In wenigen Tagen ist der 66. Jahrestag des Massakers an der Feldscheune Isenschnibbe. In seinem Buch "Die Todesmärsche 1944/45" behandelt der israelische Wissenschaftler Daniel Blatman sehr ausführlich auch die Geschehnisse in Gardelegen.

Gardelegen. "Nimm, es ist an der Zeit, dass jemand anfängt, über die Todesmärsche zu arbeiten. Ich habe ein bisschen Material gesammelt, vielleicht ist es ja von Interesse für dich." Diese Sätze hat Prof. Yehuda Bauer vor mehr als zehn Jahren zu Daniel Blatman gesagt und ihm dabei einen Aktenordner mit Fotokopien von Dokumenten, Aufsätzen und eigenen handschriftlichen Aufzeichnungen übergeben. Blatman, der kurz zuvor an der Hebräischen Universität in Jerusalem bei Prof. Bauer, einem international anerkannten Holocaust-Forscher, seine Doktorarbeit geschrieben hatte, war sofort interessiert - und nach einem Jahrzehnt intensiver Forschungsarbeit hat er nun ein umfassendes Werk mit dem Titel "Die Todesmärsche 1944/45. Das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmords" vorgelegt. Darin nimmt das Massaker vom 13. April 1945 an der Feldscheune Isenschnibbe einen breiten Raum ein. In deutscher Übersetzung ist die wissenschaftliche Arbeit im Rowohlt-Verlag erschienen. Zehn Jahre lang hat Daniel Blatman in Archiven in Deutschland, Israel, Polen und den USA geforscht und hat zahlreiche Quellen ausgewertet. Während der Arbeit am Buch war der Wissenschaftler auch in Gardelegen, schaute sich die Mahn- und Gedenkstätte an und nutzte die Materialien aus Museum und Archiv.

Ansatzpunkt für Daniel Blatman, 1953 in Israel geboren, waren bisherige Veröffentlichungen und Darstellungen, in denen die Todesmärsche am Ende des Zweiten Weltkrieges fast immer als Finale der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik eingeordnet wurden. Sie waren sicher Teil des Genozids, doch nach Blatmans Ansicht lassen sich auch wesentliche Unterschiede feststellen. Den zum Beispiel, dass das Morden nicht mehr nur systematisch in den Konzentrationslagern stattfand, ausgeführt von den bekannten Tätern in Uniform und an den Schreibtischen, sondern dass erstmals die Zivilbevölkerung Teil dieses Mordens wurde, dass Volkssturmmänner oder Angehörige der Hitlerjugend Häftlinge töteten. Nicht in erster Linie aus ideologischen oder rassistischen Gründen, wie Blatman feststellt, sondern aus ganz persönlichen Gründen: aus der Angst zum Beispiel davor, dass sich die Häftlinge nach ihrer Befreiung an den Deutschen rächen könnten oder weil sie der Propaganda glaubten, die entlaufenen Häftlinge würden die Frauen vergewaltigen und plündernd umherziehen.

Plötzlich waren es nicht mehr "die anderen", die mordeten, sondern Menschen von nebenan, die ihre Familien und ihr Eigentum verteidigen wollten. Das führte Blatman am Beispiel Mieste aus. Als auf dem Miester Bahnhof der Häftlingstransport zwei Tage lang stand, "hatten sich dort zahlreiche Freiwillige eingefunden, um die kleine Gruppe der Aufseher aufzustocken und zu verhindern, wovor sich die Einwohner am meisten fürchteten: erfolgreiche Fluchtversuche von Häftlingen, die sich dann in dem Städtchen versteckt hielten." Es kamen 12 bis 16 Volkssturmmänner, später Wehrmachts- und Luftwaffensoldaten aus dem Umkreis von Gardelegen, und einige "gewöhnliche Zivilisten mit Jagdgewehren" sollen schon vor Ort gewesen sein. Im Buch heißt es dazu: "Sie taten dies, weil sie sich vor den Häftlingen und der Gefahr fürchteten, die ihrem Haus und ihrem Besitz drohte." Es ging also um Gewalt, die von unten kam, nicht von ganz oben befohlen. Dennoch werden auch die Goebbelsche Propaganda vom totalen Krieg, von der Gefahr aus dem Osten oder die Angst vor der jüdischen Rasse eine Rolle ge-spielt haben.

Blatman führt im Gegenzug aber auch Beispiele an, wie anders die Menschen reagiert haben: Sie versteckten Häftlinge, gaben ihnen Essen und Decken. Während es in Gardelegen zum Massaker kam, wurden in Burgstall bei Tangerhütte rund 500 Häftlinge gerettet, weil sich die Ortsvorsteher den Mordplänen der SS-Verantwortlichen entgegenstellten.

"Ein eigenständiges Kapitel mit besonderen Charakteristika"

Die Entscheidung über Leben und Tod war in dieser Phase also nicht von allgemeinen Befehlen abhängig, sondern oftmals von den handelnden Personen vor Ort - was der israelische Wissenschaftler sehr ausführlich darstellt. "Die Bereitschaft dieser ¿Vollstrecker\', die Befehle tatsächlich auszuführen, hatte oft ganz eigene, subjektive Gründe. Immer hatten sie einen persönlichen, direkten Bezug zu dem Ereignis und ein persönliches Interesse daran, die Opfer liquidieren zu lassen", schreibt Blatman im Epilog. Für die Aufseher während der Märsche könnte es das Loswerden von "Ballast" gewesen sein, für die Zivilisten der Glaube, "ihre Tat sei von existenzieller Bedeutung für die Zukunft ihrer Familie, ihrer Gemeinde oder ihres Volkes".

In seinem Buch vertritt Daniel Blatman die These, dass die Todesmärsche kurz vor Kriegsende "ein eigenständiges Kapitel mit besonderen Charakteristika in der Geschichte des nationalsozialistischen Völkermordes" darstellte. In der Einleitung schreibt der Autor: "Meine Grundthese lautet, dass sich in dieser Zeitspanne beinahe sämtliche Merkmale des zuvor von den Nationalsozialisten begangenen Genozids radikal veränderten oder bereits verändert hatten: das politische und gesellschaftliche Umfeld, in dem sich die Tat ereignete, die Gruppen der Mörder, der Kontrollapparat und die Bürokratie des Mordens, die Vernichtungstechniken, die Orte des Mordens und vor allem - die ideologische Kategorisierung der Opfer."

Sehr ausführlich zeigt Daniel Blatman in den folgenden Kapiteln die zeitlichen Abläufe der Todesmärsche auf. Im ersten Teil seines Buches geht es um das Zusammenbrechen des Systems, um die Todesmärsche und das Auflösen der Konzentrationslager sowie ihrer vielen Nebenlager. Im zweiten Teil, der mit "Kriminelle Gemeinschaften" überschrieben ist, widmet sich der Autor ganz konkreten Beispielen. Dabei geht es ihm aber nicht nur um das Verbrechen selbst, sondern auch um das Davor und die Zeit danach. So schreibt er in der Einleitung: "Die Kleinstadt Gardelegen, bis 1990 Teil der DDR, sollte noch viele Jahre mit Fragen des Gedenkens und dem quälenden Problem beschäftigt sein, was sie mit der schmerzlichen Geschichte anfangen sollte, die sich buchstäblich vor der eigenen Haustür zugetragen hatte."

Als ausführlichstes Beispiel zur Beweisführung für seine These hat Daniel Blatman das Massaker an der Feldscheune Isenschnibbe ausgewählt. Nach einem Abriss zur Stadtgeschichte beschreibt er umfangreich die Wege der Häftlinge aus den Konzentrationslagern Hannover-Stöcken und Mittelbau-Dora bis hin zur Feldscheune. Dabei lässt er auch die Tötung der Häftlinge unterwegs nicht aus, beispielsweise die bei Estedt, die Zwischenstation des Häftlingszuges in der damaligen Remonteschule und den Einsatz von Häftlingen als Aufseher, die später an der Tat beteiligt waren.

"Ein ¿Ende der Geschichte\' ist für Gardelegen noch lange nicht in Sicht"

Sehr ausführlich widmet sich Blatman den handelnden Personen aus Militär, Volkssturm, Stadtverwaltung und besonders dem NSDAP-Kreisleiter Gerhard Thiele. Dieser soll den Plan, die mehr als 1000 Häftlinge zu töten, schon vor deren Eintreffen in Gardelegen gehabt haben. Der Autor belegt dies mit Ausführungen über Gespräche und Treffen an den Tagen zuvor. Mit der Schilderung des Massakers selbst, der Vertuschungsaktion Thieles, der mit Hilfe von Volkssturm, Feuerwehr und Technischer Nothilfe die Toten begraben wollte, sowie den Tagen nach dem Eintreffen der US-Soldaten endet seine Betrachtung aber nicht. Auf vielen Seiten geht es dann darum, wie nach dem Zweiten Weltkrieg und nach der Wende mit dem schrecklichen Geschehen umgegangen wurde. Die Gedenkkultur in Gardelegen wird ebenso thematisiert wie die Tatsache, dass Gerhard Thiele unter falschem Namen Jahrzehnte unbehelligt in der BRD lebte, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden.

"Der Fall Thiele veranschaulicht außergewöhnlich deutlich die Ohnmacht der deutschen Strafverfolgungsbehörden, einen Mörder vom Schlage Thieles seiner gerechten Strafe zuzuführen", schreibt Blatman. Er gibt dann ein Gespräch mit einem Ermittler namens Bernhard Daenekas wieder, der seit 1962 mit dem Fall Thiele betraut war. Im Gespräch mit dem Autor habe der Kriminalist gesagt, "er könne sich an keinen anderen Fall erinnern, in dem derart viele zur Sache Vernommene die Schuld beinahe ausschließlich den beteiligten SS-Aufsehern zugewiesen hätten, anstatt Thieles Anteil an der Tat zur Sprache zu bringen". Die Aussagen würden den Erkenntnissen der amerikanischen Ermittler vollkommen widersprechen. Blatman: "Doch dieses kollektive Schweigen mit dem Ziel, Thieles Anteil an dem Massaker im Schatten der Geschichte zu belassen, darf nicht erstaunen. Denn wenn Thiele es war, der das Massaker initiiert und organisiert hatte, dann hatten ortsansässige Bürger seinen Plan in die Tat umgesetzt." Wäre es zu einem Prozess gegen Thiele gekommen, dann, so Blatman, hätte "die Beteiligung der braven Bevölkerung an diesem schrecklichen Ereignis nicht mehr verschwiegen werden können". Darin sieht der Autor auch einen der Gründe, warum in der DDR offiziell die Meinung vertreten wurde, Thiele sei 1947 verstorben, obwohl sein Aufenthaltsort in Düsseldorf bekannt war.

Blatman kommt zu dem Schluss: "Ein ¿Ende der Geschichte\' jedoch ist für Gardelegen offenbar noch lange nicht in Sicht. Noch immer steht eine Auseinandersetzung mit der Rolle an, welche die Zivilbevölkerung bei den Morden in den letzten Tagen des Dritten Reiches spielte. Auch über die Form, in der die historischen Erkenntnisse ihren Niederschlag in der Gedenkstätte finden sollen, muss nach wie vor diskutiert werden."

Auch wenn das Buch "Die Todesmärsche 1944/45" eine umfangreiche wissenschaftliche Arbeit ist, so ist es doch auch für Nichtwissenschaftler mit historischem Interesse eine empfehlens- und lohnenswerte Lektüre. Denn es zeichnet dank der vielen konkreten Beispiele und Erinnerungen von Zeitzeugen ein Bild der deutschen Gesellschaft am Ende des Zweiten Weltkrieges. Daniel Blatman hat damit eine Arbeit vorgelegt, die es so noch nicht gibt: eine Studie, die die Todesmärsche von der bisherigen Betrachtung als letztes Kapitel des organisierten Völkermords der Nationalsozialisten abkoppelt und ihnen wegen ihrer Besonderheiten eine eigene historische Stellung gibt.

 

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