Halberstadt. In einem gut besuchten Vortrag betrachtete Simone Bliemeister Ende des vergangenen Jahres im Städtischen Museum die sichtbare bauliche Veränderung in Halberstadt seit 1945. Sie stellte fest, dass von den rund 8000 im April 1945 zerstörten Wohnungen bis 1965 nur 4600 wieder aufgebaut worden waren. Das Warten auf Wohnraum war ein typisches Problem in jener Zeit.

Am 1. Juli 1969 begann man in Halberstadt die Plattenbauweise des Typs P Halle einzusetzen und zwar in der Beckerstraße und im Herrmann- Matern-Komplex.

1971 verkündete die SED-Führung ein neues Ziel auf dem VIII. Parteitag: Die Zentrumsbebauung sollte nun zugunsten des Wohnungsbaues reduziert werden. Von 1971 bis 1980 entstanden in Halberstadt 4387 neue Wohnungen. Immer wieder gab es Planänderungen. So zum Beispiel bei der Gestaltung der Schuhstraße. Wegen des nach Norden abfallenden Geländes und mangelnden Baumaterials verzichtete man auf Zehngeschosser. Ab 1974 begann die Bebauung des Clara-Zetkin-Ringes mit Fünfgeschossern.

Den Wilhelm-Pieck-Ring, der bereits 1972 geplant war, errichtete man noch in der Plattenbauweise des Typs P Halle. 2089 Wohnungen entstanden. Bei diesen Komplexen fehlten Anfangs wichtige Versorgungsmöglichkeiten, die Kaufhallen entstanden später. Die Bauten auf der "Grünen Wiese" sollten eingeschränkt werden. Dessen ungeachtet und wegen des Wohnraummangels, aber auch wegen der Abrissarbeiten in der Altstadt, entstand im Norden der Stadt zwischen 1983 und 1985 der Komplex Ernst-Thälmann-Ring. Als 1992 hier der Abriss begann, waren nach Aussagen Bliemeisters noch nicht einmal die Außenanlagen fertiggestellt.

Für die Lückenschließung an der Nordseite Kühlinger Straße/Lindenweg gab es zwei Planungsvarianten. Letztendlich entstanden Häuser in fünf- und sechsgeschossiger Bauweise. 1984 erfolgte im Bereich der damaligen Karl-Marx-Straße der erste Spatenstich.

Was fehlte, war ein intaktes Stadtzentrum. Dafür gab es viele Planungsvarianten seit Beginn des Wiederaufbaues der Stadt. In einer überarbeiteten Konzeption heißt es 1975: "Weiterhin gilt, das Zentrum muss als kommunikatives Zentrum der Stadt die wichtigen Einrichtungen der Bildung, der Kultur und des Erholens, sowie Bereiche des Handels und der Versorgung enthalten." Holzmarkt und Fischmarkt blieben weitere Jahre brachliegende, öde Plätze. Am Breiten Weg wurden Baulücken geschlossen, auf dem Paulsplan Plattenbauten errichtet und am Hohen Weg eine Apotheke und das "Haus der Dienste" gebaut.

Diese Leere im Zentrum war, wie sich im Nachhinein herausstellte, kein Makel, sondern bedeutete nach der polischen Wende eine einmalige Chance für den Wiederaufbau. Keine Plattenbauten oder Hochhäuser im ehemaligen sozialistischen Baustil kennzeichnen heute die Stadtmitte. (Wird fortgesetzt.)