Die Toten vom Friedhof des Zienauer Kriegsgefangenenlagers aus dem Ersten Weltkrieg werden umgebettet. Sie werden ihre letzte Ruhestätte auf dem Gardeleger Friedhof erhalten. Zurück geht diese außerordentliche Aktion auf den Fund des steinernen Soldaten, der einst auf dem Friedhof des Gefangenenlagers stand.

Gardelegen l Anton Wersakow, russischer Soldat, geboren am 1. August 1889, gestorben am 5. November 1918. Vinzense Caruso, italienischer Soldat, geboren am 26. Dezember 1889, gestorben am 19. November 1918. Mark Klimenko, russischer Unteroffizier, geboren am 25. Dezember 1889, gestorben am 3. November 1918. Lusian Stimart, belgischer Soldat, Geburtsdatum unbekannt, gestorben am 30. April 1917.

Namen von vier jungen Männern, deren Leben endete, bevor es richtig begann. Als Soldaten im Ersten Weltkrieg im Einsatz, kamen sie als Kriegsgefangene nach Gardelegen. Nach ihrem Tod - viele Gefangene starben bei einer Flecktyphusepidemie - wurden sie zunächst auf dem Gardeleger Friedhof, später auf dem Friedhof des Kriegsgefangenenlagers bei Zienau bestattet, in Särgen, versehen mit Nummern, festgehalten auf einem Belegungsplan. Etwa 450 Soldaten sollen dort ihre letzte Ruhestätte gefunden haben - heute ein lichtes Waldstück, knapp einen halben Hektar groß.

Pilzesammler brachten den Stein ins Rollen

Das Waldstück in der Form gibt es seit gut einer Woche nicht mehr. Denn die Toten vom Kriegsgefangenenlager werden umgebettet. Sie sollen ihre tatsächlich letzte Ruhestätte auf dem Gardeleger Friedhof finden - auf einer Freifläche nahe der Gräber der deutschen Kriegstoten aus dem Ersten Weltkrieg.

Gewissermaßen den Stein ins Rollen haben zwei Pilzesammler gebracht, die in einem Panzerloch nahe des Friedhofes die seit gut vier Jahrzehnten verschollene steinerne Statue eines Soldaten fanden. Dieser war Teil eines Monumentes, das 1914 auf dem Gardeleger Friedhof aufgebaut worden war, finanziert von Kriegsgefangenen mehrerer Nationen. Nach Ausbruch der Typhusseuche wurde auf dem Gelände des Gefangenenlagers ein Friedhof errichtet - mit eigener Kapelle. Das Monument wurde vom Gardeleger auf den Zienauer Friedhof umgesetzt.

Kapelle stand noch bis in die 1970er Jahre

Anfang der 1960er Jahre wurden die Gräber beseitigt. Die Kapelle soll noch bis in die 1970er Jahre gestanden haben, auch der steinerne Soldat, damals schon ohne Kopf. Irgendwann war auch der Torso verschwunden. Bis zum Spätsommer 2012, als die Pilzesammler den Soldaten fanden. Der Soldat wurde von der Bundeswehr mit schwerer Technik geboren und eingelagert. Gemeinsam mit dem Kultur- und Denkmalpflegeverein hat die Gardeleger Stadtverwaltung die Sanierung der Statue auf den Weg gebracht. Ein Magdeburger Bildhauer konnte dafür gewonnen werden.

Die Statue sollte ursprünglich am 3. August 2014 anlässlich der 100. Wiederkehr des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges auf dem Gardeleger Friedhof aufgestellt werden. Daraus wurde nichts. Denn die Stadt hatte für die Sanierung der Statue beim Landesverwaltungsamt Fördergeld beantragt. Die Behörde sagte eine 100-prozentige Förderung zu - aber nur dann, wenn die Toten aus dem Wald bei Zienau umgebettet werden. Verwaltung, Denkmalpflege, Kreisverband des Volksbundes der Deutschen Kriegsgräberfürsorge und andere Akteure vor Ort waren zunächst strikt dagegen. Das sei Störung der Totenruhe. "Heute hat sich das alles relativiert", sagte Birgit Matthies, in der Stadtverwaltung Sachgebietsleiterin für Sicherheit, Ordnung und allgemeine Gefahrenabwehr zuständig. Sie betreut auch dieses Projekt. "Es war notwendig, um die Kriegstoten aus dem Wald würdig zu bestatten", betonte Matthies.

Vor anderthalb Wochen haben nun die Arbeiten begonnen. Unter der Regie des Landesverwaltungsamtes hat der Volksbund der Deutschen Kriegsgräberfürsorge das Umbetten übernommen.

Deutschlands einziger hauptberuflicher Umbetter

Vor Ort ist dazu Deutschlands einziger hauptberuflicher Umbetter, Joachim Kozlowski aus einem Dorf in den Seelower Höhen. Seit sechs Jahren ist er hauptberuflich für den Volksbund tätig, davor ehrenamtlich. Der 43-jährige Umbetter war bereits im gesamten Baltikum unterwegs, in Polen und ganz Deutschland. Jetzt arbeitet er nur noch in Deutschland.

"Wir haben pro Jahr zwischen 30000 und 40000 Umbettungen über den Volksbund", sagte Kozlowski, hauptsächlich Kriegstote aus dem Zweiten Weltkrieg. Ein Ende sei nicht in Sicht.

In Gardelegen überwacht er die Grabungsarbeiten der ehrenamtlichen Helfer. Am fünften Tag der Aktion sind bereits 127 Gräber geöffnet. Vor Jahrzehnten seien vor allem französische Kriegsgefangene in ihre Heimat überführt worden. Vorhanden sind jetzt noch vorrangig Gräber von Osteuropäern, von Russen und Ukrainern. Anhand einer Belegungsliste kann Joachim Kozlowski die Gebeine namentlich zuordnen. Die Gebeine werden in Pappsärge gelegt. Die wiederum erhalten Nummern. Ein neuer Belegungsplan wird erstellt. Später, nach der Bestattung auf dem Gardeleger Friedhof, sollen die Toten dann auch namentlich benannt werden.

Doch bis dahin gibt es für Joachim Kozlowski und seine Helfer noch viel Arbeit.

Auf dem abgeholzten Waldstück trägt ein Bagger die oberen Sandschichten ab, bis 1,80 Meter und mehr in die Tiefe.

In den Gräben sitzen Männer mit Schaufeln, Spaten und mit Metalldetektor. Die Gräber sind deutlich zu erkennen. Die Toten wurden mit dem Kopf in Richtung Freibad bestattet. Die Helfer holen in Handarbeit die Knochen aus der Erde und packen sie in die Pappsärge. Nach der Erfassung werden die Särge von Mitarbeitern der Stadtverwaltung abgeholt und zunächst eingelagert.

Unter den Toten sind auch einige aus dem Zweiten Weltkrieg, erkennbar an den Stammlagermarken, die ebenfalls eine eindeutige Identifizierung zulassen.

Stadt beteiligt sich mit Sachleistungen

Nach Abschluss der Arbeiten wird Joachim Kozlowski, der beruflich im Rettungssanitäterdienst gearbeitet hat, eine Gestaltungskonzeption für das neue Gräberfeld auf dem Gardelger Friedhof erarbeiten. "Die werden wir dann beim Denkmalschutz und beim Landesverwaltungsamt zur Genehmigung einreichen", erläuterte Birgit Matthies den weiteren Weg. Sie geht davon aus, dass das Landesverwaltungsamt recht schnell entscheiden wird, damit die Gebeine wieder bestattet werden können. Ein Termin dafür steht allerdings noch nicht fest.

Die Stadt selbst beteiligt sich ebenfalls an der Umbettung, und zwar mit Sachleistungen. So stellt die Stadt den Bagger und mit Verwaltungsmitarbeiter Sven Rasch auch den Baggerfahrer. Die Stadt übernimmt außerdem die Kosten für die Einlagerung und den Transport.

"Das wird uns alle noch lange beschäftigen", ist Birgit Matthies überzeugt. Über das Kriegsgefangenenlager gäbe es mittlerweile viele Dokumente und Unterlagen für weitere Forschungen. Geplant sei, darüber eine Abhandlung zu verfassen.

Einen Abschluss wird mit der Umbettung allerdings ein Stück in Stein gemeißelte Geschichte erfahren. Der steinerne Soldat wird dann auf dem neuen Gräberfeld der Kriegstoten aufgestellt, zwar nicht im 100. Jahr des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges. Im Zusammenhang mit dem Kriegsgefangenenlager gibt es auch 2015 ein würdiges Datum, so Matthies. Denn das Monument mit dem Soldaten wurde 1915 errichtet - mithin also vor 100 Jahren.

   

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