Am 28. November wurde in Gardelegen ein neuer Stadtrat gewählt. Die Volksstimme stellt in den folgenden Ausgaben täglich einen der 36 Ratsherren und Ratsfrauen vor.

Von Christina Bendigs

Dannefeld. Hoahnenfoot, so heißt die Familienband von Andreas Finger. Sie heißt nach einem typischen Drömlingsgewächs. Warum? "Weil wir uns als Drömlingspflanzen sehen", sagte er. 1952 in Mieste geboren, liegen die Wurzeln von Andreas Finger im Drömling. Und da verwundert es nicht, dass sich der Dannefelder auch mit der Heimatgeschichte sehr gut auskennt und große Freude am Plattdeutschen empfindet. "Das Plattdeutsche ist ein absolutes Bindeglied vom Heute zum Gestern, und in der Sprache drückt sich vieles aus", begründete er. Aber auch wenn Andreas Finger sich mit der Region verbunden fühlt, führten ihn Stationen seines Lebens aus der Altmark fort.

Zur Erweiterten Oberschule – sein ursprünglicher Plan – konnte Finger wegen seines kirchlichen Hintergrundes als Sohn eines Pfarrers nicht gehen. Die Voraussetzungen für ein Studium schuf er aber durch eine Berufsausbildung mit Abitur zum Landmaschinenschlosser, die er in Gardelegen absolvierte. Eigentlich, berichtete Finger, hätte er lieber einen Beruf im journalistischen Bereich ergriffen. Das war mit seinem fachspezifischen Abitur allerdings nicht möglich. Nachdem er den eineinhalbjährigen Grundwehrdienst bei der NVA geleistet hatte, habe er lediglich zwischen zwei Studiengängen wählen können: Werkzeugmaschinenbau oder Elektrotechnik. Er entschied sich für Werkzeugmaschinenbau, begann an der Technischen Universität in Dresden zu studieren, brach das Studium aber ab und arbeitete stattdessen im VEB Uckermärkischer Milchhof in Prenzlau als Schlosser. Andreas Fingers musischer Ader kam damals das betriebseigene Kabarett entgegen – die Milchhofspatzen. Gut fand er, dass das Kabarett professionell betreut worden sei. Das Kabarett sei zwar an der staatlichen Linie orientiert gewesen, "aber man konnte es kreativ behandeln". In Berlin studierte er dann schließlich mit Unterstützung seines Betriebes an der Ingenieursschule für Maschinenbau und Elektrotechnik. Das weit gefächerte Spektrum des Studiums gefiel ihm besser. Bereits nach dem ersten Jahr habe er Leistungsstipendien erhalten, worauf er sehr stolz sei. In seiner Berliner Zeit habe er dann auch begonnen, Gitarre zu spielen. Nach dem Studienabschluss folgten weitere Jahre in Berlin, während denen er in der Altmark seine Frau Kerstin kennen lernte. "Dat du min leevsten bist", habe er für sie gesungen. Das war nicht nur der Anfang ihrer Beziehung, sondern auch der Anfang der Familienband, die erstmals auf Bitten von Helmut Maigatter aus Dannefeld 1982 öffentlich beim Drömlingsfest in Dannefeld auftrat. Aus der Ehe mit Kerstin Finger gingen Tochter Friederike und Sohn Johannes hervor. Aus seiner ersten Ehe hat Finger eine weitere Tochter, Katharina. Er ist inzwischen sogar schon Opa geworden. Nach dem Tod seines Vaters 1981 zog Finger mit seiner Familie in das väterliche Haus in Dannefeld und kehrte damit in die Altmark zurück.

Als Sohn eines Pfarrers, der kein Jungpionier war, nicht Mitglied der FDJ war, habe Finger stets versucht, auszunutzen, "was in der sozialistischen Demokratie möglich war", und sei es nur, indem er erst kurz vor 18 Uhr zur Wahl ging. Wie Finger berichtete, sollten damals nach Möglichkeit bis Mittag 90 Prozent der Wähler im Wahlbüro gewesen sein. Die Grenzöffnung 1989 sei für ihn "eine innere Befreiung" gewesen. Zuvor hatte er auch an Friedensgebeten in Kusey teilgenommen und war auch bei der größten Demonstration am 4. November 1989 mit bis zu einer Million Menschen in Berlin dabei. Für sein Engagement für demokratische Grundrechte und die Wiedervereinigung wurde er 1996 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Finger gab sich dazu aber bescheiden: "Ich habe ja nichts Großes gemacht", sagte er. Und viele andere hätten genau wie er im Kleinen den Mut aufgebracht, um etwas zu verändern. Ihm sei lediglich zugute gekommen, dass seine Gewerkschaft, die Christliche Gewerkschaft Deutschlands, ihn für die Auszeichnung vorgeschlagen habe. Das Bundesverdienstkreuz habe er dann auch "stellvertretend für die vielen einfachen Leute, die sich im SED-Staat tapfer um politische Korrektheit mühten, entgegengenommen".

Nach der Wende verwirklichte Andreas Finger seinen ursprünglichen Berufswunsch. "Jetzt kannst du Zeitung machen, berichten und fotografieren, was vor Ort passiert", habe er damals gedacht. Als Redakteur des Isenhagener Kreisblattes in Klötze war er daraufhin zirka zweieinhalb Jahre tätig, ehe er in die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit einer Gesundheitskasse wechselte. "Das war für mich ein Hauptgewinn", sagte er. Im vorigen Jahr ging er in den Ruhestand. Und er entschied sich wegen seines Wunsches, mitzugestalten, und weil ihm nun die notwendige Zeit zur Verfügung steht, für den Gardeleger Stadtrat zu kandidieren. Für ihn sei das "eine neue verantwortungsvolle Aufgabe". Kommunalpolitische Erfahrung hat Andreas Finger schon im Dannefelder Gemeinderat gesammelt, in dem er seit Jahren Mitglied war. Besonders am Herzen liegen Finger "die Kultur und die Geschichte meiner Heimat". Da überrascht es nicht, dass Andreas Finger mit Hoahnenfoot auch ein Stück heimatlicher Kultur zum Sachsen-Anhalt-Tag beiträgt.

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