Vor zwölf Jahren übernahmen drei Frauen den Dienst als Ehrenamtliche in der stationären Krankenhauspflege, heute sind die derzeit acht Grünen Damen aus dem Ameos Klinikum St. Salvator nicht mehr wegzudenken. Mit Zeit und Zuwendung verabreichen sie den Patienten eine "besondere Medizin", um deren Genesungsprozeß zu fördern.

Halberstadt. Als Marlene Krüger (67) in den Ruhestand ging, wollte die langjährige Finanzbuchhalterin mit dem neuen Lebensabschnitt nicht Ruhig-Treten und In-Ruhe-gelassen-Werden verbinden. "Ich bin kein Mensch, der zu Hause ‘rumsitzt. Da übernehme ich lieber eine Aufgabe."

Als sie in der Zeitung einen Beitrag über die Grünen Damen gelesen hatte, meldete sie sich bei Leonore Abend. "Es interessieren sich meist Vorruheständler oder Rentner, die noch agil sind und etwas tun, anderen helfen wollen", ist die Erfahrung der langjährigen Einsatzleiterin. Doch nicht jeder ist geeignet. "Es gibt Interessenten, die haben völlig falsche Vorstellungen von dem, was wir tun. Das stellen sie dann aber im Gespräch mit mir selbst fest. Ich empfehle dann, besser eine andere ehrenamtliche Aufgabe zu übernehmen." Denn um den grünen Kittel überzustreifen, benötige man keine jahrelange medizinische Ausbildung, sondern in erster Linie Herz und Mitmenschlichkeit, aber auch Zuverlässigkeit, um regelmäßig den ehrenamtlichen Dienst zu versehen.

Marlene Krüger wusste, was sie will, was sie kann und auch in etwa, was sie erwartete. Seither sind dreieinhalb Jahre vergangen. Wie die anderen Frauen - Eveline Stoppel, Heide Rimpler, Oda Poppendieck, Karin Liß, Maria Gohr und Ingrid Hertel - kommt sie ein- oder zweimal wöchentlich an den Vormittagen in das Klinikum. Jede von ihnen betreut eine andere Station zu einer bestimmten Zeit.

Die der Marlene Krüger heißt A 5 (Orthopädie). "Bei Einsatzbeginn gehe von Zimmer zu Zimmer und begrüße bekannte Patienten. Den Neuen stelle ich mich vor und erkläre ihnen, was die Grünen Damen machen." Sie sind für die Patienten da, erledigen kleinere Besorgungen innerhalb des Hauses, kochen bei Bedarf auch mal Tee, lesen etwas vor oder reden mit den Frauen und Männern.

Es sind vor allem die Gespräche, die die meiste Zeit in Anspruch nehmen. "Ich höre nicht nur aufmerksam zu, obwohl manchem schon viel damit geholfen ist, dass ihm jemand ein offenes Ohr schenkt. Wir unterhalten uns über alles Mögliche." So hat die 67-jährige schon viele Menschen und deren Lebensgeschichten kennengelernt. "Die meisten haben niemanden, mit dem sie reden können. Da gibt es Patienten, die lange im Krankenhaus bleiben müssen, jedoch nie oder sehr selten Besuch bekommen. Entweder haben sie keine Verwandten oder diese können aus den unterschiedlichsten Gründen nicht erscheinen."

"Die Patienten sind sehr dankbar."

"Zuhören, zureden, trösten und auch manchmal eine Hand streicheln, das alles trägt in gewisser Weise zum Heilungs- und Genesungsprozess bei", so Leonore Abend. Sie weiß auch, dass manche Patienten ihrer Familie nicht alles sagen, weil sie denken, die sei durch die Krankheit schon genug belastet. "Sie schütten ihr Herz aus und freuen sich, dass wir für sie da sind."

Die Grünen Damen haben alle gut zu tun. Dass sie gebraucht werden, erfahren sie nicht nur von den Patienten, sondern auch vom Personal. Die Frauen sind gern gesehen, weil sie vor allem eines mitbringen, was andere wenig haben: Zeit. "Die Patienten sind uns sehr dankbar für unsere Tätigkeit. Auch wenn wir uns nur erkundigen und kein Bedarf in einem der Zimmer ist, bedanken sie sich", berichtet Marlene Krüger, "und wenn man mal nicht da ist, wird man vermisst." Deshalb wird aus dem Urlaub auch immer ein Kartengruß an "meine Station" geschickt.

Wenn die Grünen Damen sich durch unterschiedliche Einsatzzeiten und Stationen nicht täglich begegnen können, halten sie doch Kontakt untereinander, arbeiten zusammen und treffen sich regelmäßig, um miteinander zu reden, sich auszutauschen und wichtige Dinge zu besprechen.

"Vor fünf Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich einmal solch eine Aufgabe übernehme", gesteht Marlene Krüger, "auch wenn man vorher so etwas noch nie gemacht hat, so wächst man da rein, wenn man mit dem Herzen dabei ist." Wenn man im Krankenhaus tätig ist, denke man drüber nach, wie gut es einem doch selbst gehe, ist eine ihrer Erfahrungen. "Das beflügelt einen, weiterhin anderen zu helfen, ihnen ein Lächeln und ein freundliches Wort zu schenken."

Sie wurde im Bekanntenkreis schon oft gefragt, was sie für diese Tätigkeit bekomme. "Nichts, denn ich mache sie freiwillig." Jeder müsse für sich selbst entscheiden, ob er sich ehrenamtlich für andere Menschen engagiert.

Dieses Engagement ist mit ihrem Einsatz im Klinikum nicht beendet. Sie wohnt im benachbarten Finkehof, wo die Halberstädter Wohnungsgesellschaft (HaWoGe) und die Diakonie kooperieren und ein weiteres Wohnprojekt "neues wohnen" ins Leben gerufen haben. Dessen Herzstück und Kommunikationszentrum ist das Wohncafé, wo Marlene Krüger freiwillig hilft und Veranstaltungen betreut.