Die Öffnung der Schatulle aus der derzeit abgenommenen Turmhaube der Petrikirche in Schwanebeck hat Zeitdokumente und Geld aus dem Jahr 1991 zutage gefördert. Eine ebenso ungewöhnliche wie pikante Überraschung erlebten die zahlreichen Besucher der Andacht, als der verblüffte Pfarrer Christian Plötner Seiten eines Erotikmagazins fand.

Schwanebeck l Es ist Sonnabendnachmittag in der Schwanebecker Petrikirche: Die Öffnung der Turmschatulle, die im Rahmen einer Andacht erfolgt, lockt zahlreiche Bewohner der Stadt in das Gotteshaus. Pfarrer Christian Plötner präsentiert verschiedene Stücke, die die Handwerker vom Turm geborgen haben. Darunter ist auch die Wetterfahne aus dem Jahr 1991, die einen sitzenden Schwan darstellt. Die Kuppel und ein Verkleidungsrohr erregen ebenfalls Neugier. "Das ist ja alles ganz schön groß", staunt Angelika Arnold, Mitglied des Kirchenchores. "Von unten wirkt das alles viel kleiner." Pfarrer Plötner weist auf einen Tisch, auf dem eine Hülse aus Kupfer steht. "Das ist die sogenannte Turmschatulle", verrät er. "Wir haben sie schon einmal aufgesägt. Hineingeschaut hat aber noch niemand. Es soll ja für uns alle eine Überraschung werden."

Die Neugier hat viele Schwanebecker veranlasst, an diesem Tag in die Petrikirche zu kommen. Der Pfarrer nimmt das mit Freude zur Kenntnis. Auch Vertreter des Heimatvereins sind unter den Besuchern. "Wir sind alle sehr gespannt", meint Jürgen Kreißig, der stellvertretende Vereinsvorsitzende, und blickt fröhlich zur Kupferhülse.

Die Besucher nehmen auf den Kirchenbänken Platz, während der Frauenchor kurz einige Lieder anstimmt, die bei der geplanten Andacht zu hören sein werden. Dann tritt Christian Plötner vor den Altar und begrüßt die Schwanebecker. Ohne große Umschweife kommt er gleich auf den Grund des Zusammentreffens zu sprechen. "Ich möchte alle Anwesenden nach vorn bitten, damit jeder aus der Nähe sehen kann wie wir die Turmschatulle öffnen." Die Schwanebecker scharen sich geschwind um den Tisch und schauen interessiert zu, wie Plötner die Kupferhülse öffnet. Er fördert zwei Plastikhülsen zutage, in denen sich Geldstücke befinden. Das "Westgeld" und die ungeliebten "DDR-Aluchips" erinnern die Anwesenden an die Währungsunion.

Dann gerät die Aktion ins Stocken. Die beigelegten Zeitungen sind einfach nicht aus der Hülse herauszubekommen. Zunächst schneidet Jürgen Kreißig den Grat an den Rändern ab. Als das auch nichts hilft, bricht der Pfarrer die Hülse mit einer Zange auf. Endlich kann er die Zeitungen herausziehen. Die Versammelten applaudieren und schauen wie gebannt auf die Schätze, die da sichtbar werden. Plötner liest aus einer Volksstimme vom 16. Dezember 1991 vor. "195000 DM Fördermittel von Bund, Land, Kreis und nicht zuletzt das Engagement der Kirchengemeinde ermöglichten die komplette Sanierung der Barockhaube." "Auf Milliarden stieß man bei der Öffnung einer Schatulle. Leider bestand der Schatz nur aus Schwanebecker Inflationsgeld."

Die Versammelten lauschen andächtig, einige betasten das Geld, das mittlerweile auf dem Tisch liegt. Der Pfarrer findet einige maschinengeschriebene Seiten, die von seinem Amtsvorgänger Johannes-Michael Worbs stammen und verliest auch diese. Danach greift er sich einige der beigelegten Zeitungen. Sie werden herumgereicht, alle wollen einen Blick darauf erhaschen. Plötzlich ruft Christian Plötner überrascht: "Was haben wir denn hier?" Alle schauen zum Pfarrer hinüber, der hält Seiten eines Erotikheftes in der Hand und starrt verblüfft darauf. Der augenblicklichen Stille in der Kirche folgt schallendes Gelächter. Die Schwanebecker blicken sichtlich amüsiert auf das Zeitzeugnis und schütteln schmunzelnd die Köpfe. "Da hat sich aber jemand einen tollen Streich erlaubt", befindet ein Bürger. Sofort werden Vermutungen angestellt, wer denn die pikanten Seiten in die Kapsel geschmuggelt haben mag. Einige Zloti-Scheine fallen heraus. Die Schwanebecker erinnern sich daran, dass polnische Handwerker die Sanierungsarbeiten im Jahr 1991 vorgenommen haben. Die Zeilen von Pfarrer Worbs bestätigen das. Auch der in diesem Augenblick hinzukommende Bruder Hubert von der katholischen Gemeinde staunt nicht schlecht über die Überraschung. Plötner bleibt souverän und befindet: "Auch diese ungewöhnliche Beilage ist quasi ein Dokument der Nachwendezeit. Es gab schließlich einen enormen Nachholbedarf in der ehemaligen DDR." Damit ist die kuriose Angelegenheit geklärt und alle wenden sich wieder den alten Zeitungen zu.

"Mir ist kein Fall bekannt, bei dem so etwas der Nachwelt übermittelt wurde", erklärt Christian Plötner gegenüber der Volksstimme. "Wir bewahren die Fundstücke erst einmal im Pfarrhaus auf. Dort können sie auch gern von Besuchern betrachtet werden. Wenn die Turmhaube wieder aufgesetzt wird, sollten die Dokumente wieder in die Schatulle zurückkommen."

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