Gardelegen/Miesterhorst (iwi). Zu 400 Euro Geldstrafe wegen Erschleichens von Leistungen verurteilte Richter Axel Bormann einen Schwarzfahrer, der auf der Strecke zwischen Miesterhorst und Oebisfelde im Zug ohne Fahrschein erwischt worden war. Es war nicht das erste Mal, dass der 43-Jährige ohne Ticket fuhr, denn bereits im Juli 2010 hatte er einen Strafbefehl über 450 Euro erhalten - für drei Schwarzfahrten.

Acht Minuten dauert die Bahnfahrt von Miesterhorst nach Oebisfelde. Das Ticket - wenn man es denn kauft - kostet 2,10 Euro. Torsten Q.* fuhr am 15. September 2010 morgens um 5 Uhr aber ohne Fahrschein im Zug und wurde ertappt. "Sie wird dieses Späßchen nun ungefähr 550 bis 600 Euro kosten", rechnet Richter Axel Bormann in seiner Urteilsbegründung fix zusammen und zeigt wenig Mitgefühl für den Schwarzfahrer. Zusätzlich zu den 40 Tagessätzen à 10 Euro muss der 43-Jährige aus dem Raum Mieste nämlich auch die Verfahrenskosten zahlen. Was Torsten Q. dem Richter zuvor an Ausreden und angeblicher Vergesslichkeit geboten hatte, provozierte den Richter schon sehr.

Auf Bormanns Frage, ob er denn schon einmal Kontakt mit der Justiz gehabt habe oder verurteilt worden sei, ist nur unwissendes Schulterzucken beim Angeklagten zu sehen. Ganz dick, noch mit seiner Winterjacke und Schal bekleidet, sitzt der 43-Jährige im warmen Gerichtssaal, seine Stirn ist verschwitzt, er wirkt verunsichert. Bormann ist geduldig, fragt ein zweites Mal, sogar noch ein drittes Mal. Dann reicht es ihm, ärgerlich platzt er heraus : "Sie sind schon einmal verurteilt worden wegen Erschleichens von Leistungen!" Bereits im Juli 2101 hatte Torsten Q. einen Strafbefehl erhalten, weil er im März und April dreimal ohne Fahrschein im Zug erwischt worden war. "Ach, das meinen Sie! Ich wusste nicht, was Sie wollen. Ja, jetzt erinnere mich", antwortet der Angeklagte scheinbar überrascht.

Die Schwarzfahrt am 15. September 2010 räumt Q. unumwunden ein: "War mein Fehler, ich hatte keine Karte." Torsten Q. wollte nach Oebisfelde, zu Verwandten. Während Richter und Staatsanwältin noch überlegen, ob die Strecke 20 oder 25 Kilometer lang sei, antwortet Q. Er weiß es genau: "Zwölf Kilometer." Bormann mag es nicht glauben: "Nur zwölf Kilometer? Da gibt es keinen Berg, einfach gar nichts. Doch - eine einzige Brücke - und Fahrradwege, ganz schicklich. Warum sind Sie nicht mit dem Fahrrad gefahren?" Torsten Q. antwortet nicht.

Nachdem der Fahrkartenkontrolleur als Zeuge im Verfahren ausgesagt hat, berichtet Torsten Q. ausführlich über seine Erfahrungen mit Kartenkontrolleuren: "Wir Kunden müssen auch immer höflich sein. Ich hätte dem einen fast mal eine auf die Fresse gehauen, weil er so unfreundlich war." Auch sonst hat es Torsten Q. nicht leicht im Leben. Er hat 24 000 Euro Schulden und ist in Privatinsolvenz: "Ich bin noch so jung für Schulden. Und die Schulden hat mein Bruder mitgemacht, so bin ich reingerutscht. Der ist dann abgehauen, und ich hatte die Schulden." Bormann trocken: "Der ist verschwunden, so wie Ihre Schulden irgendwann verschwinden, ohne, dass Sie was zahlen?" Zurzeit hat Torsten Q. einen Mini-Job und lebt von Hartz IV: "Das reicht nicht zum Leben und zum Sterben", jammert er.

Bormann verurteilt den Angeklagten zu 40 Tagessätzen à 10 Euro. In seiner Urteilsbegründung warnt der Richter Torsten Q. eindringlich: "Ich hoffe, dass Sie einsichtig geworden sind. Irgendwann ist Schluss." Beim nächsten Mal gebe es eine noch höhere Geldstrafe, stellt er in Aussicht. Hinzu kommt: Seit einem dreiviertel Jahr zeige die Bahn jeden Schwarzfahrer an, "ohne Wenn und Aber, und das ist vernünftig und gerecht", so Bormann.

Einen wertvollen Hinweis hat der Amtsrichter für Torsten Q. und andere Vielfahrer der Bahn noch: "Es ist für mich auch ein Erschleichen von Leistungen, wenn man sich als regelmäßiger Kunde mit einem 50- oder 100-Euro-Schein vor den Automaten stellt, obwohl man genau weiß, dass er die nicht nimmt" - und dann ohne Fahrkarte Bahn fährt.(*Name geändert)