Immer wieder werden auf den Friedhöfen Blumen gestohlen oder Pflanzen auf Gräbern zerstört. Zu oft werden die Täter nicht gefasst. Die Gardelegerin Wera Projahn hat im Rahmen eines Täter-Opfer-Ausgleichs zwei junge Täter kennengelernt.

Gardelegen l Sichtlich nervös saßen Robert* (15) und Tim* (15) auf ihren Plätzen. Die Situation war ihnen offensichtlich recht unangenehm, wenngleich sie auch schon einiges abgeleistet haben, um ihre Schuld wieder gut zu machen. Am 3. November 2013 waren sie mit anderen, jüngeren Jugendlichen am Gardeleger Friedhof unterwegs. "Wir sind auf die Mauer geklettert und runtergesprungen. Irgendwann hat dann einer eine Lampe umgetreten und gefragt, ob wir alle Gräber kaputt machen wollen." Und alle machten offensichtlich mit.

"Warum habt ihr das gemacht? Ich habe euch nichts getan, meine verstorbenen Schwiegereltern nicht und mein verstorbener Mann auch nicht", wollte Wera Projahn von den Jugendlichen wissen. Von ihrem Familiengrab war eine große Pflanzschale verschwunden und Blumen herausgerissen. Projahn hatte Anzeige bei der Polizei erstattet. Ingesamt konnten sechs Familien ermittelt werden, auf deren Gräbern die Jugendlichen gewütet hatten. Einfach so. Denn eine richtige Begründung lieferten Robert und Tim beim Ausgleichsgespräch mit Projahn nicht, dafür aber immerhin eine Entschuldigung. Eine Entschuldigung für eine Straftat. Das verdeutlichte Mediatorin Petra Fraaß vom Täter-Opfer-Ausgleich, der beim Gardeleger Jugendförderungszentrum angesiedelt ist: "Das ist Störung der Totenruhe." Für Erwachsene bedeute dies eine Freiheits- oder Geldstrafe.

Für Robert und Tim bedeutete es im Rahmen des Täter-Opfer-Ausgleichs, der ein Verfahren vor dem Jugendrichter vermeiden kann, dass sie sich mit ihren Opfern auseinandersetzen. Nur Wera Projahn wünschte das Gespräch mit den Tätern: "Ich wollte einfach wissen, wer das gemacht hat." Für andere Geschädigte schrieben die zwei Jungen, die bislang keine ganz einfache Kindheit hatten, Entschuldigungsbriefe und leisteten Arbeitsstunden ab.

Die persönliche Entschuldigung von Angesicht zu Angesicht fiel den 15-Jährigen nicht leicht. "Mir geht es richtig beschissen, ich kann mich auch in Frau Projahns Lage versetzen. Es tut mir leid", sagte Tim. Er habe selbst eine Oma, die immer Blumen zum Grab seines Opas bringe, und er helfe dann auch dabei. Projahn fügte hinzu: "Das Wichtigste ist mir, dass ihr begreift, dass man so etwas nicht macht."

Als Wiedergutmachung gab es wenige Tage später einen gemeinsamen Besuch von Tim, Robert, Petra Fraaß und Wera Projahn am Grab ihres Mannes. Die Jungen hatten zwei selbst gepflückte Sträuße mitgebracht, die sie in Vasen stellten, harkten das Laub ab und holten Wasser. Projahn sagte, sie habe es nicht bereut, Anzeige zu erstatten, denn nur so wurde überhaupt ermittelt. Für Tim und Robert ist die Angelegenheit noch nicht zu Ende. Sie müssen Arbeitsstunden für ihre Tat ableisten. Das Verfahren vor dem Jugendrichter wird den beiden aber erspart bleiben.(* Namen geändert)