Am Mittwoch dieser Woche wird einmal mehr der mehr als 1000 Opfer des Massakers an der Isenschnibber Feldscheune gedacht. Zur Gedenkfeier, die um 17 Uhr beginnt, werden die Tafeln des neuen Informationssystems, das unter Federführung der Landesgedenkstättenstiftung entstand, erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Wir veröffentlichen heute den Text der neuen Tafeln. Um die inhaltliche Neufassung des Informationssystemes hatte es erhebliche Auseinandersetzungen gegeben, bevor die Landesgestättenstiftung der Stadt ihre Unterstützung anbot.

Die Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibber Feldscheune

Sie befinden sich auf dem Gelände der Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibber Feld scheune in Trägerschaft der Hansestadt Gardelegen. Mehr als 1000 Opfer des Nationalsozialismus, u¨berwiegend Häftlinge aus Außenlagern der Konzentrationslager Mittelbau-Dora und Neuengamme, liegen hier begraben.

Während der letzten Kriegstage waren die Gefangenen von Angehörigen der Schutzstaffel (SS), der Wehrmacht und verschiedenen anderen nationalsozialistischen Organisationen auf Todesmärschen bis in den damaligen Landkreis und die Stadt Gardelegen getrieben worden. In der Nacht vom 13. auf den 14. April 1945 wurden u¨ber 1000 Häftlinge in der in Brand gesetzten Feldscheune ermordet.

Knapp 24 Stunden nach Beginn des Massakers entdeckten US-Soldaten den Tatort. Sie ordneten eine wu¨rdige Beisetzung fu¨r die teilweise in Massengräbern verscharrten Opfer in Form eines Militärfriedhofs an. Als das US-Magazin "LIFE" in seiner Ausgabe vom 7. Mai 1945 Fotos von dem in einer Bildunterschrift als "Holocaust of Gardelegen" bezeichneten Verbrechen veröffentlichte, sorgte dieser Massenmord auch außerhalb der Vereinigten Staaten fu¨r Aufsehen und Empörung. Nach bisherigen Erkenntnissen fand hier der Begriff "Holocaust" (griech. "holókauston" - Brandopfer) erstmals fu¨r ein NS-Verbrechen Verwendung.

In der Nachkriegszeit wurde am historischen Tatort eine Mahn- und Gedenkstätte er richtet.

Die Räumung der Konzentra- tionslager

Mit dem Vorru¨cken der Alliierten ab Sommer 1944 begann die SS mit der Räumung von Konzentrationslagern in Frontnähe, zunächst im besetzten Polen und später im Reichsgebiet. Die körperlich geschwächten Häftlinge trieb sie gewaltsam auf Fußmärsche, so genannte Todesmärsche oder transportierte sie in Vieh- und offenen Gu¨terwaggons ab. Kranke und entkräftete Menschen wurden vielerorts erschossen und entlang der Marsch- und Schienenwege verscharrt.

Angesichts der herannahenden Fronten löste die SS Anfang April 1945 auch die meisten in Nordwest- und Mitteldeutschland gelegenen Konzentrationslager und deren Außenlager auf, darunter die Lagerkomplexe des KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen/Harz und des KZ Neuengamme bei Hamburg.

In den geräumten Außenlagern des KZ Mittelbau-Dora hatten die Häftlinge schwere Zwangsarbeit geleistet: im Außenlager Ilfeld in der Raketenproduktion, in den Außenlagern Wieda und Ellrich vorwiegend im Gleisbau und im Außenlager Rottleberode beim Bau und Betrieb eines unterirdischen Stollensystems u¨r die Ru¨stungsfertigung des Junkers-Konzerns.

Im Außenlager Hannover-Stöcken des KZ Neuengamme waren Ende März 1945 SS-Angaben zufolge 1.470 Häftlinge in einem Werk der Accumulatoren-Fabrik AG eingesetzt. Sie mussten bei der Herstellung von Torpedo- und U-Boot-Batterien unter gesundheitsschädigenden Bedingungen arbeiten. Bei der Auflösung des Lagers brachte die SS die Mehrzahl der Häftlinge auf Todesmärschen in das KZ Bergen-Belsen. Etwa 300 bis 400 im Krankenrevier zuru¨ck gebliebene Menschen wurden in acht Gu¨terwaggons in Richtung Osten abtransportiert.

Das Kriegsende in Mittel- und Osteuropa

Die Kommandanten der Konzentrationslager und andere SS-Fu¨hrer trafen in der Endphase des Krieges teilweise eigenmächtige Entscheidungen u¨ber das Schicksal der Häftlinge. Da kaum noch Befehlsketten zu höheren Dienststellen bestanden, blieb es den jeweiligen Wachmannschaften u¨berlassen, was mit den Gefangenen geschah. Manche planten, die Lagerinsassen zu ermorden, andere u¨berlegten, die Häftlinge den Alliierten zu u¨bergeben. So konnten im 40 km nördlich von Gardelegen gelegenen Salzwedel 3.000 Frauen aus dem dortigen Außenlager des KZ Neuengamme befreit werden, weil auf eine Räumung des Lagers verzichtet worden war. In den meisten Fällen ließen die SS-Offiziere jedoch die Lager räumen und die Häftlinge in Lager treiben, die von den Fronten weiter entfernt waren.

Im Zuge der Räumungen kam es vielfach zu Massenmorden an Häftlingen und ausländischen Zwangsarbeitern. Häufig gingen diese auf die Initiative lokaler Verantwortlicher der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), der SS oder der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) zuru¨ck. An den Verbrechen waren aber auch Angehörige des Volkssturms und der Hitlerjugend, Wehrmachtssoldaten, Polizisten und Teile der Zivilbevölkerung beteiligt.

In der zweiten Aprilwoche 1945 befand sich die Region um Gardelegen in einer Kessellage: Während alliierte Truppen von Norden und Su¨den her bis zur Elbe in Richtung Hamburg und Berlin vorstießen, blieb die Altmark zunächst unbesetzt. Urspru¨nglich sollte die Region fu¨r die Räumungstransporte mit KZ-Häftlingen nur eine Durchgangsstation sein. Aufgrund zerstörter Schienenstrecken konnten die per Eisenbahn eintreffenden Transporte aber nicht mehr weiter fahren.

Die Todes- märsche rund um Gardelegen

Am 7. April 1945 traf auf dem Bahnhof Mieste im Kreis Gardelegen ein Häftlingstransport aus den Außenlagern Rottleberode und Ilfeld des KZ Mittelbau-Dora mit etwa 1.740 Insassen ein. Zwei Tage später wurden daran zusätzliche Waggons mit kranken Häftlingen aus dem Außenlager Hannover-Stöcken

angekoppelt. Von den insgesamt u¨ber 2.000 eingeschlossenen Menschen starben u¨ber 50 an Entkräftung, weitere kamen durch Schu¨sse der SS und während Angriffen alliierter Flugzeuge ums Leben.

Am 11. April 1945 stoppte in der Ortschaft Letzlingen bei Gardelegen ein weiterer Transport mit mehr als 1000 Häftlingen aus mehreren Außenlagern des KZ Mittelbau-Dora rund um Wieda im Su¨dharz. Nachdem sich die SSWachmänner abgesetzt hatten, flu¨chtete der Großteil der Häftlinge. Viele gerieten kurz darauf aber erneut in Gefangenschaft.

Am selben Tag wurden die Häftlinge von Mieste aus in drei Kolonnen in Richtung Gardelegen getrieben und die Kranken mit Pferdewagen abtransportiert. Bewacht wurden sie von SS-Männern, Wehrmachtsangehörigen und Volkssturmleuten.

Während der Märsche wurden zahlreiche Häftlinge ermordet, die sich versteckt hatten oder aus Erschöpfung nicht mehr weiterlaufen konnten. Im Dorf Estedt erschossen Fallschirmjäger 110 Häftlinge sowie weitere in Wernitz, Solpke, Zichtau und Berge.

Umgebracht wurden auch Häftlinge der Todesmarsch-Kolonne aus Letzlingen: In und um Jävenitz ermordeten SS- und Luftwaffenangehörige etwa 35 Männer. Mindestens vier von ihnen waren durch Angehörige der Hitlerjugend aufspu¨rt worden.

Unter den Augen der Gardelegener Bevölkerung töteten die Wachmannschaften in der Innenstadt zwölf Häftlinge. Später wurden entlang der Todesmarschstrecken insgesamt 373 Leichen beigesetzt. Die Gesamtzahl der in der Region getöteten Häftlinge ist unbekannt.

Das Massaker in der Feldscheune

Die SS trieb u¨ber 1000 KZ-Häftlinge aus Richtung Mieste und Letzlingen in die Remonteschule, eine Reit- und Fahrschule der Wehrmacht in Gardelegen. Am Nachmittag des 13. April 1945 mussten die Häftlinge zu der etwa 2 km vom Stadtkern entfernten Feldscheune des Gutes Isenschnibbe marschieren. Gehunfähigeund kranke Häftlinge wurden auf Fuhrwerken dorthin transportiert.

Als die ersten Häftlinge das Gebäude u¨ber eines der vier Tore betreten hatten, begannen die SS-Wachmänner mit der Verriegelung der restlichen drei. Gemeinsam mit ca. 20 Fallschirmjägern, 30 Luftwaffensoldaten, Angehörigen des Reichsarbeitsdienstes und des Volkssturms - insgesamt bis zu 120 Personen - bildeten sie eine doppelte Postenkette um die Scheune. Darunter befanden sich auch etwa 25 deutsche KZ-Häftlinge, die von der SS zu Hilfsdiensten herangezogen worden waren.

Nachdem die Soldaten und SS-Männer zuerst auf die Menschen in der Scheune geschossen hatten, versuchten sie mehrfach, das zuvor mit Benzin getränkte Stroh im Innenraum zu entzu¨nden. Den Eingesperrten gelang es jedoch wiederholt, das Feuer zu löschen. Nun warfen die Täter etwa 50 Handgranaten in die Scheune und setzten zudem einen Flammenwerfer und Panzerfäuste ein. Auf Häftlinge, die aus dem brennenden Innenraum zu flu¨chten versuchten, schossen sie mit Maschinenpistolen.

Am Morgen des 14. April 1945 begannen Zivilisten aus den umliegenden Gemeinden zusammen mit Feuerwehrleuten, Angehörigen des Volkssturms und der Technischen Nothilfe die Leichen zu verbrennen und in Massengräbern zu verscharren. Dazu legten sie mehrere Gräben an der Nord- und Ostseite der Scheune an. Außerdem erschossen sie einige schwer Verletzte.

Kurz vor dem Eintreffen der 102. Infanteriedivision der 9. US-Armee brachen sie den Versuch ab, die Spuren der Verbrechen Verkohlte Leiche eines Häftlings (LIFE vom 7. Mai 1945, S. 34.) zu beseitigen.

Der Tatort - Berichte von Überlebenden

Nur etwa 25 KZ-Häftlinge u¨berlebten das Massaker, indem sie sich unter den Scheunentoren nach außen gruben, unter das Dach kletterten oder sich unter den Körpern der Toten versteckten.

Romuald Bak (Jahrgang 1913), Polen: "Wir sprangen alle auf. Durch die geöffnete Tu¨r wurde nun ununterbrochen auf uns geschossen. Das Durcheinander, das in der Scheune ausbrach, war unbeschreiblich. Im Lärm der Schreie drangen zu mir die Rufe der [...] Häftlinge, die [...] Anweisungen gaben, das Feuer zu löschen [...]. Während der ganzen Zeit wurden wir durch die offene Tu¨r von Gewehr- und MG-Schu¨tzen beschossen [...]. Vor der Tu¨r und auch auf der Schwelle bildete sich ein Hindernis aus Körpern von Toten und Verwundeten."

Georges Crétin (Jahrgang 1909), Frankreich: "Einem Jugendlichen gelingt es herauszukommen. Mit erhobenen Armen fleht er um Gnade, aber er wird sofort niedergeschossen. [...] Neben mir wird ein Lagergefährte am Kopf verletzt, andere werden niedergeschossen und bedecken mich mit ihren Körpern."

Edward Antoniak (Jahrgang 1928), Polen: "In einem bestimmten Augenblick klettere ich an einem Pfeiler hoch bis unter das Dach. Mich an einem Dachziegel festhaltend, hing ich so ein paar Stunden. Die SS-Männer haben mich nicht gesehen, weil die ganze Scheune voller Rauchschwaden war. Mit einem Mal fiel ich, halb erstickt vom Rauch, herunter. Durch einen Granatsplitter wurde ich am Kopf verletzt. Über die verkohlten Leichen kriechend, kam ich zu der geöffneten Tu¨r. Von einem SS-Mann wurde ich gesehen, der sofort auf mich schoß. Ich ließ mich gleich auf einen Haufen Toter fallen, so dass man dachte, ich sei tödlich getroffen..."

Die Täter

Noch im April 1945 beorderte die US-Armee ein Ermittlerteam nach Gardelegen. Als mutmaßliche Täter galten 30 SS-Männer, 30 Luftwaffensoldaten und 20 Fallschirmjäger, sechs Angehörige des Reichsarbeitsdienstes sowie mehrere Volkssturmleute. 22 festgenommene Verdächtige befanden sich in einem amerikanischen Internierungslager.

Fast alle wurden der zuständigen Sowjetischen Militäradministration u¨bergeben. Die anderen Tatverdächtigen waren zur Fahndung ausgeschrieben. Die Ermittlungsergebnisse flossen 1947 in ein amerikanisches Militärverfahren gegen Täter aus dem KZ Mittelbau-Dora ein. Zu den Angeklagten zählte SS-Lagerfu¨hrer Erhard Brauny, der einen Häftlingstransport von Rottleberode nach Gardelegen befehligt hatte und zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Er starb 1950 im Gefängnis.

1946 verhängte ein Sowjetisches Militärtribunal (SMT) ein Todesurteil gegen einen als Mittäter identifizierten Häftling. In mehreren SMT-Verfahren erhielten am Mordgeschehen Beteiligte aus Gardelegen langjährige Freiheitsstrafen.

Im Zuge der "Waldheimer Prozesse" bestrafte die DDR-Justiz 1950 zwei fru¨here Wehrmachtsoffiziere mit 22 und 25 Jahren Freiheitsentzug wegen Beihilfe zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Alle Verurteilten wurden nach wenigen Jahren wieder entlassen.

Ein Hauptverantwortlicher des Massakers war der damals 35jährige NSDAPKreisleiter Gerhard Thiele. Im August 1945 geriet er in Stendal als vermeintlicher Wehrmachtssoldat in Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung 1946 verlor sich seine Spur. Ab 1959 ermittelten die Staatsanwaltschaften Hamburg, Mu¨nchen und Göttingen gegen ihn, ab 1961 auch die Justiz in Magdeburg. 1997 fand das Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt heraus, dass Thiele unter falschem Namen untergetaucht war. Zuletzt hatte er im Rheinland gelebt, wo er 1994 verstorben ist.

Die Entstehung der Mahn- und Gedenkstätte

Am Tatort des Massakers und in Erweiterung des 1945 von den Amerikanern angelegten Friedhofes wurde 1949 der Grundstein fu¨r eine Gedenkstätte gelegt.

Im Jahr darauf folgte die Errichtung eines Ehrenhains mit Mahnmal. Die Reste der erhalten gebliebenen Su¨dwand der gemauerten Feldscheune schichtete man zu einer Gedenkmauer auf, deren offi zielle Einweihung 1953 stattfand.

1965 entstand entlang der Todesmarschstrecke von Mieste nach Gardelegen ein "Nationaler Mahn- und Gedenkweg", flankiert mit weißen Markierungssteinen, die mit der Datumsangabe "13.4.1945" und roten Dreiecken versehen waren. Letztere erinnerten an die Stoffabzeichen, mit denen politische Häftlinge in den Konzentrationslagern gekennzeichnet worden waren.

Zwischen 1969 und 1972 wurden der Friedhof und der Ehrenhain zu einer Mahn- und Gedenkstätte zusammengefasst. Die neue Anlage erweiterte man um einen Versammlungsplatz mit Rednertribu¨ne, Flammenschale sowie Fahnenmasten und Gedenksteine fu¨r die Herkunftsländer der Ermordeten.

In gestalterisch-architektonischer Hinsicht entsprach das Gesamtensemble dem anderer DDR-Gedenkstätten. Seit 1971 steht auf dem Versammlungsplatz die Bronzeplastik "Widerstandskämpfer". Sie trägt die Zu¨ge des Kommunisten Albert Kuntz, der im KZ Mittelbau-Dora ermordet wurde. Die heroische Darstellung sollte die besondere Rolle des kommunistischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus betonen.

Dieser Absicht entsprachen auch die an der Gedenkmauer und anderen Stellen angebrachten Inschriften, die die Opfer des Massakers pauschal als antifaschistische Widerstandskämpfer bezeichneten. Andere Verfolgtengruppen wurden in der DDR im offiziellen Gedenken an die Opfer des NS-Regimes weitgehend ausgeblendet.

Nach 1989 wurden Details der Gedenkanlage geändert.

Die Feldscheune als Gedenkort

Nach dem Abzug der US-Truppen Ende Juni 1945 verwendete eine in Gardelegen stationierte Einheit der Sowjetarmee die ausgebrannte, aber vom Mauerwerk her weitgehend unbeschädigt gebliebene Feldscheune voru¨bergehend als Depot. In der Folgezeit wurde das Gebäude teilweise abgetragen.

Nach der Errichtung der Gedenkmauer 1953 bildeten die steinernen Überreste der Scheune das Zentrum der Mahn- und Gedenkstätte. Ab Mitte der 1960er Jahre fand zunehmend eine politische Instrumentalisierung des Ortes als Aufmarschplatz fu¨r offizielle Veranstaltungen wie Aufnahmen von Heranwachsenden in die Reihen der Kinder- und Jugendorganisation statt.

Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus wurde dabei mit einem Bekenntnis zum politischen System der DDR verbunden.

Jenseits der zweimal jährlich in der Gedenkstätte stattfindenden Großkundgebungen gab es auch andere, individuell und bu¨rgerschaftlich getragene Formen des Gedenkens. Fu¨r die wenigen Überlebenden hatte die öffentliche Erinnerung an das Massaker eine wichtige Bedeutung. Aus dem Engagement einzelner Bu¨rger entstanden Initiativen zur Aufarbeitung des Geschehens sowie zum Erhalt des Friedhofs und der Gedenkstätte, die ihre Wirksamkeit bis in die Gegenwart hinein entfalten. Gemeinsam entwickeln die Hansestadt Gardelegen, der Förderverein der Gedenkstätte und die Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt Perspektiven zur weiteren Ausgestaltung der Erinnerungsarbeit.

Die Tafel "Gardelegen Militär-Friedhof"

Bei der hölzernen Hinweistafel handelt es sich um eine Nachbildung des Originals aus dem Jahr 1945. Der Text weist sowohl in deutscher als auch englischer Sprache darauf hin, dass die Gräber unter dem Schutz alliierten Militärrechts stehen und Schändungen geahndet werden.

1965 ließ die von der SED kontrollierte Stadtverwaltung Gardelegen diese Tafel abmontieren und durch eine andere ersetzen. Deren Aufschrift informierte nicht mehr daru¨ber, dass der Friedhof urspru¨nglich auf Befehl der USArmee angelegt worden war.

Die Originaltafel wurde neben einem Schuppen auf dem städtischen Friedhof abgestellt. Als 1988 ein Foto dieser Tafel in die USA gelangte und dort veröffentlicht wurde, ließen die DDR-Behörden deren Überreste sichern. 1990 erfolgte die Aufstellung der Nachbildung.

Die Opfer

Von den 1016 Menschen, die dem Verbrechen in der Isenschnibber Feldscheune zum Opfer fielen, war die Mehrzahl bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Nur 305 Leichen konnten anhand ihrer Häftlingsnummern identifiziert werden, die auf Erkennungsmarken aus Metall, Stoffzeichen auf ihrer Kleidung oder als Tätowierung auf dem linken Unterarm angebracht waren.

Bei der größten Gruppe der identifizierten Opfer handelte es sich um Polen (60). Andere stammten aus der Sowjetunion (52), Frankreich (27), Ungarn (17), Belgien (8), Deutschland (5), Italien (5), Jugoslawien (4), der Tschechoslowakei (4), den Niederlanden (2), Spanien (1) und Mexiko (1).

Unter den ermordeten Menschen befanden sich zahlreiche aus politischen Gru¨nden verfolgte Häftlinge sowie sowjetische Kriegsgefangene und ausländische Zwangsarbeiter, die in Konzentrationslagern inhaftiert worden waren.

Andere waren als Juden, Sinti oder Roma aus rassistischen Gru¨nden inhaftiert worden. Die Mehrzahl der in der Feldscheune ermordeten ju¨dischen Häftlinge war polnischer und ungarischer Nationalität. Die ermordeten Sinti und Roma stammten aus der Tschechoslowakei und Ungarn.

Zum Zeitpunkt des Massakers waren die identifizierten Häftlinge zwischen 16 und 60 Jahre alt.

Die Entstehung des Friedhofes

Am 21. April 1945 mussten etwa 300 männliche Einwohner von Gardelegen auf Anordnung der amerikanischen Befreier mit der Exhumierung der Leichen beginnen. 574 Opfer befanden sich in Massengräbern, 442 Tote wurden aus der Feldscheune geborgen. Auf Befehl von US-Oberbefehlshaber General Dwight D. Eisenhower legte man fu¨r alle Toten Einzelgräber an.

Am 25. April 1945 weihten Soldaten der US-Armee den Friedhof mit militärischen Ehren und einem religiösen Zeremoniell mit christlichen und ju¨dischen Militärseelsorgern ein. Die Einwohner der Stadt Gardelegen waren zur Teilnahme verpflichtet.

Die US-Armee ließ die Begräbnisstätte als Militärfriedhof anlegen. Die Einzelgräber

wurden in vier großen Grabfeldern angeordnet. Jedes Grab erhielt ein schlichtes weißes Holzkreuz oder - wenn die ju¨dische Herkunft eines Opfers bekannt war - einen Davidstern. Aufgrund des heutigen Kenntnisstandes ist anzunehmen, dass die Kennzeichnung der ju¨dischen Gräber eher symbolisch unter Hinzuziehung des amerikanischen Militärrabbiners erfolgt ist.

Bei den identifizierten Opfern erfolgte eine einheitliche Kennzeichnung mit der Häftlingsnummer und - soweit bekannt - mit einem Buchstaben fu¨r die Nationalität. Grabstellen mit unbekannten Opfern erhielten eine Tafel mit dem englischen Aufdruck "Unknown" fu¨r Unbekannt. Bei Konservierungsarbeiten wurden diese Aufschriften zunächst u¨bersetzt, später jedoch weggelassen.

Auf Anordnung der amerikanischen Militärregierung vom Mai 1945 sollten die Gräber lebenslang von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern gepflegt werden.

Diese Bestimmung wurde nach dem am 1. Juli 1945 vollzogenen Besatzungswechsel durch die Sowjetische Militäradministration bestätigt. Später u¨bernahm die Stadtverwaltung diese Verpflichtung.

Der Friedhof als Gedenkort

Am 14. April 1946 setzten Überlebende des Massakers zur Erinnerung an ihre ermordeten Kameraden einen Gedenkstein, der sich bis heute an derselben Stelle befindet.

Zusätzlich zu den vorhandenen Gräbern bestattete man auf dem Friedhof 16 weitere NS-Opfer: Aufgrund einer testamentarischen Verfu¨gung wurde hier beispielsweise 1946 ein inzwischen verstorbener Überlebender des Todesmarsches beerdigt. Auch mehrere Polen, die vermutlich Zwangsarbeiter gewesen waren, fanden hier ihre letzte Ruhestätte.

1948 veranlasste die französische Militärregierung die Exhumierung der sterblichen Überreste von 34 französischen und belgischen Opfern. Zunächst wurden diese auf einen französischen Ehrenfriedhof in Berlin-Reinickendorf und 1951/52 nach Frankreich umgebettet. Später erfolgten einzelne Umbettungen auf Wunsch von Familien der Opfer. Viele Hinterbliebene wissen jedoch bis heute nicht, ob sich unter den namenlosen Gräbern die ihrer Angehörigen befinden.

In den letzten Jahrzehnten der DDR wurde die Grabpflege von örtlichen Gruppen des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands (DFD) wahrgenommen. Gelegentlich u¨bernahmen auch Schulklassen und Lehrlingsgruppen diese Aufgabe.

1972 erhielten die Einzelgräber eine Einfassung. In den 1990er Jahren wurden die Holzkreuze durch Metallkreuze ersetzt.