Das war Maßarbeit. In letzter Sekunde schafften es am Donnerstag die Hessener Dorf-Bruzzler um Sternekoch René Bobzin, die vorgegebenen 99 Minuten für die Herstellung ihres Mittagsgerichts einzuhalten. Dafür erhielten Royers Erben vom MDR-Fernsehen den Goldenen Kochlöffel.

Hessen. Wo Sternekoch René Bobzin und Reporterin Susanne Langhans als Dorf-Bruzzler auftauchen, ist ein kleines Volksfest angesagt. So auch im Hessener Schloss, wo am Donnerstag etwa 30 Dorfbewohner das Fernsehteam erwarten, um mit ihnen ein regionales Rezept zu kochen. Und das unter Zeitdruck. 99 Minuten sind vorgegeben, und keine Sekunde länger, wie Redakteur Karsten Blumenthal unmissverständlich erklärt. Dabei aber ein Lächeln im Gesicht. Diese Dreharbeiten sollen Hessenern wie Fernsehleuten und später den Zuschauern einfach Spaß bereiten.

Was an diesem Tag gekocht wird, wissen die Hessener noch nicht, als um 10 Uhr die vorbereitenden Erläuterungen des Redakteurs beginnen. Keine Scheu vor den Kameras, bittet er. Und René Bobzin rät, nach der Bekanntgabe des Rezeptes, wenn die Hessener die Zutaten besorgen sollen, die Ruhe zu bewahren, um alles genau aufzuteilen. "Wenn nachher einige Zutaten fehlen, kann ich kochen wie ein Weltmeister, dann schaffe ich es nicht." Eine Erfahrung aus bisher 35 abgedrehten Folgen dieser Reihe.

Die Hessener haben verstanden, und tatsächlich klappt der Drehstart problemlos. Ab 10.34 Uhr läuft die Uhr um den Hals von Susanne Langhans für 99 Minuten rückwärts. Bobzin kocht Medaillons vom Schweinefilet auf Kräuter-Kartoffelstampf und Paprikagemüse. Ein Essen angelehnt an Johann Royer. Er wirkte von 1607 bis 1649 auf Schloss Hessen als fürstlich-braunschweigischer Hofgärtner. Überliefert sind auch sein reichhaltiger Kräutergarten und seine Kochrezepte mit Kartoffeln, die seinerzeit als noch unbekannte Frucht von Hessen aus den Weg nach Mitteldeutschland fand. Vor zwei Jahren kochte René Bobzin schon mal in der Hessener Weinschenke, somit ist Johann Royer für ihn kein Unbekannter mehr.

Kartoffeln, Milch oder Olivenöl zu besorgen, ist an dem Vormittag natürlich kein Problem. Schweinefilet schon eher, denn Hessen hat keinen Fleischer mehr. Also setzen sich Rüdiger Seetge und Reinhold Große ins Auto und fahren nach Osterwieck in den Supermarkt. "Ich habe mich vorgedrängelt und die Theke leer gekauft", sagt Große bei der Rückkehr und gibt dem Koch die große Tüte Fleisch.

Schwieriger wird’s bei den frischen Kräutern. Aber Bärbel Däumler holt Kerbel und Salbei aus ihrem Garten. Den erstaunten Gästen erzählt sie, dass sie zwei Jahre Johann Royers überlieferte Kartoffelrezepte nachgekocht hat. Dafür werden besagte Kräuter, vor allem aber Ingwer benötigt. "Ingwer stand bei Royer im Mittelpunkt", erklärt sie. "Das hilft auch bei Erkältung."

Aus den Kocherfahrungen von Bärbel Däumler ist übrigens ein Büchlein entstanden, das druckfrisch im Schloss ausliegt. Und im März soll im Schloss nochmal richtig nach Royer gekocht werden.

Das Zusammentragen der Zutaten klappt reibungslos. Ebenso das Schnippeln, also das Zerkleinern der Kartoffeln und Gewürze. Viele helfende Hände sind ja da. Und wer keine Arbeit hat, klönt im Hintergrund bei Bier, Wein, Brause oder Kaffee. Wie beim Dorffest eben.

Die Hessener liegen gut in der Zeit. René Bobzin erklärt zwischendurch, warum er welche Kräuter verwendet. Schließlich wirft er den Elektroherd im kleinen Küchenstübchen an – und wartet, wartet und wartet auf Hitze. Sie reicht nicht aus, um die Filetmedaillons zu braten. Eine halbe Stunde vor Ultimo gibt es ein Problem. Aber anstatt aufzuspringen und die Sendung zu retten, bleibt Redakteur Karsten Blumenthal seelenruhig in der Ecke sitzen. Er ahnt, dass sich die Hessener selbst zu helfen wissen. Und plötzlich stehen tatsächlich drei Camping-Kochplatten bereit.

Im Kochstübchen ist mittlerweile vor Dampf kaum noch Luft zu holen, der Koch schwitzt. Susanne Langhans schaut auf die Uhr. Noch sechs Minuten. Das gegarte Paprikagemüse kann geschnitten werden. Die Hessener Frauen feuern den Koch mit Gesang und Klatschen an. Noch 40 Sekunden, und immer noch nichts am Tisch von Bobzin zu sehen, der ja einen fertigen Teller zur Zeitstoppung präsentieren muss. Und das schafft er wirklich in der allerletzten Sekunde – eine Punktlandung.

Schnell bildet sich ein lange Schlange wie einst in der Schulspeisung. "Sie habe ich vorhin gar nicht in der Küche gesehen. Und nun stehen sie an der ersten Position?", flachst René Bobzin mit einem Herrn bei der Ausgabe. Aber das Essen reicht für alle. Und es schmeckt allen.

Was ist schwerer, in einer Hotelküche oder mit 30 Hessenern zu arbeiten? "Das kann man nicht vergleichen", sagt René Bobzin, der jetzt übrigens in Bansin auf Usedom angestellt ist. "In einer Hotelküche muss man die Mitarbeiter immer zu Höchstleistungen führen. Das hier ist Hausmannskost, es geht darum, dass wir alle miteinander kochen und Spaß haben."

Während sich die Hessener das Mahl schmecken lassen, nimmt Bärbel Däumler stellvertretend für ihre Mitstreiter den Goldenen Kochlöffel in Empfang. "Es hat alles super geklappt", freut sich René Bobzin. Am Sonntag, dem 13. Februar, ist das für fünf Minuten im MDR-Fernsehen ab 19 Uhr in der Sendung "Sachsen-Anhalt heute" zu sehen.

   

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