Der Fund einer amerikanischen Fliegerbombe hat in Halberstadt für einen Ausnahmezustand gesorgt. Rund 2800 Anwohner mussten am Dienstag ihre Wohnungen verlassen, hunderte Helfer waren im Einsatz. Punkt 19.59 Uhr war das bange Warten vorbei und der Sprengkörper entschärft.

Halberstadt l Olaf Machnik, Ingo Wiedemann und Baggerfahrer Bernd Rose sind die Helden des Tages: Die drei Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes haben am Dienstagabend die in Halberstadt gefundene amerikanische Fliegerbombe freigelegt und mit Unterstützung ihrer Kollegen entschärft. Um Punkt 19.59 Uhr hatten die Profis dem rostigen Sprengkörper mit dem Entfernen des Aufschlagzünders seinen tödlichen Schrecken genommen. Hunderte Halberstädter, die ab 16 Uhr rund um den Fundort in der Westerhäuser Straße ihre Wohnungen hatten verlassen müssen, konnten aufatmen und in ihre Häuser zurück.

Erleichterung auch bei Ingeborg Schmidt und Werner Sülflow. Im Garten der beiden Rentner in der Westerhäuser Straße 23 ist der Sprengkörper am Morgen entdeckt worden. "Mir läuft es noch immer ganz kalt den Rücken herunter", berichtet die 75-Jährige. Ihr 77 Jahre alter Partner ist seit drei Tagen dabei, eine Sickergrube zu schachten. Damit soll der Grundwasserpegel, der der Rentnerin Ingeborg Schmidt immer wieder im Keller Nässeprobleme und Kopfzerbrechen bereitet, abgesenkt werden. Es ist kurz nach 9 Uhr, als der Spaten plötzlich auf den metallischen Gegenstand trifft. Als wenig später aus der Befürchtung Klarheit wird, beginnt in der Kreisstadt der Ausnahmezustand.

Landes- und Bundespolizei ziehen Mitarbeiter zusammen, die Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes eilen herbei, in der Kreisverwaltung trifft sich der Krisenstab. Am frühen Nachmittag fällt die Entscheidung, dass die drei Entschärfer ab 18 Uhr versuchen werden, den in rund 1,80 Meter Tiefe zwischen Gestein verschütteten Sprengkörper freizulegen. Kein leichtes Unterfangen. Das Kalk-Gestein hat den Blindgänger fest umschlossen, mit dem Spaten ist hier nichts zu machen. Ein Spezialbagger muss her, um das tödliche Erbe aus dem Zweiten Weltkrieg samt Aufprallzünder freizulegen. Während sich die drei Mitarbeiter vom Entschärfungskommando Stück für Stück zum Zünder vorarbeiten und in Ruhe ihr Vorgehen besprechen, läuft in Halberstadt eine große Evakuierung an.

Hunderte Einwohner müssen Hals über Kopf bei Freunden und Verwandten unterkommen oder in einem der drei Sammelpunkte einziehen. Mancher Bewohner in der 300 Meter großen Sperrzone rund um die Westerhäuser Straße 23 wird von der Polizei rausgeklingelt. Vor allem Ältere chauffieren die Beamten mit Polizeifahrzeugen in eine der drei Notunterkünfte. Andere Anwohner werden auf dem Nachhauseweg von der Arbeit jäh überrascht und stehen plötzlich vor Polizeiabsperrungen.

Auch bei dem Hortpersonal der Anne-Frank-Grundschule sind Überstunden angesagt. Chefin Sybille Strehlow hat kurz vor 16 Uhr erfahren, dass der Krisenstab die Schule zur Notunterkunft einrichten wird. Wenig später stehen die ersten Gäste vor der Tür: 30 Internatsschüler des nahegelegenen Landesbildungszentrums für Hörgeschädigte (LBZ) mit ihren vier Betreuern. Sybille Strehlow bleibt die Gelassenheit in Person. "Unsere bis zu 215 Hortkinder sind mittlerweile fast alle nach Hause, nun bereiten wir uns auf die evakuierten Einwohner aus unserer Stadt vor", sagt sie. Während es sich das Gros der 30 Internatsschüler an diesem warmen Spätsommertag im Garten bequem macht, trudeln die weiteren Evakuierten ein. "Ist doch gar keine Frage, dass wir helfen. Wichtig ist doch nur, dass am Ende niemandem etwas passiert und die Bombe möglichst schnell und reibungslos entschärft wird. Da leisten wir unseren kleinen Teil gern", so die Hortleiterin im Namen ihrer beiden Kolleginnen.

Ähnlich das Bild im Freizeit- und Sportzentrum, der Notunterkunft Nummer zwei. Dort werden die Evakuierten gleich noch einmal evakuiert. Als sie gerade Quartier bezogen haben, löst ein Feuermelder Alarm aus. Wenig später gibt es Entwarnung - anders als beim Bombenfund war es diesmal nur ein Fehlalarm. Die Betroffenen nehmen es gelassen. "Das ist an einem Tag wie diesem ja nun wirklich absolut nebensächlich", sagt ein Mann und winkt schmunzelnd ab.

Rosemarie Lüttge wird derweil jäh überrascht, als plötzlich Uniformierte vor ihrer Tür stehen. Die Halberstädterin hatte vom Bombenfund zuvor noch gar nichts mitbekommen. Nun drehen sich ihre Gedanken weniger um sie selbst, sondern um die älteren Nachbarn in ihrem Haus, die hilfsbedürftig sind.

Polizei, Feuerwehr und Rettungskräften beschert der Bombenfund einen Großeinsatz. Alles in allem sind gut 260 Einsatzkräfte vor Ort gewesen, darunter gut 200 Beamte von Landes- und Bundespolizei. Auch die ehrenamtlichen Helfer waren sofort zur Stelle. An den Notunterkünften packen Mitglieder des Deutschen Roten Kreuzes mit an, um die Evakuierten zu versorgen.

Betroffen vom Ausnahmezustand ist auch die Deutsche Bahn. Ab 18 Uhr dreht sich zwischen Halberstadt und Blankenburg nichts mehr. Der Harz-Elbe-Express richtet einen Schienenersatzverkehr ein.

   

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