Die Landesliteraturtage beginnen am Sonnabend. Wir stellen in unserer Serie daran beteiligte Autoren aus der Region vor. Heute "Twitter-Omi" Torsten Rohde. Er liest am Sonntagabend in der Bibliothek aus seinem Bestseller.

Genthin l "Ich habe das angeraute Nachthemd aufgebügelt. Es ist des Nachts doch schon recht frisch", schreibt Renate Bergmann in ihrem Twitterprofil und über 23 000 Menschen lesen mit.

Renate Bergmann ist die Hauptfigur in einer Geschichte, die aus einer Twitterlaune entstand. 82 Jahre alt ist die Dame aus Berlin. Mit "Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker" schaffte sie es auf die Bestsellerliste des Spiegels. Kein Wunder, Renate Bergmann ist trotz ihrer Schrullen eine sympathische Omi, die Buttercreme und Korn liebt und sich über die liederliche Nachbarin aufregt.

Händi, Fäßbuck und Ossiporose

Sie kann allerhand: Schon vor 6 Uhr früh das Treppenhaus wischen, mit "Händi" und "Fäßbuck" umgehen und herrliche Anekdoten von der leidigen "Ossiporose" erzählen. Das Erfolgsbuch geht allerdings gar nicht auf Bergmanns Konto, sondern auf das von Torsten Rohde.

Der Genthiner ist 40 Jahre alt und war vor seinem Romandebüt als Buchhalter tätig. Sein Werdegang klingt so gar nicht nach großer Literaturkarriere: Geboren in Brandenburg, aufgewachsen im kleinen Bensdorf, Abitur in Ziesar, BWL-Studium in Brandenburg und schließlich 15 solide Arbeitsjahre in Genthin, wo er auch wohnt.

Zum Autorengespräch lädt er in das Genthiner "Café B", wo er vorzugsweise Latte Macchiato bestellt. Seine Lesung im Rahmen der Landesliteraturtage ist für viele ein Höhepunkt dieser kulturellen Großveranstaltung. Und auch für ihn ist sie etwas ganz besonderes. Immerhin ist es Rohdes erste Lesung. "Ich bin ganz schön aufgeregt", gibt er zu. Und dass er momentan viel vor dem Spiegel übt. Im Lebensplan des Neuautors stand nämlich nichts von Lesungen vor großem Publikum. Sein Weg "vom Buchhalter zur Rampensau" begann an einem Weihnachtsabend: Oma, Mutter und Tante hatten sich an der reich gedeckten Tafel versammelt und dominierten schnell sämtliche Tischgespräche. "Renate ist die fiktive Verschmelzung aller Frauen, mit denen ich groß wurde", sagt Rohdes. Und das waren nicht wenige. "Ich hatte das Glück, meine vier Urgroßmütter bewusst kennenzulernen."

Den großen Buchauftritt für seine Renate plant Torsten Rohde an diesem Weihnachtsabend noch nicht. Er legt ihr einen Twitteraccount an, von dem sie Weltgeschehen wie kleine Unannehmlichkeiten im Mietshaus kommentiert. Ihre Nachbarn kommen dabei nicht so gut weg: "Ich harke seit 5 Uhr Blätter mit dem Drahtbesen vorm Haus. Denken Se, die Meiser oder die Berber würden mal zufassen? Wach sind sie.", twitterte die alte Dame am Dienstag.

Zum Ausgleich einen Marathon oder Korn

Das Interesse an der Online-Omi ist von Anfang an groß. Über Nacht hat Bergmann alias Rohde 300 Follower, also Menschen, die sich dafür interessieren, was Renate Bergmann so treibt. Mittlerweile sind es 23 700. Viele von ihnen haben auch das Buch gekauft. Die Plakette mit der Aufschrift "Spiegel-Bestseller", die auf dem Exemplar klebt, das neben Rohdes Latte Macchiato liegt, kommt nicht von ungefähr.

Wie ist das eigentlich, wenn aus einem angestellten Buchhalter ein freiberuflicher Autor wird? Rohde nippt an seinem Kaffeegetränk und erzählt, dass die Umstellung groß war. "Ein fester Tagesablauf ist wichtig. Wenn ich mich dazu nicht zwinge, bringe ich nichts zu Papier." Und so steht er noch immer jeden Tag früh auf, um mit der Arbeit zu beginnen. Nur dass er sich nun statt mit Zahlen vorwiegend mit Buchstaben beschäftigt. Und bei der Wahl seines Arbeitsortes flexibel ist. "Zuhause lenkt mich alles mögliche ab. Kühlschrank und TV zum Beispiel." Darum sitzt Rohde gern mit seinem Laptop im Park oder Café. Oder in der Arztpraxis, um sich inspirieren zu lassen. Zu Twitter-Einträgen wie diesem zum Beispiel: "Gertrud harkt seit Neuestem wildfremde Gräber. Nur, weil das Nachbargrab ein verwitweter Arzt pflegt. Durchtriebenes Luder!"

Da liegt das nächste Projekt Rohdes nahe. Eine Fortsetzung des Erfolgsromans. Wenn er gerade nicht daran arbeitet, geht er laufen. Neben Büchern finden sich bei ihm zu Hause auch Medaillen vom New-York-, Hamburg- oder Magdeburg-Marathon. "Sonst setzt man ja auch an", sagt er mit Blick auf seinen Latte Macchiato. Und Renate Bergmann? Für die steht Marathon nicht zur Debatte, sie trinkt hat bekanntlich ein anderes Rezept, um sich fit zu bleiben. Darüber twittert sie dann: "So spät noch so schweres Essen... Da brauch ich aber einen Korn."