Lüttgenrode l Er galt im Herbst 1989 als der spektakulärste Grenzdurchbruch im Nordharzgebiet. Von keiner oberen Instanz verfügt, legten die Lüttgenröder am 8. Dezember selbst Hand an und machten sich den Weg durch den einstigen Todesstreifen frei.

Zuvor waren an jenem Freitagabend mehrere hundert Leute an den ersten Grenzzaun gekommen. Diese Stelle befand sich auf der heutigen Landesstraße am Abzweig nach Suderode. Dort, wo heute tagtäglich Tausende Autos ohne Hindernis über die Landesgrenze nach Vienenburg fahren.

Die Menschen hatten die Absicht, für einen Grenzübergang zu demonstrieren, wie es ihn zu dem Zeitpunkt schon einige Tage bei Stapelburg, Hoppenstedt, Rimbeck und Hessendamm sowie seit den Mittagsstunden des Tages bei Dedeleben gab. Die Demo war auch im Umland bekannt, überall waren an den Vortagen Plakate geklebt worden.

Ein Funktionär aus Halberstadt wollte den Versammelten noch ausreden, dass in Lüttgenrode ein Grenzübergang notwendig wäre. Aus dem Menschenauflauf wurde letztendlich mehr. Auch dank Erich Försterling. Er war damals 36 Jahre alt, lief spontan die 400 Meter zurück nach Hause, holte eine Metallschere aus der Werkstatt und schnitt ein mannsgroßes Loch in den ersten Zaun. Weitere Demonstranten halfen dabei. Danach gab es für die Menschenmenge kein Halten mehr. Gegen den zweiten Zaun wurde nur einmal getreten, dann lag ein ganzes Feld um.

Die Menschen strömten Richtung Vienenburg. Erstes Ziel war auf halbem Wege das "Weiße Ross", eine Gastwirtschaft. 400 Gäste sollen an dem Abend dort gewesen sein. Ein Getränkevertrieb aus Vienenburg fuhr den ganzen Abend Freibier heran, bezahlt hatte es später die Brauerei. Ein Bäcker aus der Stadt stiftete ebenso spontan Kaffee und Kuchen. Wobei es aber im Westen Gerüchte gegeben haben soll, dass an dem Abend die Grenze offen sein würde. Der Bundesgrenzschutz hatte in der Nacht einen Pendelverkehr eingerichtet, der bis nachts um halb zwei fuhr.

Auch Erich Försterling lief an jenem Abend zum "Weißen Ross". Danach fuhr er mit Freunden weiter im Taxi nach Vienenburg. Als Försterling in der Nacht zurückkam und an der Grenze die Metallschere, die er an einem Mast abgestellt hatte, wieder mitnehmen wollte, war sie verschwunden.

Am nächsten Morgen war die Grenze wieder dicht - bis zum 20. Dezember.

Dass die DDR-Grenzsoldaten gegen den Durchbruch nicht einschritten, könnte an den vielen Kindern unter den Demonstranten gelegen haben, vermuteten die Lüttgenröder später. Trotzdem gab es Konsequenzen. Auf 17 000 Mark wurde der Schaden von den Grenzern beziffert. Erich Försterling sollte 100 DDR-Mark Strafe bezahlen. Diesen Betrag übernahm ein Vienenburger für ihn, vorher bei einer Bank zum Kurs von 1:13,5 getauscht.

Anlässlich dieses Grenzdurchbruchs wird es nun nach 25 Jahren keinen Festakt geben. Die noch über ein Jahrzehnt aufrecht erhaltenen Verbindungen zwischen Lüttgenrödern und Vienenburgern, so gab es im "Weißen Ross" einen Stammtisch, existieren nicht mehr. Die letzte große Erinnerungsfeier gab es 1999 im "Weißen Ross".

Erich Försterling war vor 25 Jahren beruflich im Tiefbau tätig, heute betreut er in Lüttgenrode den Sportplatz. An seine Aktion am Abend des 8. Dezember 1989 denkt der nun 61-Jährige gern zurück, vor allem jetzt zum Jubiläum. Auch wenn seine Metallschere dabei verloren ging.