"Parlez-vous français?" Die Frage könnte sich für Gardeleger Gymnasiasten bald erübrigt haben. Ab Herbst fehlt es an Französischlehrern. Zwei gehen in den Ruhestand - ein junger Kollege gab auf, weil seine französischen Abschlüsse nicht anerkannt wurden. Das Kultusministerium hat eine "begründete Hoffnung" auf Ersatz.

Gardelegen l Wir sind Europa - die Bundesregierung propagiert es, die Länder stimmen stets ein. Wenn es jedoch um die Anerkennung von Abschlüssen geht, scheint Verständigung ein Problem zu sein. Zumindest in den Behörden. Da mahlen die Mühlen offensichtlich typisch deutsch - nämlich langsam. Im Gardeleger Gymnasium muss man das nun ausbaden. Ein junger ambitionierter Lehrer gab vor wenigen Tagen auf, weil seine nach französischem Recht abgeschlossene Lehrerausbildung monatelang nicht anerkannt wurde. Das ist nun zwar endlich geschehen. Da hatte sich der Lehrer indes schon anderweitig beworben. Offenbar hatte er es satt, darauf zu warten, wie alle anderen Kollegen an der Einrichtung anerkannt und auch ebenso entlohnt zu werden. Er wechselt nun nicht nur die Schule, sondern sogar das Bundesland. Am morgigen Freitag gibt er seine letzte Stunde.

Demnächst gehen zwei Lehrer in Ruhestand

Für die Schule stirbt damit gleichzeitig eine Hoffnung. Denn der Lehrer für Deutsch und Französisch hätte eine Riesenlücke gefüllt, die sich spätestens ab dem kommenden Herbst auftun wird. Dann nämlich gehen zwei der drei derzeitigen Französischlehrer in die Ruhephase der Altersteilzeit. Für alle Schüler, die Französisch als zweite Fremdsprache angewählt haben, wird es somit eng. Denn eine Lehrerin allein kann nicht alle Französischstunden geben.

Im Kultusministerium weiß man natürlich von der prekären Situation: "Im Juni und August 2013 wurde jeweils eine Stelle einer Französischlehrkraft für das Gymnasium Gardelegen ausgeschrieben", versichert Pressesprecher Ralf Höhn. Für beide Stellen sei im Landesschulamt indes keine Bewerbung eingegangen. "Um den dringenden Fachbedarf zu decken, nimmt das Landesschulamt auch direkten Kontakt zu potenziellen Bewerbern auf", so Höhn weiter. Es bestehe deshalb "die begründete Hoffnung, dass die aktuell entstandene Lücke im Französischunterricht sehr bald geschlossen werden kann".

Zu weiteren Einzelheiten, gar konkreten Personalfällen möchte sich die Behörde indes nicht äußern. Und auch die Nachfrage, warum die Anerkennung des französischen Lehrerabschlusses des jungen Kollegen so lange gedauert habe, hält sich das Ministerium bedeckt. "Die Anerkennung erfolgte in Sachsen-Anhalt auf der Grundlage einer europäischen Richtlinie", heißt es dort und weiter: Das Anerkennungsverfahren habe "einige Zeit in Anspruch genommen, da die Unterlagen einer differenzierten Einzelfallprüfung bedurften".

Vierter Lehrerwechsel für eine zwölfte Klasse

Im Lehrerkollegium trifft das auf wenig Verständnis. Denn der Kollege, der als Deutscher an der Sorbonne studiert und sogar einen Doktortitel der Literatur hat, hatte sich nicht nur in der Schule, sondern auch in der für junge Leute nun mal nicht unbedingt attraktiven ländlichen Region gut eingelebt. "Er fühlt sich richtig wohl hier bei uns", hatte eine Lehrerin noch vor kurzem geschwärmt.

Seine Entscheidung verübeln ihm die Kollegen dennoch nicht. "Was lassen sie ihn so lange zappeln?", sagt eine andere Lehrerin verständnisvoll. Für die Schüler zieht sein Weggang nun aber einen Lehrerwechsel nach sich - mitten im Schuljahr. Besonders fatal ist das für eine der zwölften Klassen. Kurz vor dem Abitur muss sie sich auf einen neuen Fachlehrer einstellen. Es ist der vierte in diesem Schuljahr, wie einige Betroffene in einer E-Mail an die Volksstimme betonen. Zwei weitere Deutschlehrer waren zuvor aus persönlichen Gründen oder wegen Krankheit ausgefallen: "Wie sollen Schüler so ein vernünftiges Deutschabitur schreiben?", fragen die Autoren des Briefes.

Die Schulleitung ist mit der Situation auch befasst. Schulleiter Dietmar Collatz bedauert die Entscheidung des jungen Kollegen, sorgt sich auch um die Sicherstellung des Französischunterrichts. "Aber wir stellen nicht ein. Da ist das Land in der Pflicht." Die Schule melde lediglich den Bedarf an.

Und der ist dem Land bekannt, wie Ralf Höhn versichert. Neueinstellungen würden langfristig geplant. Es sei auch keine Überraschung, wenn eine Lehrkraft in die Freistellungsphase der Altersteilzeit wechsele, betont er. Zur Überbrückung kurzfristiger Ausfälle stehe zudem "ein finanzieller Rahmen für die Gewinnung befristeter Vertretungskräfte oder zur vorübergehenden Erhöhung der Arbeitszeit von Teilzeit beschäftigten Lehrkräften zur Verfügung. Dieser Rahmen komme bei nicht planbaren kurzfristigen Ausfällen zum Tragen".

Möglicherweise müsste dieser Rahmen derzeit auch ausgeschöpft werden. Zu viele Stunden sind in diesem Schuljahr am Gymnasium schon ausgefallen. Auch in anderen Fächern. "Wir versuchen natürlich, Ausfälle insbesondere bei den zwölften Klassen zu vermeiden", versichert Dietmar Collatz, "aber zaubern können wir leider auch nicht."