Lernen durch Handeln. Genau das steht derzeit für die achten, neunten und zehnten Klassen der Kalbenser Sekundarschule auf dem Unterrichtsprogramm. Für sie wird ein Planspiel zur Unterbringung von Asylbewerbern veranstaltet - in Kalbe ein hoch aktuelles Thema.

Kalbe l "Hier müssen die Schüler ganz klar selbst Stellung beziehen, und können nicht nur das sagen, was andere ihnen erzählt haben", erklärt Schulsozialarbeiterin Susann Appelmann und blickt sich begeistert in der Aula der Kalbenser Sekundarschule um. Dort sitzen mehrere Arbeitsgruppen, bestehend aus Schülern der beiden achten Klassen, an Tischen zusammen.

"Waren der Meinung, wir müssen handeln."

Und sie kommunizieren eifrig, sowohl untereinander als auch mit den anderen Gruppen. Denn das Thema, das da im Zuge eines fünfstündigen Planspiels behandelt wird, birgt jede Menge Diskussionsstoff. Es lautet: "Bergstadt soll zehn Asylbewerber bekommen." Bergstadt ist ein fiktiver Ort irgendwo in Deutschland, für dessen 20000 Einwohner das Ganze gar nicht so neu ist. Denn dort leben bereits 30 Asylbewerber. Genau diese Anzahl wird in den kommenden Wochen und Monaten auch in Kalbe erwartet. Und dieser Ort ist real.

Weil es bereits Vorkommnisse gab, bei denen fremdenfeindliche Parolen an Gebäude, auch an die Sekundarschule selbst, geschmiert wurden, hat sich Susann Appelmann in Abstimmung mit der Schulleitung und dem Lehrerkollegium entschieden, das Thema, das zuvor auch schon im Ethikunterricht behandelt worden ist, im Zuge eines Planspiels aufzugreifen. Während sich am gestrigen Mittwoch die Achtklässler damit beschäftigt haben, sind heute die Neunt- und morgen die Zehntklässler an der Reihe.

"Wir waren der Meinung, wir müssen handeln", sagt Susann Appelmann. Denn das, was zum Teil auf dem Schulhof, aber auch in der gesamten Einheitsgemeinde kursiere, zeuge doch davon, dass die Unwissenheit sehr groß sei. Das Planspiel soll dies ändern.

Und so trägt Susann Appelmann zu Beginn erst einmal den jüngsten Volksstimme-Bericht über die geplante Unterbringung von Kriegsflüchtlingen und Asylbewerbern und die damit zusammenhängenden Sachbeschädigungen in Kalbe vor. Hinterher stellt sie anhand des fiktiven Ortes Bergstadt eine Fallstudie vor. Und die Schüler haben daraufhin fünf Arbeitsgruppen zu bilden, die sich damit beschäftigen sollen, wo und wie die Neuankömmlinge denn untergebracht werden könnten.

Da gibt es den Arbeitskreis Asyl, dann gibt es eine Mieterinitiative, die evangelische Kirche, den Jugendtreff, das Sozialamt, und es gibt die Presse, die als Informationsmedium, aber auch als neutraler Beobachter fungieren soll. Mittendrin sitzt Susann Appelmann. Sie ist nicht nur die Spielleiterin, sondern sie schlüpft auch gleichzeitig in verschiedene Rollen, zum Beispiel in die der Bürgermeisterin von Bergstadt.

"Das ist Lernen durch Handeln."

Um so richtig loslegen und eigene Argumente und Strategien entwickeln zu können, müssen sich die einzelnen Arbeitsgruppen erst einmal damit beschäftigen, was das Asylrecht überhaupt aussagt und welche Gründe es dafür gibt, dass Menschen aus ihren Heimatländern fliehen. Dabei wird einigen Schülern zum ersten Mal richtig bewusst, dass es längst nicht nur die viel gescholtene Wirtschaftsflucht gibt, sondern dass es für viele vor allem darum geht, das eigene Leben und das der Familie zu schützen.

Letzlich haben die Schüler die Aufgabe, im Zuge einer gemeinsamen Konferenz der Arbeitsgruppen herauszufinden, welches die beste Lösung für die Unterbringung der neuen Asylbewerber wäre.

"Das ist Lernen durch Handeln", sagt Susann Appelmann. Und nicht nur sie ist überzeugt davon, dass dadurch noch viel mehr als sonst üblich in den Köpfen der Schüler hängen bleibt.