Sie sind rar geworden: Männer wie Siegismund Pleiner (96) und Walter Lücke (95). Als junge Männer in Wehrmachtsuniformen gesteckt, überlebten sie die Schrecken des Krieges bis zum bitteren Ende.

Genthin l Sie kennen sich nicht persönlich, Siegismund Pleiner und Walter Lücke, obwohl sie in Genthin nur wenige Kilometer entfernt voneinander leben. Es gibt viel Trennendes in ihren Biografien. Doch beide gehören zu der Generation jener jungen Männer, die gleich bei Ausbruch des Krieges zu den Waffen gerufen wurden. Nicht von ungefähr kommt daher ihre Verachtung von Gewalt und Krieg, die die betagten Herren bis auf den heutigen Tag laut und deutlich artikulieren.

Walter Lücke, ein gebürtiger Parchener, wurde im August 1939 gemustert und nur kurze Zeit später eingezogen, heute genau vor 75 Jahren erlebte er den Kriegsanfang in der Burger Kaserne. Lücke hatte eine Lehre bei der Post absolviert und kam als Nachrichtenmann in ein Bataillonsstab. Von Paris aus, wo er einer neu aufgestellten Einheit zukommandiert wurde, gelangte er direkt zu den Kriegsschauplätzen in die Ukraine, nach Leningrad und an die Wolga.

"Wir haben uns am Ende des Krieges geschworen, dass Deutschland nie wieder einen Krieg führt - und nun?"

Walter Lücke

Lücke ist jemand, aus dem die Kriegserlebnisse nicht gerade heraussprudeln, während er zum Beispiel Versetzungen und dergleichen sofort parat hat. Er wird besonders einsilbig, wenn er erzählt, dass er sich sechs schwere Verwundungen zugezogen hat, unter anderem nahm durch den Einschlag eines Raketengeschosses sein Gehör dauerhaft Schaden. Es sei für ihn ein schreckliches traumatisches Erlebnis gewesen, wie im Einsatz direkt neben ihm sein bester Freund von einer Granate zerfetzt wurde. Einmal in den sechs Kriegsjahren gab es für Lücke Urlaub - und ausgerechnet in diese Zeit brach für die Familie in Parchen die Nachricht herein, dass der ältere Bruder gefallen sei. "Ich hatte einfach nur ganz großes Glück, dass ich diesen grausamen Krieg überlebt habe. Ich möchte am liebsten nicht mehr an das ganze Elend erinnert werden", sagt der alte Herr. Die großen Nachrichtensendungen im Fernsehen meidet er deshalb. Er hat das Vertrauen in die Politik verloren, wenn es um die öffentliche Rechtfertigung von Kriegen geht. "Ich schaue mir nur den MDR an", erzählt der 95-Jährige. "Wir haben uns am Ende des Krieges geschworen, dass Deutschland nie mehr einen Krieg führt - und nun?", fragt er nachdenklich - ohne darauf eine Antwort zu erwarten.

"Es regt mich sehr auf, die ganz Zeit noch einmal Revue passieren zu lassen", sagt auch der 96-jährige Siegismund Pleiner.

Während Walter Lücke seine Kriegserinnerungen aus dem Gedächtnis herauskramt, hat Siegesmund Pleiner jedes Jahr seines Lebens penibel genau aufgeführt. Als Sudetendeutscher wurde Pleiner erst am 1. März 1941 eingezogen, nachdem er zunächst als so genannte Ersatzreserve 1 gemustert wurde. Der noch junge Pleiner hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine abwechslungsreiche Erwerbsbiografie hinter sich bringen müssen. Er erlernte den Beruf eines Schuhverkäufers. "Unsere Familie war bettelarm. Wenn ich aus dem Schuhgeschäft kam, stand meine Mutter schon vor der Tür und knöpfte mir das Lehrlingsgeld ab. Für mich blieb kein Taschengeld", erzählt der alte Herr.

Siegismund Pleiner suchte sich 1935, als alle Deutschen aus tschechischen Firmen entlassen wurden, eine Arbeit in der Landwirtschaft, fing 1938 als Mitarbeiter in einer Mannesmann-Kantine an und nahm im Folgejahr noch einmal eine Lehre als Rundstahlschleifer in den Poldi-Werken auf. Die Stimmung bei Kriegsausbruch, erinnert er sich, sei alles andere als euphorisch gewesen. "Wir hatten alle noch genug vom Ersten Weltkrieg."

Nach einer Ausbildung in der Artillerie kam Pleiner 1942 zum Heereszeugamt, wo ihm seine handwerklichen Fähigkeiten beim Reparieren von Kriegsgerät zugute kamen.

Im Frühjahr sollte sich für den jungen Mann das Kriegsgeschehen dramatisch wenden, als er dem Stammregiment in Dresden zugeteilt wurde. Von dort aus kam er nach Frankreich, wo die 6. Armee, die in Stalingrad vernichtend geschlagen wurde, neu aufgebaut wurde. Als Panzergrenadier der 14. Panzerdivision musste der junge Pleiner dann in den Krieg ziehen. "Das war eine Todessache, immer links oder rechts neben dem Panzer nebenherlaufen. Wir waren das reinste Kanonenfutter", gestikuliert ein sichtlich ergriffener Siegismund Pleiner. Er habe viele junge unerfahrene Soldaten erlebt, die unbedingt das EK I haben wollte. "Das haben sie auch ganz schnell gehabt", sagt Pleiner und deutet dabei mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand auf die Erde.

Den nunmehr 96-Jährigen hat das Kriegsgeschehen durch Osteuropa geführt, durch das Baltikum und Polen.

Ein Beindurchschuss, ein Kopfschuss, schwere Verletzungen an den Händen - das sind die sichtbaren Narben, die der Genthiner davongetragen hat.

Nicht zu sehen sind die an der Seele.

Es sei unvorstellbar, wie grausam es in einem Lazarett zugeht, in dem 150 Verwundete Tag und Nacht jammern und schreien, wo alles schmutzig ist und Medikamente fehlen. Das kann sich keiner vorstellen, beschreibt Pleiner ein Trauma, das ihn zeitlebens verfolgt hat.

"Die Erinnerungen sind für mich schwer und anstrengend. Deshalb spreche ich kaum noch über den Krieg."

Siegismund Pleiner

1944 im Herbst konnte ihn seine Ehefrau im Lazarett in Königsbrück besuchen. "Als sie die Betten entlanggegangen ist, hat sie mich einfach nicht erkannt", erzählt Pleiner.

Wie Walter Lücke erhielt auch Pleiner während der Kriegszeit nur einmal Urlaub. Er verlief ähnlich frustrierend. Es traf den Vater tief, als sein Sohn ihn mit Onkel ansprach.

Als Pleiner zu spät vom Heimaturlaub zurückkam, drohte ihm eine Gerichtsverhandlung. Dass er das Goldene Verwundetenabzeichen hatte, rette ihn vor harter Bestrafung. Wenig später wurde er nach Dresden versetzt, wo er nach dem verheerenden Bombardement auf die Elbestadt 14 Tage lang als Totengräber auf dem Heidefriedhof eingesetzt war. "In dieser Zeit habe ich entsetzliches Elend gesehen. Jeden Morgen haben wir Steinhäger bekommen, sonst hätten wir diese Arbeit nicht machen können."

Beide, Walter Lücke und Siegismund Pleiner, schafften es, einer Gefangenschaft zu entgehen. Lücke arbeitete bis zum 20. Oktober beim Amerikaner und kam dann zu Fuß und per Bahn in die sowjetisch besetzte Zone. Die letzten Kilometer bis zu seinen Eltern in Parchen nahm ihn ein Traktor mit, der Getreide geladen hatte.

Auch Siegismund Pleiner erreichte listreich bei Kriegsende seine Heimatstadt in Sudeten und konnte seine junge Familie in die Arme schließen. Die Not des Krieges wird sie aber über Jahre nicht loslassen. Siegismund Pleiner fand zunächst im Juni 1945 Arbeit im Poldi-Stahlwerk. Bis zum Juli 1946, als die Familie Pleiner, zu der inzwischen zwei kleine Kinder gehören, ausgewiesen wurde. Am 10. August um 3 Uhr begann in einem Güterwagen nach einem einwöchigen Lageraufenthalt die Fahrt nach Deutschland ins Ungewisse. Nach der Quarantäne in Kirchmöser kam die Familie am 28. August 1946 in Genthin an, gemeinsam mit vier anderen Familien wurde sie in der Garderobe des Schützenhauses untergebracht. Es folgte eine abgebrannte Kegelhalle als Unterkunft. Dann, bis 1953, eine Waschküche in der Rathenower Heerstraße, die wenigstens mit einem kleinen Öfchen ausgestattet war. Eine schwerkranke Frau, die das dritte Kind entbunden hatte, machte für Siegismund Pleiner das Leben in dieser Zeit besonders schwer.

Pleiner ist schwer gezeichnet von den Kriegsjahren. Um Geld für seine Familie zu verdienen, konnte er sich beruflich nicht schonen, nahm trotz der schweren Kriegsverletzungen in den ersten Jahren harte körperliche Arbeit auf sich.

Für den 96-Jährigen ist es schwer und anstrengend, sich diese Erinnerungen in sein Gedächtnis zurückzurufen. Deshalb spreche er kaum noch über den Krieg.

Bilder