Ein Kapitel Gardeleger Geschichte hörten die Zwölftklässler des Gymnasiums gestern bei einer Lesung. Was ein Mann, der am 13. April 1945 beim Massaker an der Isenschnibber Feldscheune starb, mit dem Schicksal polnischer Widerstandskämpferinnen zu tun hatte, erfuhren sie von Simone Trieder und Lars Skowronski.

Gardelegen l Sie geben einem weißen Kreuz auf einem Grab der Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibber Feldscheune ein Gesicht. Sie erzählen die Lebensgeschichte von Zbigniew Walc. Der Häftling mit der Nummer 41672 P ist eines der wenigen Opfer, die nach dem Massaker am 13. April identifiziert werden konnten.

Gestern berichteten und lasen die Autoren Simone Trieder und Lars Skowronski im Rahmen einer Veranstaltung des Friedrich-Bödecker-Kreises aus ihrem 2014 erschienenen Buch "Zelle Nr. 18". Das Geschehen in Gardelegen, das in dem Buch, das von jungen polnischen Frauen handelt, die während des Weltkriegs im Widerstand aktiv waren und wegen Spionage verhaftet wurden, ist nur ein Aspekt von vielen, den die Hallenser bei der Lesung in den Mittelpunkt stellten.

Und das mit beeindruckend vielen Originaldokumenten, Fotos und einem Film, der Maria Kacprzyk zeigt. Der Frau, die 2003 in einem Brief an die Gedenkstätte Roter Ochse in Halle nach ihrer Freundin Krystyna Wituska fragte, die am 26. Juli 1944 in Halle enthauptet worden war. Kacprzyk setzte damit eine langjährige Recherche in Gang, zu der die Lebensgeschichte von Zbigniew Walc gehört, er war mit Wituska verlobt.

Schüler schauten sich einen Brief von 1938 an

Wituska, Tochter einer polnischen Gutsherrenfamilie, war wie Kacprzyk im polnischen Widerstand aktiv und hatte sich vor Beginn des Krieges mit Zbigniew Walc verlobt. Bei einem Tanzabend hatte sich das Paar kennengelernt. Während sie 1938 in die Schweiz für ein Jahr zur Kur fuhr, musste er zum Militär. 28 Briefe in nur zwei Monaten schrieben sich die beiden. Einen, den er an seine Liebste am 20. November 1938 geschrieben hatte, konnten sich die Schüler gestern anschauen. 1939 geriet Walc in Kriegsgefangenschaft in Neubrandenburg. Bei einer späteren Durchsuchung fanden die Nationalsozialisten Briefe seiner Verlobten Krystyna Wituska bei ihm, wo sie vom Widerstand berichtete.

Mehrere junge Frauen wurden in Polen verhaftet und vom Reichskriegsgericht in Berlin verurteilt. Im Gefängnis Moabit teilten sich drei Frauen eine neun Quadratmeter große Zelle, die mit der Nummer 18 - der Titel des Buches. Für ihre Recherchen über die Frauen und auch Walc waren Trieder und Skowronski elf Jahren viermal nach Polen und einmal nach Paris gereist.

Kontakte zu Angehörigen der Kriegsopfer

Über persönliche Kontakte zu polnischen Verwandten der Opfer bekamen sie Fotos und Briefe. Schriftstücke, die das Leben und Leiden nachzeichnen. Darunter ein Brief von Wituska kurz vor ihrer Hinrichtung: "Es ist töricht an die Zukunft zu denken, wenn man auf der Kippe steht", schrieb sie an Walc. Während Wituska im Juli 1944 in Halle starb, wurde Walc am 13. April 1945 in Gardelegen ermordet.

Äußerst abwechslungsreich, informativ, aber auch berührend erzählten und lasen die Autoren aus ihrem Buch und den Recherchen dazu.

Ab Montag kann das Buch "Zelle Nr. 18" in der Gardeleger Bibliothek ausgeliehen werden. Briefe, die Wituska in ihrer Zeit im Gefängnis Moabit an ihre Familie schrieb, sind zu DDR-Zeiten bereits als Buch mit dem Titel "Zeit, die mir noch bleibt" veröffentlicht worden.