Genthin l Mit einem Glas Sekt stieß er dort auf sein Überleben an. Seitdem unterscheidet er zwei Phasen in seinem Leben: die Zeit vor dem Unfall und die Zeit danach. Gefragt nach seinem Alter antwortet der heute 56-Jährige: 20 Jahre.

Braun stand damals vor seinem Lkw Jumbo 1733, als sich dieser plötzlich allein in Bewegung setzte. Der Lkw schob Ottmar Braun mit der Motorhaube gegen einen davor abgestellten Sattelzug. Der Mann wurde zwischen beiden Fahrzeugen eingequetscht. Danach wurde es dunkel um ihn herum.

Nach 56 Tagen im künstlichen Koma auf der Traumatologischen Intensivstation in der Innsbrucker Klinik kam Ottmar Braun langsam wieder zu sich. "Als ich allmählich aufwachte, wähnte ich mich im Himmel." Doch das blonde Wesen, das er wahrnahm, so erklärte ihm der Pfleger, sei kein Engel, sondern eine Krankenschwester. Und die Liste seiner Verletzungen füllte eine halbe Schreibmaschinenseite. Erinnerungen an den Horror-Crash hat der Mann nur wenige. "Ich vernahm ein grausiges Knirschen, hatte einen Schuh verloren und quälende Atemnot und sah die Umrisse eines Mannes mit Igelfrisur."

Zweimal kehrte Ottmar Braun nach dem Unfall wieder zu der Klinik zurück, in der er damals behandelt wurde. "1995 war ich nicht fähig, in die Klinik zu gehen. Ich habe mit Psychologen geredet. Ich war schweißgebadet. Ich habe drei, vier Tage lang versucht, das Haus zu betreten. Es ging nicht", erinnert sich der einstige Tucheimer. Die Erinnerungen waren noch zu stark. Einen zweiten Versuch gab es 2002. Ottmar Braun: "Ich hatte noch Probleme. Aber ich wollte unbedingt rein. Und ich war auch auf der Intensivstation." Bei allen drei Fahrten dorthin war eins gleich: Je näher er dem Brenner kam, desto langsamer wurde sein Auto.

Und beim dritten Besuch im März dieses Jahres gab es ein Wiedersehen mit Mediziner Wolfgang Koller und dem damaligen Pfleger Andreas Tür. Koller ist heute Leiter der Intensivstation und Tür Oberpfleger der Neurologie. Beide behandelten damals den Schwerverletzten. "Es ist nicht ungewöhnlich, dass Patienten zurückkommen. Meist aber ein oder zwei Jahre danach. 20 Jahre ist eher selten", sagte Professor Koller. An die Geschichte des Deutschen erinnert man sich in der Innsbrucker Klinik noch heute.

"Die Ärzte und Pfleger haben damals Unglaubliches geleistet."

Innerhalb der ersten 14 Tage wurde Ottmar Braun mehrmals wieder ins Leben zurückgeholt. "In den ersten drei Wochen wurde ich jede halbe Stunde gedreht, um die Lunge zu entlasten", erzählt der Genthiner. Und er weiß: Die Ärzte und die Pfleger haben damals Unglaubliches geleistet.

Nach dem Aufwachen wurde Ottmar Braun nach Deutschland überstellt. Dort lag er bis Dezember 1994 in einer Spezialklinik für Neurologie und dann ein weiteres Jahr in einer Klinik für Querschnittslähmungen. Nach 22 Monaten Krankenhausaufenthalt konnte Ottmar Braun endlich nach Hause. Vier Jahre war er an den Rollstuhl gefesselt. "Ich brauchte so lange, um ohne Hilfe gehen zu können." Schritt für Schritt kämpfte er sich ins Leben zurück. Und das mit täglichen Schmerzen, die er heute noch hat.

Der Genthiner war bei seinem Unfall damals nicht versichert. Sein Arbeitgeber hat vor Gericht ausgesagt: "Ich habe es vergessen". Das Problem konnte dank der Berufsgenossenschaft schnell geklärt werden. Vor dem Unfall ist er als Rettungsassistent auf Krankenwagen gefahren und war als Berufskraftfahrer unterwegs.

Ottmar Braun ist eine Kämpfernatur. "Ich versuche, alles selbst zu machen. Nur wenn es gar nicht geht, kann jemand helfen." Nach dem Sauerstoffmangel im Gehirn ist die Funktion seiner Großgelenke eingeschränkt. Die Arme können nicht ganz bis zur Waagerechten gehoben werden. "Früh geht es gar nicht. Es dauert eineinhalb bis zwei Stunden, bis es wieder geht."

Physiotherapie, Übungen beim Orthopäden und Koordinationstraining bestimmen seinen Alltag.

"Bei Behandlungen gibt es kein \'Aua\', nur ein Dankeschön."

Eins steht für Ottmar Braun fest: Es gibt bei den Behandlungen kein Aua, nur ein Dankeschön. "Bei gewissen Behandlungen schießen mir Tränen in die Augen. Dann sagt meine Therapeutin, ich koche Zwiebelsuppe mit dir."

Ottmar Braun ist im Runden Tisch für Behinderte der Arbeitsgruppe "Barrierefrei Sachsen-Anhalt" integriert. Aufgrund des Unfalles hat er heute neurologische und urologische Probleme. "Ärzte schicken mir immer mal wieder Leute mit den gleichen Problemen, die darüber sprechen wollen."

Im Moment hat sich Ottmar Braun einer Schmerztherapie im Klinikum in der Pfeifferschen Stiftung Magdeburg unterzogen. Hier konnte ein weiterer Schritt zur Bewältigung seiner Schmerzen gemacht werden.

Mittlerweile hat Ottmar Braun seinen Frieden gefunden und bewältigt mit seiner Partnerin gemeinsam den oft schmerzhaften Alltag. "Ich finde es schade, dass andere, die Ähnliches leisten wie ich, sich nicht an die Öffentlichkeit wenden."

Er hat viel zu erzählen und wird dies in einem Buch tun. Einen Verleger für das Werk gibt es. Und einen Buch-Titel auch: "17. März 1994 - mein Leben danach".

   

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