Bewerbungs-, Prüfungs-, Lehrstellenstress - Zehntklässler können in diesen Tagen ein Lied davon singen. Einige sind schon mit einer Ausbildungsstelle versorgt. Andere suchen noch und bei manchen macht sich langsam Panik breit. Bewerbungstipps und was die "Spätzünder" beim Rennen um einen Ausbildungsplatz beachten sollten, verrät Berufsberaterin Jeanette Olschewski im Gespräch mit Kristin Schulze.

Volksstimme: Sie sind Berufsberaterin bei der Agentur für Arbeit. Was sind Ihre Aufgaben?

Jeanette Olschewski: Ich betreue Jugendliche unter 25 Jahren, die auf der Suche nach einem Erstausbildungsplatz sind. Also: Alle, die unter 25 sind und noch keine Ausbildung angefangen, abgebrochen oder beendet haben, sind bei mir richtig.

Volksstimme: Wie sieht Ihre Arbeit mit den Jugendlichen konkret aus?

Olschewski: Ich werde von den Schulen zu verschiedenen Projekten eingeladen. Das können Aktionen zur Berufsorientierung in Klasse 8 oder "Frage-Antwort-Stunden" auf Elternabenden sein. In der 9. Klasse geht es dann richtig los: Bewerbungstraining in der Schule mit dem entsprechenden Fachlehrer steht auf dem Programm. Oft wird das in Klasse 10 vertieft. Außerdem kommen die Schüler mit ihren Lehrern zu uns ins Berufsinformationszentrum, können Fragen stellen, sich beraten lassen und abgleichen, ob die Noten für ihren Berufswunsch in die richtige Richtung zeigen.

Volksstimme: Die Berufsberatung beginnt also relativ früh.

Olschewski: Ja, das ist auch wichtig. Die Fristen für die Bewerbungen in manchen Berufen laufen schon Ende der 9. Klasse ab. Alle, die sich im öffentlichen Dienst, bei Versicherungen oder Banken bewerben möchten, brauchen nicht nur gute Noten, die Bewerbungen müssen auch Ende der neunten Klasse bei den Unternehmen sein.

Volksstimme: In der 10. Klasse passiert also gar nicht mehr so viel in Richtung Bewerbungstraining?

Olschewski: Doch, da setzen wir zum Endspurt an. Ich betreue Sekundarschulen in Parey, Brettin und Genthin. Im vergangenen Jahr sah das so aus, dass ich ab Oktober 2010 einmal im Monat eine Schulsprechstunde angeboten habe.

Volksstimme: Wer kann da hinkommen? Und wie wird das von den Schülern angenommen?

Olschewski: Die Sprechstunde ist für Schüler der 9. und 10. Klassen. Sie nehmen das sehr gut an. Klar, manche müssen auch von ihren Lehrern hinzitiert werden. Aber das ist die Ausnahme. Ganz viele haben auch schon sehr konkrete Vorstellungen, und ich kann direkt in die Vermittlungsarbeit einsteigen.

Volksstimme: Welche Fragen werden häufig gestellt?

Olschewski: Viele fühlen sich von den Kosten erschlagen, die sie auf sich zukommen sehen. Ich informiere dann, was den Jugendlichen an Bewerbungs- und Reisekosten zusteht. Auch über Zuschüsse wissen die Jugendlichen oft noch gar nichts. Der nächste Schritt ist die Erstellung eines Vermittlungsprofils.

Volksstimme: Vermittlungsprofil?

Olschewski: Hier werden die Wünsche, Fähigkeiten und Zertifikate der Bewerber erfasst: Will er in der Region bleiben oder deutschlandweit vermittelt werden? In welchem Bereich strebt er einen Ausbildungsplatz an, was für ein Abschluss ist zu erwarten? Das kommt dann alles ins Vermittlungsprofil.

Volksstimme: Welche Vorteile hat der Bewerber dadurch?

Olschewski: Wir haben ganz andere Möglichkeiten als der einzelne Jugendliche. Der Kontakt zwischen Bewerbern und Arbeitgebern kommt durch uns einfacher und schneller zustande. Hilfreich ist auch, dass wir den Arbeitgeberservice bei uns im Haus haben.

Volksstimme: Was empfehlen Sie Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz?

Olschewski: Nicht den Kopf hängen lassen! Die Lage auf dem Lehrstellenmarkt ist in diesem Jahr ziemlich gut. Viele Stellen sind noch frei. Der Trend geht weg davon, nur nach Noten zu gucken. Der Bewerbung muss anzumerken sein, dass man sich Gedanken gemacht hat, warum man gerade diesen Beruf gewählt hat. Alles, was man an Praktikumsnachweisen hat, muss natürlich mit rein.

Volksstimme: Und wenn man noch gar nicht so viele Praktika vorweisen kann?

Olschewski: Ganz wichtig: Persönlichen Kontakt herstellen. Bei kleineren Betrieben ruhig vorbei gehen und sich vorstellen. Und: Praktikumsbereitschaft signalisieren! Noch ein Tipp: Es ist gesetzlich nicht mehr vorgeschrieben, der Bewerbung ein Foto beizufügen. Ich würde trotzdem nie darauf verzichten. Mit Foto sind die Chancen dem Arbeitgeber im Gedächtnis zu bleiben um ein Vielfaches größer.

Volksstimme: In welchen Berufen sind die Chancen besonders groß, noch einen Platz zu bekommen?

Olschewski: Da gibt es einige: Fachkräfte im Gastgewerbe, Köche, Tischler und Landwirte werden händeringend gesucht. Auch im Straßenbau wird gesucht. Gute Chancen haben außerdem angehende Glaser, Elektroniker und Textilreiniger.

Volksstimme: Was geben Sie den Bewerbern noch mit auf den Weg?

Olschewski: Keine Panik, wenn die Antwort noch nicht da ist, die Firmen sind jetzt in der Entscheidungsphase. Und auch wenn wir nicht gleich eine Lehrstelle finden, ist das kein Weltuntergang. Über so genannte Einstiegsqualifikationen können wir auch in solchen Fällen noch vermittelnd tätig werden. Bei Fragen jeder Art stehe ich gerne zur Verfügung: (03 933) 94 21 18.

Lesen Sie im nächsten Teil: Arbeitgeber kommen zu Wort: Was wirdvon Auszubildenden erwartet?