Unzufrieden sind sie, die Mitglieder des Gardeleger Gewerbevereines. Unzufrieden mit der Fußgängerzone, unzufrieden mit der Parkplatzsituation, unzufrieden mit den Ständen, die bei Veranstaltungen vor ihren Schaufenstern stehen, unzufrieden mit dem Wochenmarkt, unzufrieden mit der Geschäftsentwicklung sowieso. Am Mittwochabend gab es bei der Jahreshauptversammlung einige Misstöne.

Gardelegen. Er ist die Stimme des Gewerbevereines. Peter Jaenicke, seit mehr als einem halben Jahrhundert Händler in Gardelegen, beschwört gern die Zeiten, als noch alles gut war: "Wenn Handel und Handwerk blühen, blüht auch das deutsche Land."

In Gardelegen scheint nicht mehr viel zu blühen.

Jaenicke jedenfalls schimpfte in seinem Jahresbericht mächtig auf die Stadt, vor allem auf die Stadträte. Die nämlich hätten eine "Zersplitterung zugelassen" nach dem Motto: "Alles nach draußen und nichts nach innen". Drinnen, in der Innenstadt nämlich, "da muss ich laufen. Draußen aber kann ich mit dem Auto vorfahren."

Bürgermeister Konrad Fuchs, Gast der Veranstaltung, atmete schwer.

Und Jaenicke legte nach: "Hätte ich die Innenstadt gefördert, würde die Gewerbesteuer sprudeln." Die Märkte draußen aber, die zahlten ja nur "einen Bruchteil davon".

In Lüchow, da herrsche Verkehr in der Einkaufsstraße. Parken sei dort "gegen eine geringe Gebühr" möglich. Und im Winter werde dort der Schnee abgefahren. "Wo,", fragte Jaenicke, "haben wir noch eine Chance zu überleben?"

Die Geschäfte müssten bequem mit dem Pkw erreichbar sein, forderte der Vorsitzende: "Hinweise auf entfernte Parkplätze sind Blödsinn." Natürlich müssen sich die Händler auch mit ihrem Angebot abheben von den Märkten. Und sie müssten freundlich sein "aber nicht übertrieben". "Nicht immer die gleichen Floskeln", riet der Händler seinen Kollegen.

Der Verein habe im Laufe seiner 20-jährigen Geschichte immer versucht, "die Handelseinrichtungen zu erhalten", sagte Jaenicke: "Das aber war nicht gewollt." Der Vorsitzende hatte auch die Verantwortlichen dafür ausgemacht: "Intrigen im Rat machten unseren Einsatz zunichte." Da müsse man schon "ein dickes Fell haben, um das alles auszuhalten".

Bürgermeister Fuchs hatte Mühe, ruhig zu bleiben.

Der Verein habe viel organisiert, etwa die Nacht der Feuer, fuhr Jaenicke fort. Derartige Veranstaltungen aber hätten "nicht immer Umsatz für die Händler gebracht, dafür aber Kurzweil für die Besucher". Jaenicke: "Wir haben es gern getan, aber gedankt hat es uns keiner."

Doch nicht nur die anderen sind Schuld. Susann Bollinger Inhaberin eines Bekleidungsgeschäftes an der Thälmannstraße, monierte, dass es schön wäre, die "fliegenden Händler" beim Weihnachtsmarkt besser aufzuteilen, damit diese nicht nur am oben Ende Richtung Rathausplatz stehen würden. Sie habe "laufende Meter Müll" vor ihrer Tür gehabt: "Und ich musste einen Platz erkämpfen, damit ich einen Durchgang habe". Schöner wäre es doch wohl, wenn die Händler dort stehen würden, wo die Läden geschlossen hätten. Es mache zudem ein schöneres Bild, wenn die ganze Thälmannstraße belebt wäre "und nicht immer nur die vordere Hälfte".

Auch Reiner Schulz betonte, "wenn wir Mitglieder des Gewerbevereines haben, sollte bitte darauf geachtet werden, dass die Schaufenster nicht zugeparkt werden." Schulz weiter: "Wir haben ja schon genug Chinesen in der Stadt, das ist ja schon Chinatown vom Feinsten."

"Wir haben ja schon genug Chinesen in der Stadt, das ist ja schon Chinatown vom Feinsten"

Vorstandsmitglied Claudia Steffens reagierte sofort: Der Einwurf von Schulz sei "unfair": Auch die ausländischen Mitbürger seien Gewerbetreibende und Kunden. Diese Art der Diskussion möchte sie hier jedenfalls nicht haben. Schulz darauf: "Wenn aber die, die den Markt organisieren, nicht Vorrang haben, habe ich was falsch gemacht."

Schulz hatte zuvor auf die mangelnde Wirtschaftlichkeit des Wochenmarktes hingewiesen, den der Gewerbeverein ausrichtet und der früher für erhebliche Einnahmen gesorgt hatte. Gewinn werde da kaum erwirtschaftet: "Der Vorstand sollte das mal unter die Lupe nehmen." Marktmeister Ulrich Grau betonte, wie schwer es sei, Händler zum Kommen zu bewegen, wenn deren Umsatz nicht stimme.

Fuchs hatte genug gehört. Auch er wolle etwas sagen, müsse aber "erstmal ein bisschen tief Luft holen". Im Stil eines Pädagogen begann er mit Lob und Dank an den Vorsitzenden. Dann wurde er deutlicher: Den Wochenmarkt könne die Stadt gern wieder in ihre Regie übernehmen, wenn der Gewerbeverein ihn nicht mehr ausrichten wolle. Zu der von Jaenicke angesprochenen Ratsentscheidung, die Stadt solle sich nicht an dem Revitalisierungsprogramm der Innenstadt beteiligen, sagte Fuchs: "Wir als Verwaltung haben das zweimal angesprochen und sind zweimal im Rat gescheitert. An der Verwaltung liegt es nicht." Fuchs zum Thema Fußgängerzone: "Tut mir leid, ich kann´s nicht ändern." Die Fußgängerzone habe aber auch einen "gewissen Charme". Der Bürgermeister betonte zugleich, dass es in Gardelegen keine Parkgebühren und "relative viele zentrumsnahe Parkplätze" gebe.

Das betonte später auch Vereinsmitglied Horst Hartmann: "Sagt mir mal, wo man dichter an der Innenstadt parken kann als in Gardelegen!"

Fuchs lobte das Bild der Innenstadt. Das habe sich in den vergangenen zehn Jahren positiv verändert. "Geht doch mal durch Salzwedel", riet Fuchs - und stichelte: "In Salzwedel ist abends oben kein Licht, die Schaufenster sind aber hell. In Gardelegen ist das zum Teil anders." In zwei Läden der Gardeleger Innenstadt habe er abends Hemden gesehen, "aber ich konnte nicht gucken, ob die im Angebot sind". Das Hemd habe er sich dann woanders gekauft.

Dann ging Fuchs auf die "Vietnamesen und Chinesen ein, auf "Menschen, die mir lieb und wert sind". Die hätten sich auch "noch nie beklagt, dass sie vor ihren Läden Ordnung halten". Fuchs weiter: "Sie erziehen ihre Kinder gut. Ich möchte auf sie hier nicht verzichten." Ohne konkret jemanden anzusprechen, merkte Fuchs an, ihm sei jeder lieb, der "nicht nur meckert, sondern Vorschläge macht und Beiträge leistet, diese guten Vorschläge auch umzusetzen".