Über so eine Aufgabe würde ich mich sehr freuen", sagt Hans-Jörg Schadei. "Ich dachte, ich erfahre hier etwas über meine Möglichkeiten nach dem Lehrgang. Dazu gab es aber kaum Informationen." Bürgermeister Bernicke meinte, dass sich das Projekt erst bewähren müsse und schlug einen "Erfahrungsaustausch in sechs Monaten" vor.

"Dann muss ich nicht mehr wissen, was ich nach dem Lehrgang machen kann", sagte eine Teilnehmerin, "dann ist der ja längst vorbei."