Während des Ersten Weltkriegs ist in den Spiegelsbergen der Nachbau einer Schützengraben-anlage errichtet worden. Für die Zeitgenossen war das Gelände eine Attraktion. Jetzt wird es wieder ausgegraben und am Sonntag der Öffentlichkeit präsentiert.

Halberstadt l Millionen Soldaten sind im Ersten Weltkrieg im Stellungskrieg gefallen. Für die an der Heimatfront Verbliebenen war der Krieg fern und nur durch persönliche Schicksale, etwa den Verlust des Sohnes, Vaters oder des Ehemanns, nacherlebbar.

In Halberstadt wurde vor knapp 100 Jahren der Krieg für diejenigen, die nicht an die Front mussten, zur Attraktion gemacht. In den Spiegelsbergen entstand bis zum Juni 1916 der Nachbau einer Schützengrabenanlage, die den Daheimgebliebenen den Frontalltag näher bringen sollte. Dafür zahlten die Besucher Eintritt und konnten mannshohe Gräben, Tunnelsysteme und Unterstände besichtigen. Zudem trainierten die Bataillone der Garnisonsstadt Halberstadt schon bald in der nach ihrem Erbauer, dem Hauptmann Werner von Meding, benannten Medingschanze den Krieg. Vom Tag der Eröffnung am 10. Juni 1916 berichtete das konservative "Intelligenzblatt", die sozialdemokratische "Volksstimme" beschränkte sich in ihrem Lokalteil hingegen auf die Einführung von Lebensmittelkarten in Halberstadt.

Schützengräben werden mit Ein-Euro-Jobs freigelegt

In den Jahren nach dem Weltkrieg ist die Schanzenanlage überwuchert, viele Gräben sind eingestürzt und Baumwurzeln haben das Gangsystem zerstört.

Mithilfe von Ein-Euro-Jobbern wird die Anlage derzeit wieder sichtbar gemacht. Cornelia Kosack und ihr Kollegen legen die Schützengräben wieder frei, bauen Unterstände auf und schichten verfallene Steinmauern wieder auf. Über zwei Meter tief müssten die Gräben eigentlich sein, sagt Cornelia Kosack. Nur an einer Stelle haben sie die Originaltiefe eines Schützengrabens wieder hergestellt, an anderen Stellen immerhin die Gräben sichtbar gemacht und von der wuchernden Vegetation befreit.

Die gelernte Holzfacharbeiterin macht die Arbeit gern, wegen der frischen Luft im Wald, aber vor allem wegen des interessanten Umfelds. Gern würde sie während der gesamten fünf Jahre bei den Grabungen mitarbeiten. So lange soll es dauern, bis die gesamte Anlage wieder hergestellt ist.

Die Arbeiter an der Medingschanze sind permanent von Geschichte umgeben, nicht nur in Form der Felswände, die die Schützengräben begrenzen. Auch im Boden lauern viele Zeugnisse der Vergangenheit. Cornelia Kosack zeigt das Foto einer Münze, die sie bei den Ausgrabungen gefunden hat. Die Siegermünze zeigt das Konterfei Wilhelms I. und wurde 1871 anlässlich des siegreichen deutsch-französischen Krieges herausgegeben. "Wir müssen alle Fundstücke abgeben. Das haben wir am Anfang unterschrieben", sagt Cornelia Kosack. Andere Fundstücke sind ein Jeton für die Metro von St. Petersburg, immer wieder Munitionsreste und ein Blech-Medaillon mit Eisernem Kreuz, einer schwarz-weiß-roten Banderole und der Jahreszahl 1914. Dabei würde es sich um ein Souvenir handeln, sagt Roswitha Hutfilz vom Verein Halberstädter Berge, der die Ausgrabung der Medingschanze vorantreibt.

Bevor Cornelia Kosack und ihre Kollegen mit den Grabungsarbeiten beginnen, untersuchen Denkmalschutzmitarbeiter den Boden mit Metalldetektoren. Viele metallische Funstücke sind also schon entfernt, wenn für Kosack die Arbeit beginnt. Dabei gehe es auch um die Sicherheit der Arbeiter, denn noch immer könnte scharfe Munition im Boden liegen.

Für eine andere Art von Fundstück hat sich Cornelia Kosack extra einen Pinsel angeschafft. Auf manchen der grob gehauenen Steine sind Inschriften zu finden: Wappen von Regimentern, Kürzel, manchmal auch nur von späteren Besuchern eingeritzte Buchstaben. Viele dieser Steine wurden in der Stützmauer des Kriegerdenkmals, das nach dem Weltkrieg errichtet wurde, verbaut. "Damit sie nicht gestohlen werden", sagt Cornelia Kosack.

Ähnliche Anlage in Edinburgh entdeckt

Die Medingschanze ist in ihrem Erhaltungszustand einmalig. Eine ähnliche Anlage gibt es in Europa nur noch am Rand der schottischen Hauptstadt Edinburgh. Die dortige Anlage diente allerdings nur der militärischen Ausbildung. Wie in Halberstadt waren die Schützengräben über Jahrzehnte unter der Vegetation verborgen, bis ein Hobby-Historiker die "Dreghorn Trenches" wiederentdeckte. Das Halberstädter und das schottische Regiment trafen in der Schlacht an der Somme aufeinander. Für 2016 ist ein Treffen von schottischen und deutschen Militärs an der Schanze geplant, teil Roswitha Hutfilz mit.

Zum Tag des offenen Denkmals am Sonntag bietet der Verein Halberstädter Berge von 10 bis 18 Uhr einen Informationstag an. Von 11 bis 16 Uhr wird es zudem stündlich eine Führung geben. Bilder von Otto Dix sollen die künstlerische Verarbeitung des Weltkriegs zeigen. Darsteller in historischen Uniformen und Zivilkleidung sollen die Heimatfront während des Weltkriegs erlebbar machen. Geschossen wird dabei nicht.

 

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