Botanik ist die Leidenschaft des Salzwedelers Günter Brennenstuhl. Volksstimme-Leser kennen seine Artikel über die heimische Flora und ihre Besonderheiten. Teilnehmer an Veranstaltungen der Urania können sich ebenfalls einen Eindruck von seinen umfangreichen Kenntnissen über Blumen, Gräser, Sträucher und Bäume verschaffen. Aber damit nicht genug. Günter Brennenstuhls Wissen fließt auch in wissenschaftliche Nachschlagewerke ein. Derzeit ist er an der Erstellung eines botanischen Atlasses über Sachsen-Anhalt beteiligt.

Salzwedel. Der botanische Atlas, dessen Erstellung das Landesamt für Umweltschutz (LAU) verantwortet, ist derzeit noch ein Entwurf. Das Nachschlagewerk, das nach seinem Abschluss Auskunft über die Verbreitung von vielen Pflanzen geben wird, ist jedoch für Günter Brennenstuhl keine Premiere. Mit vielen anderen Hobby-Botanikern, darunter dem Beetzendorfer Folker Rattey, arbeitete er bereits am "Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen Ostdeutschlands" mit. 1998 Karten der neuen Bundesländer auf mehr als 600 Seiten. Pro Pflanze eine Karte, beispielsweise allein 23 Karten für diverse Veilchenarten. Das Ergebnis einer Arbeit, die bereits Anfang der 1970er Jahre begann.

Aber wie kam Günter Brennenstuhl überhaupt zur Botanik? "Naturwissenschaften haben mich schon immer interessiert", erinnert er sich. Als Junge kletterte er auf Bäume und spähte neugierig in Vogelnester. Einige Jahre später, im Frühjahr 1953 (Günter Brennenstuhl war inzwischen Schüler der Erweiterten Oberschule in Schulpforte, der heutigen Landesschule Pforta) erhielt er sein erstes Bestimmungsbuch – den Rothmaler. Das Standardwerk der Botanik war damals noch ein dünnes Büchlein, kein mehrbändiges Nachschlagewerk wie heute. "In den folgenden Jahren kamen weitere Ausgaben hinzu, und sie sind nach wie vor viel wert. Denn wenn bestimmte Pflanzen darin vermerkt sind, ist das ein Hinweis auf ihre Verbreitung."

Die Saale-Unstrut-Region sei natürlich eine botanische Fundgrube, blickt Günter Brennenstuhl zurück. Damals, als Anfänger, sei ihm das Bestimmen das Pflanzen nicht immer leicht gefallen. Sein Grundlagenwissen erwarb er im Biologieunterricht und durch Übung. Ein Lehrer und ein älterer Mitschüler seien ihm wertvolle Helfer gewesen. "Nach dem Mittagessen hatten wir immer Freizeit. Ich bin dann losgezogen und habe Pflanzen gesammelt, sie bestimmt und dann weggeworfen." Auch in den Ferien widmete Günter Brennenstuhl der Botanik viel Zeit. "Natürlich war so ein Hobby eine Ausnahme", räumt er ein.

Die örtliche Flora spielte auch eine Rolle bei seiner Entscheidung, sein Pharmaziestudium in Jena aufzunehmen. "Im Vorpraktikum mussten wir ein Herbarium anlegen. 100 Pflanzen habe ich zusammengetragen, hauptsächlich Heilpflanzen." Mit seiner Zeit in Jena verbindet Günter Brennenstuhl gute botanische Vorlesungen und einschlägig interessierte Kommilitonen, "die jedoch nicht ganz so verrückt waren wie ich", sagt er und schmunzelt.

Im Herbst 1962 verschlug es ihn nach Haldensleben – und damit botanisch in eine völlig andere Umgebung. Von kalkliebenden Pflanzen zur Heideflora und denen des Flechtinger Höhenzuges. In dieser Zeit begann er, über sein Hobby zu publizieren. Bruno Weber, damals Leiter des Kreismuseums Haldensleben, bat ihn, für die Jahresschriften einen entsprechenden Beitrag zu schreiben. "Seitdem schreibe ich über Botanik, und nachdem ich später viele Jahre aussetzte, neuerdings auch wieder für die Jahresschriften des Museums." Auch in den Mitteilungen zur floristischen Kartierung sind oft Berichte von ihm zu finden.

1965 übernahm Günter Brennenstuhl eine Apotheke in Salzwedel und betrat wiederum botanisches Neuland. Bald darauf begann auch seine Mitarbeit am botanischen Atlas. Wie es dazu gekommen sei, wisse er leider nicht mehr, bedauert Günter Brennenstuhl. "Ich bin vier Mal innerhalb Salzwedels umgezogen, da sind die Unterlagen leider verloren gegangen." Aber die Kartenausschnitte, die den heutigen Altkreis Salzwedel in einzelne Quadranten einteilen sowie Meldebögen, die alle bekannten Pflanzen enthielten und auf denen die entdeckten angekreuzt wurden, besitzt er noch. "Es mussten wildwachsende Pflanzen sein, keine Zierpflanzen", erläutert Günter Brennenstuhl das Prinzip. Vieles entdeckte der begeisterte Radfahrer an Straßen- und Ackerrändern. "Botanische Highlights wie die Salz-wiesen bei Altensalzwedel habe ich natürlich gezielt aufgesucht." Die ermittelten Daten schickte er an die Berliner Humboldt-Universität, die für den botanischen Atlas federführend war.

In gut gemischter Flora 300 bis 400 Arten

In der Altmark könne man in einer gut gemischten Flora zwischen 300 und 400 Arten entdecken. "Weiter südlich sind es etwa 600", vergleicht er.

Die Bestimmung sei mitunter kompliziert. Biete die Blüte keine ausreichenden Unterscheidungsmerkmale, müsse man den Standort noch einmal im Herbst aufsuchen, um die Pflanze an ihren Früchten und Samen eindeutig zu identifizieren. So habe es bei manchen Pflanzen mitunter mehrere Jahre gedauert, Vergleiche und Betrachtungen unter dem Mikroskop, gar Expertenkonsultationen erfordert.

In den Karten des botanischen Atlasses markiert ein Punkt im jeweiligen Quadrant, dass die Pflanze, beispielsweise das Märzveilchen (Viola odorata) dort vorkommt. Der Nachteil dieser Dokumentation aus Günter Brennenstuhls Sicht: Sie gibt keinen Hinweis, ob dort nur eine einzelne Pflanze wächst oder ganze Wiesen von ihr übersät sind. Die Verbreitung sei jedoch grundsätzlich erkennbar, etwa die der Steifen Winterkresse (Bavarea stricta), die nur entlang der Elbe vorkommt, oder der Igelschlauch, den es nur in der nordwestlichen Altmark und im Bereich Havelberg gibt.

Jetzt wolle jedes Bundesland einen eigenen botanischen Atlas herausgeben. Die Methodik des sachsen-anhaltischen Botanik-Atlas entspricht der, auf der der Atlas für die neuen Bundesländer basiert. Günter Brennenstuhl setzt für die Pflanzenerfassung auf seine Radfahrbegeisterung und sein Prinzip, möglichst immer andere Wege zu benutzen. "Selbst in der Stadt Salzwedel entdeckt man sehr viel", sagt er.

Vor zwei Jahren sei ihm nahe Salzwedel der Nachweis eines botanischen "Neubürgers" gelungen, "der noch nicht einmal einen deutschen Namen hat". Ein erstmaliger Nachweis sei eine komplizierte Sache, so die Erfahrung Günter Brennenstuhls. Er schickte ein Herbarblatt zur Bestimmung nach Bratislava, und als er hinzufügt, dass sich das Blatt nunmehr im Herbarium im Prag befinde, blitzt die Entdeckerfreude aus seinen Augen.