50 Jahre ist es her, dass der US-Jazz-Trompeter Louis Armstrong auf Tournee durch die DDR war. Anlass für die Stadt- und Kreisbibliothek Genthin, den Autor Stephan Schulz einzuladen, der ein Buch über die Konzertreise veröffentlicht hat.

Genthin l Es ist ein Ereignis, das den Zeitzeugen noch immer lebhaft in Erinnerung ist. "Mensch, dass ich nicht gleich den Fotoapparat zur Hand hatte, darüber ärgere ich mich immer noch", meint der Genthiner Klaus Zelmanski, 50 Jahre nachdem der Jazz-Trompeter Louis Armstrong plötzlich auf dem Marktplatz stand und Autogramme gab. Vor einigen Jahren hat der MDR-Journalist Stephan Schulz die Erinnerungen an die DDR-Tournee des US-Musikers gesammelt und daraus das Buch "What a Wonderful World" zusammengestellt. In der vergangenen Woche war er in der Stadt- und Kreisbibliothek zu Gast. Schulz trug mit kurzen Lesungen, Anekdoten und Filmausschnitten dazu bei, dass die vielleicht bemerkenswerteste Tournee eines westlichen Künstlers durch 17 Städte der DDR auch weiterhin im Gedächtnis bleibt.

"Vergessen Sie diesen ganzen Bullshit."

Louis Armstrong

Im Mittelpunkt standen dabei Auszüge aus dem 2011 erschienen und mittlerweile vergriffenen Buch, das aber bald in einer kleinen Auflage neu aufgelegt werden soll. Eigentlich hätte es "Eisbein köstlich" nach einem Ausruf heißen sollen, den Armstrong nur all zu gerne nach seinen Mahlzeiten in (ost-)deutschen Gaststätten tätigte. "Der Verlag hat von dem Titel abgesehen, da man dachte, das Buch lande in der Kochbuchecke", erzählt Schulz mit sichtlichem Vergnügen. Auch der Hinweis "Dann verkauft es sich aber gut" habe nichts genutzt.

So wurde es "What a Wonderful World" genannt - nach dem wohl berühmtesten Armstrong-Titel. Der war 1965 aber noch gar nicht erschienen. Schwamm drüber.

Schulz hat mehr als zwei Jahre in Archiven gestöbert, in denen die Materiallage dünn war, und mit mehr als 70 Zeugen gesprochen. Ungewöhnlich an der Konzertreise war bereits das Zustandekommen. Fünf sozialistische Länder standen auf dem Tourneeplan: die CSSR, Bulgarien, Rumänien, Jugoslawien und die DDR. Die ostdeutsche Künstleragentur hatte den Musiker als "Kämpfer gegen Rassismus in den USA" eingeladen. Seine Gage übernahm ein umtriebiger Geschäftsmann aus der Schweiz, der im Gegenzug mit Kunstgegenständen und optische Geräten von Carl Zeiss Jena bedacht wurde. Dabei gibt es einen fast schon kuriosen Streit von Konzertbegleitern, welche Schätze der Schweizer wohl mitgenommen habe. Nachbildungen historischer Waffen? Originale aus dem Dreißigjährigen Krieg? Ein Observatorium für die heimische Villa? Da erinnern sich Tourneebegleiter und Manager höchst unterschiedlich.

Für einige Heiterkeit sorgten die Beschreibungen rund um die Empfänge des Musikers an den Konzertstationen. Bei der Ankunft Armstrongs auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld spielten die Berliner "Jazzoptimisten" ein Lieblingslied des Gastes: "When it´s Sleep Time Down South". Armstrong war so begeistert, dass er spontan das Mikrofon nahm und mitsang.

Bemerkenswert auch der Ausschnitt einer Pressekonferenz, bei der der Musiker von einem westdeutschen Journalisten nach der Berliner Mauer gefragt wurde. "Sie wissen doch ganz genau, dass ich hier nicht sagen kann, was ich sagen möchte. Aber wenn Sie es unbedingt hören wollen: Vergessen Sie diesen Bullshit."

In Magdeburg wurde Arm-strong von einer 17-Jährigen mit weißen Callas (Friedhofsblumen) empfangen. Am Bahnhof gab es an diesem Tag keine anderen Pflanzen. In Erfurt erhielt Louis Armstrong Blumensamen als Gastgeschenk. Dabei entstand ein Foto, mit dem ein volkseigener Betrieb später in Prospekten im Ausland für das Saatgut warb. "Stellen Sie sich vor, Louis Armstrong hat die Samen zu Hause ausgesät und auf seinem Balkon in New York wuchsen und gediehen die sozialistischen Blütenträume, ein cleverer Schachzug", meinte Schulz schmunzelnd.

"Der hatte null Starallüren."

Vera Meyer

Besonders gern erinnern sich die Genthiner aber an die Episode auf dem Marktplatz. Der Bandbus war auf dem Weg von Berlin nach Magdeburg zum Konzert. Der Tross musste über die Landstraße zum Auftrittsort. Die Autobahn von Berlin nach Helmstedt war zum Manövergebiet erklärt worden, weil in Westberlin der Deutsche Bundestag tagte. Eine Provokation für die Sowjetunion. Sie blockierte die Autobahn mit Panzern. In Genthin musste Armstrongs Entourage halten, weil der Bus streikte. Also stieg der Trompeter aus und kehrte in die Gaststätte "Grüne Kachel" ein, die im Volksmund so genannt wurde. Dort wollte er eigentlich eine Bockwurst essen. Doch es gab an diesem Tag keine, dafür ein Genthiner Pils. Schnell verbreitete sich in der Stadt, dass Louis Armstrong in der Gaststätte Rast machte.

Erwachsene und besonders Schulkinder kamen gelaufen, um dem Trompeter Autogramme abzujagen, die dieser bereitwillig auf Postkarten, Schulheftseiten oder Zeitungsrändern gab. Auch Vera und Erhard Meyer gehörten zu den Autogrammjägern. "Mein Mann kaufte sich hier am Kiosk für 15 Pfennige eine Postkarte. Dann ging er auf Louis Armstrong zu und bat um ein Autogramm. Satchmo hat sofort unterschrieben. Der hatte null Starallüren, der war einfach nur freundlich", erinnerte sich Vera Meyer in dem Buch. Eigentlich waren solche zufälligen Kontakte zwischen Künstler und Bevölkerung streng untersagt, doch ein Mann wie Louis Armstrong ließ sich von solchen Vorschriften nicht aufhalten.

Auch in Parchen soll Armstrong Halt gemacht haben. Einwohnerin Else Lücke meint, dem Musiker mit Wasser für sein Auto ausgeholfen zu haben: "Er is uff uns zu mit`nem verbeulten Pott unterm Arm. Water für sein Auto wollt`a haben", las Schulz aus seinem Buch. Danach soll Armstrong interessiert beim Buttern zugeschaut und auch durch den Hühnerstall geführt worden sein. Besucherin Hetti Nagel erinnert sich, dass Louis Armstrong bei der Abfahrt aus Parchen gegrüßt habe. "Er hat aus dem Autofenster Trompete gespielt." Der Autor wendete hingegen ein, dass der Trompeter eigentlich immer mit Begleitern und im Tourbus unterwegs war und dass zudem andere Zeugen einen Wolga in Parchen gesehen hatten.

Dennoch bleibt auch die Parchener Episode ein weiterer Mosaikstein einer Musikgeschichte, die längst vergangenen und doch noch so gegenwärtig ist.

 

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