Der ewige Ort oder auch der gute Ort, so bezeichnen Juden ihre Friedhöfe. In Halberstadt gibt es drei davon. Sie alle erzählen Zeitgeschichte, die noch auf ihre genaue Dokumentation wartet. Seit Jahren wird in der Moses-Mendelssohn-Akademie diese Dokumentation vorbereitet. Ehrenamtlich.

Halberstadt l Dicht an dicht stehen die alten Grabsteine, viele Inschriften sind verwittert. Und wer des Hebräischen nicht mächtig ist, hat keine Chance, sich die Informationen darauf zu erschließen. Manche Steine stehen windschief, von anderen sind nur noch die Sockel vorhanden. Viele Steine fehlen, hier hat sich Gras das Areal erobert. Sichtbarstes Zeichen dafür, dass die Totenruhe der hier Bestatteten nicht geachtet worden ist.

Eine Sandsteinmauer umgibt die große Fläche, die ursprünglich vom Roten Strumpf her zugänglich war, eine kleine Pforte zeugt davon. Das große Gitter an der Straßenseite zum Westendorf hin ist neueren Datums. Schon erkennbar am Davidstern. "Den finden Sie auf keinem alten Grabstein", sagt Michael Studemund-Halévy. Der Mitarbeiter des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg erklärt der kleinen Gruppe auch, warum. Ist der Davidstern doch ein Symbol, das durch die politische Bewegung der Zionisten, begründet von Theodor Herzl, erst als Symbol der neuen Heimat geprägt wurde. "Bis Ende des 19. Jahrhunderts spielte der Davidstern keine große Rolle", erklärt Studemund-Halévy und erfährt von Jutta Dick, dass in Halberstadt der erste Herzl-Bund in Deutschland gegründet worden war. "Obwohl die Gemeinde streng orthodox war", berichtet die Direktorin der Moses-Mendelssohn-Akademie.

Der Hamburger Wissenschaftler kennt viele solcher paradoxen Entwicklungen, spiegeln sie sich doch oft auch in den Friedhöfen der jeweiligen Gemeinde wider. Er erläutert die Bedeutung der Friedhöfe für die gläubigen Juden. Ohne ein Grundstück, dass "auf ewig" an eine jüdische Gemeinde verkauft worden ist, siedelt sich eine solche nie an. Schließlich ist der Friedhof der Übergang in den Himmel.

"Im jüdischen Glauben sind Tote nicht tot, sie sind nur in einer Art Ruhephase bis zur Auferstehung", sagt er und findet sich mitten in einer lebhaften Diskussion wieder. So mag es der humorvolle Kenner jüdischen Glaubens und Bestattungsregeln. "Viele Inschriften", fährt er fort, wenden sich an den Lebenden. Im besten Fall kommt man mit dem Verstorbenen ins Gespräch." Und um Streit auf dem Friedhof zu vermeiden, wurden verfeindete Parteien nie nebeneinander beerdigt, obwohl sonst das Reihengrab Normalität ist auf einem jüdischen Friedhof. "Sie finden immer regelrechte Zeitschienen", sagt Studemund-Halévy. "Wer einen Friedhof zu lesen vermag, findet Zeitgeschichte."

In Halberstadt ist der älteste der drei jüdischen Friedhöfe geschändet worden in der Zeit des Nationalsozialismus. Auch der Stein von Berend Lehmann, dem Begründer des Rabbinerseminars in der Klaussynagoge und dem Stifter der großen barocken Gemeindesynagoge in der Halberstädter Altstadt. Sein Stein lehnt heute an der Mauer, die den Friedhof umgibt. Neben dem Grabstein des berühmten Finanziers, er war unter anderem für August des Starken und das Haus Hannover tätig, lehnt der Stein von Aaron Hirsch, dem erfolgreichen Unternehmer, der in Halberstadt und Ilsenburg Spuren hinterließ.

Der Stein von Berend Lehmann trägt die Levitenkanne, aus der ein Lamm trinkt. Während die Deutung dieser Darstellung unterschiedliche Meinungen zulässt, sind die Bären rechts und links auf dem Grabstein leicht zu erklären, sagt Jutta Dick. In der 1866 von Benjamin Hirsch-Auerbach erschienenen "Geschichte der israelitischen Gemeinde Halberstadt" wird erklärt, was die Bären mit Berend Lehmann zu tun haben. Hatte Lehmann doch auf eigene Initiative hin einen Braunbären erschießen lassen. Den ließ der General von der Marwitz gerne frei in der Stadt herumlaufen. Die Menschen hatten Angst vor dem Tier, doch das interessierte den General nicht. Als ein Kind durch den Bären zu Tode kam, handelte Lehmann. Woraufhin er vom General verklagt wurde, den Prozess aber gewann.

Die Inschrift des Grabsteines findet sich in der Datenbank wieder, die das Salomon-Ludwig-Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte Duisburg erarbeitet. Darin sollen die jüdischen Friedhöfe in Deutschland erfasst und dokumentiert werden. Während die fast 6000 Inschriften und Fragmente des aschkenasischen Teils des Friedhofes in Hamburg-Altona zum Beispiel darin zu finden sind, fehlen die Halberstädter Angaben weitgehend. "Unser Ziel ist es, auch die Halberstädter Friedhöfe zu erschließen", erklärt Jutta Dick. "Doch das kostet viel Aufwand und Geld." Schließlich muss jeder Grabstein professionell fotografiert und dokumentiert, die Inschriften erfasst und transkribiert sowie in die Datenbank eingepflegt werden.

Eine wesentliche Vorarbeit leisten seit Jahren zwei Ehrenamtliche: Brigitte Radke und Regina Meier durchforsten Judenlisten, Sterbe- und Geburtsregister, um die Lebensdaten der Halberstädter Juden zu erfassen. "Das ist die Grundlage, um die Grabsteine überhaupt erschließen zu können", so Dick.