Er hat auf einer Distanz von gut 99 000 Kilometern mit dem Fahrrad die Erde umrundet, war mit dem Drahtesel am Nordkap und ist bis nach Südafrika gestrampelt: der Weltenradler Thomas Meixner aus Wolfen. Von zwei seiner ausgedehnten Touren hat er bereits im Huy berichtet – am 14. Januar kommt der 45-Jährige mit dem Bericht über seine Orient-Tour ins Dorfgemeinschaftshaus Eilsdorf. Zuvor ist er in diesem Jahr bis ins 13 000 Kilometer entfernte Wladiwostok "gekurbelt". Die Volksstimme-Leser lässt Meixner an seinen Abenteuern teilhaben. Heute der vorletzte Teil:

Endlich in Wladiwostok angekommen, hatte ich gerade mal drei Tage Gnadenfrist bis zur Abfahrt meines lange gebuchten Zuges nach Moskau. Ich wohnte wie bei meinem letzten Besuch in der kleinen Neubauwohnung von Alexej, die wohl noch aus Sowjetzeiten stammt.

In dieser Zeit war nicht nur die Stadt, sondern auch der ganze Oblast (Bezirk) Primorskoje von den Sowjets als Sperrgebiet deklariert worden. Selbst die Russen benötigten spezielle Dokumente, um einreisen zu können. Noch vor 20 Jahren hätte ich keine Chance gehabt, mich dem "Oblast" auch nur zu nähern und wäre beim Versuch wahrscheinlich sofort als Spion in den Knast gewandert.

Gehetzte Abfahrt

Meine Fahrkarte nach Moskau hatte ich schon lange in der Tasche. Da stand das Abfahrtsdatum drauf: 18.50 Uhr war die Startzeit des Zuges mit der Nummer 239 nach Moskau. "Das ist aber alles in Moskauer Zeit", erklärte mir die Dame am Schalter. Sie schrieb mir noch alles in der Ortszeit auf. Bei sieben Stunden Zeitverschiebung war das schon der nächste Tag. "Und das alles in einem Land", dachte ich kopfschüttelnd.

Alexej brachte mich mit seinem gebrauchten Japaner zum Bahnhof, der schon vor über hundert Jahren zu Zarenzeiten errichtet worden war und in dieser Nacht – angestrahlt wie ein kleines Schmuckkästchen – auf mich zu warten schien.

Es war schwül-warm. Ich schwitzte schon beim Abladen der Packtaschen, und als ich meinen gut gedienten Radreise-Begleiter für den Transport zerlegen und fertig machen wollte, lief mir der Schweiß erst recht. Beim Einsteigen sagte der junge Zugbegleiter ganz cool: "Für das da brauchste ein Gepäckkarte." Ich raste durch die Dunkelheit zum Schalter, kaufte mir für sehr wenig Geld das gewünschte Papier und konnte mich in allerletzter Minute nur kurz von meinem Freund verabschieden. Der Zug rollte an und ganz langsam entschwanden der Bahnhof und die Stadt, keineswegs aber die Erinnerungen an einen schönen Endpunkt einer verdammt langen Radreise.

Ich suchte im schummrigen Licht mein Abteil, die Pritsche Nr. 16, und verstaute mein zerlegtes Rad im oberen Gepäckfach. Zu meinem Erstaunen durfte ich feststellen, dass alles wie angegossen hineinpasste. Auch die Schwierigkeiten bei der Radmitnahme, die mir immer wieder prophezeit worden waren, entpuppten sich als Seifenblase.

In meinem Abteil wurde ich von Osdir und Watschislaw, einem 62-jährigen Pensionär aus Wladiwostok, der fast fünf Tage Zugfahrt auf sich nahm, um Verwandte in der westsibirischen Tiefebene bei Omsk zu besuchen, herzlich begrüßt. Osdir reiste "nur" 3000 Kilometer weit bis Chita. Ich allerdings hatte die kompletten 9288 Kilometer und eine Woche Zugfahrt vor mir.

Am anderen Morgen saßen wir zusammen am Tisch und frühstückten gemeinsam. Von Anfang an wurde alles geteilt. Das machte die Fahrt sehr angenehm und entspannend. Überhaupt hatte ich den Eindruck, dass hier alles schnell zu einer Familie zusammenwächst. Auch die Provodniks (Zugbegleiter), von denen es je Waggon zwei gab, kümmerten sich rührig um ihre Schützlinge.

Die Aufgabe des Provodniks besteht nicht nur im Kontrollieren der Fahrkarten. Sie geben die Bettwäsche aus, wecken die Fahrgäste in der Nacht, wenn sie aussteigen müssen, reinigen einmal am Tag den gesamten Waggon und sorgen dafür, dass immer heißes Wasser im Samowar für Tee und Kaffee bereitsteht.

Watschislaw vertrieb sich die Stunden meist mit Kreuzworträtseln und schrieb mehrmals am Tag irgendwelche Zahlen auf den Zeitungsrand und rechnete. Ich fragte, was er da mache. "Ich rechne aus, wie weit wir schon gefahren sind." Wie kannst du wissen, wie weit wir schon sind? "Schau aus dem Fenster." Dort huschte in regelmäßigen Abständen ein weißes Schild mit einer vierstelligen Zahl an uns vorbei. "Siehste, das ist die Entfernung bis Moskau." Ich glaube, wir waren schon drei Tage unterwegs, als die Entfernung bis Moskau immer noch knapp unter der 6000er Marke klebte.

Welche Zeit gilt?

Auch die Sache mit der Zeitverschiebung war nicht einfach. Morgens fragte ich immer nach der aktuellen Zeit. Nach ein paar Tagen gab ich auf, passte mich der russischen Eisenbahn an und stellte meine Uhr auf Moskauer Zeit.

Manchmal huschte draußen ein mir bekanntes Dorf vorbei oder ich erkannte eine Bauarbeiterunterkunft, in der ich auf meinem Weg nach Osten genächtigt hatte. Das waren schon eigenartige Momente. Ich dachte an den Film in meiner Kamera, der Bild für Bild hintereinander belichtet wird bis er voll ist. Dann wird er zurückgespult und die Bilder huschen noch mal schnell vorbei. Genauso kam es mir vor, als ich die Bilder beim Blick aus dem Zugfenster vorbeirauschen sah.

Der Zug ratterte manchmal langsam, manchmal schnell über die längste Eisenbahn-Linie der Welt. Ich nutzte die Haltepausen auch, um Fotos zu machen und diesen Reiseabschnitt zu dokumentieren: Ulan Ude, Irkutsk, Krasnojarsk. Kemerovo, Nowosibirsk, Omsk – die Städte "fielen" eine nach der anderen.

Den Ural überquerten wir in der Nacht. Danach kam Moskau in greifbare Nähe. Der stählerne Wurm ratterte mit voller Geschwindigkeit durch die Vororte und lief im Jaroslawer Bahnhof ein. Ich verabschiedete mich von den Mitreisenden und den Provodniks. "Was macht ihr heute noch", fragte ich "meinen" Zugbegleiter. "Wir fahren heute Abend wieder zurück". Unglaublich.

www.thomasmeixner.de

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