Am 28. November wurde in Gardelegen ein neuer Stadtrat gewählt. Die Volksstimme stellt Ihnen täglich eine(n) der 36 Ratsfrauen und Ratsherren vor.

Estedt. Stur sei er, aber fleißig, sagen manche vom ihm. Ein echter Altmärker eben. Aber manchmal irren die Menschen. Nein, nein: Fleißig ist Horst Krüger natürlich unbestritten. Auch mit 67 Jahren fährt der Elektromeister noch jeden Tag in seine Firma, macht sich für sein Unternehmens stark, obwohl er es vor Jahren längst an seinen Sohn übergeben hat. Und wer etwas so erfolgreich aufgebaut hat, wie Krüger seinen Betrieb, muss wohl zuweilen auch etwas stur sein. Aber ein Altmärker ist er ganz gewiss nicht. Denn zur Welt kam der Estedter 1944 in Bramberg, jener westpreußischen Stadt, die jetzt den Zungenbrechernamen Bydgoszcz trägt. Erinnern kann er sich an seinen Heimatort allerdings nicht mehr. Als er ein Jahr alt ist, muss seine Mutter mit ihm und dem zweijährigen Bruder flüchten. Allein.

"Der Vater ist im Krieg geblieben. Irgendwo bei Stalingrad." Die drei stranden schließlich im altmärkischen Schwiesau. "Und hier wurden wir sehr freundlich aufgenommen", erinnert sich Krüger. Die Leute, bei denen die Flüchtlinge unterkommen, geben ihnen von ihrem Essen ab. "Ich hatte damals eine doppelseitige Lungenentzündung", sagt Krüger. Ohne die Hilfe der Familie von Lieselotte Wiechmann hätte er wohl nicht überlebt. Zu der alten Dame hält er bis heute Kontakt. Menschen, die ihm auf seinem Lebensweg zur Seite standen, vergisst Krüger nicht.

In Schwiesau wird er schließlich groß, kommt hier auch in den Kindergarten. "Ich weiß aber noch, dass ich da nicht hin wollte", erinnert er sich schmunzelnd. Unter dem Bett habe er sich versteckt. Doch alles hilft nichts. Horst Krüger wird erst ein Kindergarten- später ein Schulkind. Erst in Schwiesau, nach dem Umzug der Familie in Estedt. Heute weiß er, wie gut es ist, wenn Kinder ihre Schule im Dorf haben. Nicht zuletzt deshalb macht er sich seit vielen Jahren als Bürgermeister für "seine" Estedter Grundschule stark.

Zunächst einmal geht er aber nach seiner achtjährigen Schulzeit 1961 in die Lehre. Die Gardeleger Energieversorgung bildet damals Freileitungsmonteure aus. Wie zu DDR-Zeiten üblich "mussten wir aber auch schlossern und sogar schmieden lernen", weiß er noch. "Doch der Job oben in schwindelnder Höhe auf den Hochspannungsmasten lag mir nicht besonders", sagt er. Und so beginnt er bald darauf seine Elektrikerlehre beim Gardeleger Elektromeister Paul Strehlow, macht gleichzeitig die zehnte Klasse nach und beginnt schließlich 1970 als Technischer Leiter in der Schwiesauer Sauenanlage. Und dort trifft Krüger auf seinen Chef Herrmann Schartmann, den er bis heute sehr bewundert. "Das war ein Mensch, von dem jeder nur Gutes sagen konnte", schwärmt Krüger heute noch. In dessen Betrieb macht er 1972 schließlich auch die Meisterausbildung. Sein Meisterstück ist die Hauptverteilung in der Anlage. "Die läuft heute noch", sagt Krüger stolz.

Dass er den Betrieb 1978 "schweren Herzens" verlässt, hat indes einen guten Grund. Denn die Bezirksregierung sucht händeringend nach einem Elektriker, der sich selbstständig machen will. Selten genug in einem Land, das am liebsten alle Betriebe verstaatlichen will. Und so ergreift Horst Krüger die Gelegenheit, gründet sein eigenes Unternehmen und führt es mit großem Ehrgeiz durch DDR-Zeiten und Wendewirren.

Er habe eigentlich immer gearbeitet, sagt Krüger heute rückblickend. Zeit für Urlaubsreisen oder Hobbys habe er da fast nie erübrigen können, sagt er. Fast ist ihm das ein bisschen peinlich. Doch dann fällt ihm doch noch was ein: "Meine Frau tanzt sehr gern", sagt Krüger verschmitzt lächelnd, "und ich muss dann immer mit." Und so gehe er mit Ehefrau Petra öfter mal los, wenn irgendwo in der Nähe Tanz ist. Schließlich habe er sie ja auch beim Tanzen kennengelernt. "Auf dem Reiterball in Packebusch." Das war Anfang der 1960er. Seither steht sie ihm immer zur Seite. "Die Familie ist das Wichtigste", findet Krüger. Zu der gehören seit 1965 auch Tochter Kerstin, seit 1970 Sohn Matthias und mittlerweile auch deren Ehepartner und die vier Enkelkinder.

Und wenn Krüger von ihnen erzählt, dann werden seine Züge plötzlich ganz weich, so stolz ist er auf sie. Auf Enkelsohn Otto, "ein toller Bursche, der wohl den Ehrgeiz vom Opa geerbt haben muss, denn der weiß genau, was er will", auf Elisabeth, die in Bremen studiert und auf die beiden Jüngsten, Schulkind Franziska, die "so toll lesen kann", und natürlich auch auf Nesthäkchen Johanna, die noch in den Kindergarten geht. Selbstverständlich in Estedt.

Und da ist Krüger auch schon bei der Kommunalpolitik angelangt. Denn besonders für den Kindergarten und die Schule in seinem Ort habe er sich in seinen 20 Jahren als Bürgermeister von Estedt immer eingesetzt, natürlich aber auch für die Belange seiner Estedter. Und genau das will er von nun an weiterhin tun. Allerdings als Ortsbürgermeister und Stadtrat in Gardelegen. Weil er es als einziger von der Kandidatenliste der Bürgerinitiative B 71 Estedt ins Gremium geschafft hatte, habe er sich allerdings nun der CDU-Fraktion angeschlossen, erklärt Krüger. Obwohl nie Parteimitglied, finde er sich hier politisch am ehesten wieder. "Ich wünsche mir vom neuen Stadtrat, dass nicht immer so viel auf die neuen Orte geschimpft wird." Die Diskussion um die Ortsbürgermeisterentschädigungen findet er indes eher unverständlich. Man mache doch "Lokalpolitik, weil man sie machen will" und nicht um des Geldes willen, sagt Krüger. Als Stadtrat und Ortsbürgermeister wolle er sich deshalb besonders für die Ortsteile stark machen. "Mein Motto: konsequent dranbleiben", verrät er. Er kann also tatsächlich stur sein. Also ist er wohl doch ein echter Altmärker geworden.