Jerichow (sta) l Seit vor drei Jahren der Gedenkstein für die Opfer von Euthanasie und Eugenik auf dem Gelände des AWO Fachkrankenhauses Jerichow eingeweiht wurde, ist die Kranzniederlegung an dieser Stelle am bundesweiten Holocaust-Gedenktag, dem 27. Januar, ein fester Termin geworden. Aber es ist weit mehr als eine Pflicht, die man erfüllt, weil das erwartet wird. Das versteht jeder, der bei diesem Gedenken dabei war.

Denn es sind nicht nur Zahlen, die allein schon betroffen machen: Allein 930 Patienten der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Jerichow waren im Rahmen der sogenannten Aktion "T4" in die Gasmordanstalten Brandenburg und Bernburg gebracht und getötet worden. Es war vor allem der Bericht von AWO-Historiker Elias Steger über Schicksale betroffener Menschen. Er erinnerte, wie es schon lange vorher Bestrebungen gab, Menschen, die nicht irgendwelchen Idealen entsprachen, als "lebensunwert" einzustufen, und wie dies dann in der Aktion "T4" gipfelte.

Elias Steger berichtete von einem Einzelschicksal - von einer Frau, die selbst in ärmlichsten Verhältnissen aufwuchs, weil der Vater im 1. Weltkrieg gefallen war, und die nun mit ihrem Mann und drei Kindern auf zehn Quadratmetern lebte. Sie wurde krank unter der enormen Last und kam in die Heilanstalt nach Jerichow, Das war schon 1927, und die Diagnose lautete Schizophrenie, ohne dass es gründliche Untersuchungen gegeben hatte. Ihre Leidensgeschichte ist lang. Ihr Mann ließ sich scheiden, zwischenzeitlich musste sie nach Hause, um die Kinder zu versorgen, und kam immer wieder her. Letzter Vermerk in der Krankenakte war - wie bei so vielen anderen Patienten - "Wird in eine andere Anstalt verlegt." Das war im Juli 1940.

Was das bedeutete, muss sich damals in der Heilanstalt schon herumgesprochen haben. Denn die Angst sei groß gewesen, wenn wieder die grauen Fahrzeuge erschienen, um Patienten abzuholen, berichtete Elias Steger. Es war eine Fahrt in den Tod.

Die Erinnerung an solche Schicksale ist unerlässlich, um heute jeglichen Ansätzen zu begegnen, Menschen auszugrenzen, egal ob wegen Krankheit, Herkunft oder Religion. Auch das ist ein Anliegen dieser Gedenkveranstaltungen auf dem Gelände des AWO-Fachkrankenhauses.