Seit fünf Jahren ist der Wolf zurück in Sachsen-Anhalt. Hat das Raubtier auch den Harz bereits entdeckt? Dazu, zu den Folgen des Klimawandels für den Tourismus und zu 2014er-Projekten war Volksstimme-Redakteur Tom Koch mit Nationalparkchef Andreas Pusch im Gespräch.

Volksstimme: Der Wolf ist willkommen, das haben Sie vor einem Jahr gesagt. Und, hat sich "Isegrim" im Harz bereits blicken lassen?

Andreas Pusch: Lassen Sie es mich so sagen: Es gibt noch keine gesicherten Nachweise. Problematisch für den Wolf ist, dass der Harz relativ dicht besiedelt, nahezu jedes Tal bewohnt ist. Andererseits: Das Nahrungsangebot ist üppig, und für den Wolf ist neben unseren Luchsen durchaus auch noch Platz.

Volksstimme: Diese Raubtiere ziehen von Polen und aus der Lausitz kommend immer weiter in Richtung Nord-Westen, sind in der Altmark längst heimisch. Befürchten Sie keine Negativ-Debatten um die Sicherheit von Harzurlaubern auf den Wanderwegen, wird der erste Wolf auch hier in der Region beobachtet?

Pusch: Das Wolfs-Thema sorgt zunächst immer für eine vor allem emotionale Debatte. Fakt ist aber, wenn sich einer um die Sicherheit sorgen machen sollte, dann sind es die Wölfe selbst. Unsere Welt mit breiten Autobahnen, Bahntrassen und einer dichten Besiedlung ist für diese Tiere bedrohlicher als sie es selbst für uns Menschen sind. Mir sind jedenfalls keine Angriffe von Wölfen auf Menschen in Deutschland bekannt.

Volksstimme: Angriffe "Ihrer" Harzer Luchse hat es wohl auch nicht gegeben. Wie ist der Stand des Luchsprojekts im Nationalpark?

Pusch: Wir verfügen bundesweit über die einzige Luchs-Population, die eine deutliche Ausbreitungstendenz zeigt, übrigens in alle Richtungen: Im Norden im Elm, östlich bis kurz vor Halle, im Weser-Leine-Bergland und nicht zuletzt in Thüringen und Nordhessen sind "unsere" Luchse gesichtet oder aber über einen Sender geortet worden. Es gibt inzwischen auch Meldungen über Tiere, die dort bereits Junge aufgezogen haben, vor allem aus Nordhessen.

"Wir hoffen auf weitere Grenzgänger, Luchse aus dem Bayerischen Wald oder aus der Pfalz."

Volksstimme: Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

Pusch: Das ist wirklich sehr erfreulich, wir hoffen auf weitere "Grenzgänger", Luchse, die in den Bayerischen Wald oder die Pfalz, aber ebenso von dort zu uns in den Harz gelangen. Das ist wichtig für den genetischen Austausch, für eine stabile Population. Zur dauerhaften Arterhaltung wären 100Tiere gut, und wenn die sich dann gelegentlich mit anderen Vorkommen austauschen, dann können wir sagen: Das Luchs-Auswilderungsprojekt war erfolgreich.

Volksstimme: Von den Tieren zu den Pflanzen, der Harz ist ein Waldnationalpark. Herr Pusch, wie ist es um die Reviere rings um den Brocken bestellt?

Pusch: Wir werden auch in diesem Jahr unsere Waldentwicklungsvorhaben konsequent fortführen. Das bedeutet, Fichtenreinbestände werden durchforstet. Dort wo es sinnvoll ist, werden wir Buchen und weitere Laubbäume pflanzen. Wir wollen in diesem Jahr rund 400000Buchen setzen, das ist durchaus ambitioniert. Allerdings auch notwendig, wollen wir unser Ziel erreichen, 75Prozent unseres Nationalparks bis zum Jahr 2022 als Naturdynamikzone auszuweisen. Das ist die Fläche, die man auch als Kernzone bezeichnen kann. Dafür haben wir uns vorgenommen, jährlich zwei weitere Prozent unserer Flächen in die alleinige Verantwortung der Natur zu entlassen, aktuell beträgt der Anteil 52Prozent.

Volksstimme: Kritiker argwöhnen, Sie schlagen deshalb so viel Holz, weil der Nationalpark wirtschaftliche Ziele verfolgen muss...

Pusch:... und genau das ist ja per Gesetz ausgeschlossen. Nein, wir müssen nicht Holz verkaufen, um von diesen Erlösen unsere Arbeit finanzieren zu können. Wir schlagen Fichten ausschließlich ein, um unsere Naturschutzaufgaben erfüllen zu können. Andererseits ist es richtig, dass wir beispielsweise in Fragen der Holzpreise, bei Rückeleistungen oder Wildvermarktung auch wie ein Forst-Wirtschaftsbetrieb auftreten und sehr wohl über die besten Preise verhandeln. Im Übrigen sind auch wir angehalten, sparsam mit Landesgeldern umzugehen. Die Fusion hatte ja auch den Nebeneffekt, Kosten zu sparen, Doppelstrukturen wie im Fachbereich Waldentwicklung abzubauen, Synergien zu nutzen. Wir haben beispielsweise im letzten Jahr die beiden Nationalparkreviere Königskrug in der Nähe von Braunlage und Jagdhaus in Lonau aufgelöst und deren Aufgaben auf Nachbarreviere verteilt.

Volksstimme: Ob am Wurmberg bei Braunlage oder dem Schierker Winterberg, praktisch unmittelbar vor Ihrer Haustür, sind millionenschwere Tourismusprojekte umgesetzt worden beziehungsweise in Schierke derzeit geplant. Wo bleibt angesichts von Hektarweise gefällten Bäumen, dem Anlegen künstlicher Beschneiungsteiche und dem Aufstellen von Schneekanonen der Aufschrei von Ihnen als Nationalparkdirektor, einem Hüter der weltweit bedeutendsten Schutzgebiete?

Pusch:Sie haben es richtig gesagt. Unsere Aufgabe ist, den Nationalpark zu schützen und weiterzuentwickeln. Die Frage nach Sinn und Unsinn, nach Aufwand und Nutzen von Tourismusprojekten im Harz außerhalb unseres Schutzgebietes stellt sich für uns nicht.

Richtig ist, dass abgewogen werden muss, welche Schäden entstehen aus Sicht der Natur, aber ebenso, was ist dabei der wirtschaftliche Aspekt. Angesichts des überaus milden Winters in dieser Saison wird in diesem Zusammenhang die Klimadebatte umso intensiver geführt.

Volksstimme: Hand aufs Herz. Sind Investitionen in den Skitourismus im Harz sinnvoll?

Pusch: Die Klimadaten der vergangenen Jahre liefern auf diese Frage eine deutliche Antwort, die Jahresdurchschnittstemperatur auf dem Brocken steigt stetig an. Angesichts solcher Fakten ist es legitim zu fragen: Soll beim Thema Schnee alles getan werden, was technisch möglich ist? Ich habe Zweifel, ob ein weißes Band aus künstlichem Schnee in einer ansonsten grünen Harzlandschaft den touristischen Erfolg hat. Schließlich hat unsere Region in milden Wintern auch ohne Schnee ihre Reize und viele alternative Angebote.

"Die Frage nach Sinn und Unsinn von Tourismusprojekten stellt sich für uns nicht."

Volksstimme: Jetzt haben Sie sich aber um eine klare Antwort herumgemogelt.

Pusch: Wir halten uns auch aus einer Bewertung von Investitionen im Wintertourismus heraus, das steht uns nicht zu. Aber wir beobachten den Klimawandel ganz genau.

Volksstimme: Welche Anzeichen für einen weiteren Anstieg der Temperaturen im Harz stellen sie dabei fest?

Pusch: Die Tier- und Pflanzenwelt liefert uns dafür ganz deutliche Zeichen: wärmeliebende Arten zeigen eine deutliche Ausbreitungstendez. Es gibt inzwischen blühende Esskastanien in Drei Annen Hohne, und die Mistel, die früher ausschließlich im Vorland verbreitet war, kommt heute bis in Höhenlagen von 500Metern vor.

Die neue Forstrevier-Struktur findet sich auf der Internet-Seite www.nationalpark-harz.de unter Natur schützen / Waldentwicklung

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