Schierke l Das Lärmen von Kettensägen ist im Nationalpark Harz die absolute Ausnahme. In diesem Herbst jedoch haben die Verantwortlichen mit dem Tabu gebrochen und die Maschinen notgedrungen in Betrieb genommen. Die Folgen der punktuell radikalen Fällschnitte sorgen auch Wochen später bei vielen Wanderern insbesondere entlang der Brockenstraße noch für eine Mischung aus Verwunderung, Ratlosigkeit und mitunter gar Entsetzen: Wer hat denn dieses Chaos mit "halben Bäumen" angerichtet?

Dass das Bild im Nationalpark unterhalb des Brockens zumindest auf den ersten Blick durchaus etwas gewöhnungsbedürftig ist, räumt auch Friedhart Knolle ein. "Der Hintergrund lässt sich aber leicht erklären und macht unsere Aktion unterm Strich plausibel", sagt der Sprecher des Nationalparks Harz und nennt zwei Stichworte: Erstens die Verkehrssicherungspflicht und - zweitens - das möglichst naturnahe Entfernen von gefährlichen Bäumen. "Und nichts anderes ist hier geschehen", betont Knolle.

"Fakt ist: Auch wenn sich die betroffenen Gebiete im Bereich der Kernzone des Nationalparks befinden, gilt auch hier die Verkehrssicherungspflicht", erklärt der Behördensprecher. Soll heißen: Bäume, die nicht ausreichend standsicher sind und auf öffentlich nutzbare Straßen und Wanderwege fallen könnten, müssen vom Grundstücksbesitzer vorsorglich gefällt werden. In diesem Punkt, so Knolle, gebe es auch für Nationalparks keine Ausnahme von der allgemein üblichen Regel - "hier gilt das deutsche Waldgesetz".

Deshalb habe die Nationalpark-Verwaltung im September und Oktober beidseitig der Brockenstraße und auch entlang von Wanderwegen kritische Bäume gefällt. Zuvor hätten Forstexperten die Bäume begutachtet. "Auslöser der Aktion war der Befall vieler Fichten vom Borkenkäfer, speziell im Brockenbett und am Zugang zum Eckerlochstieg, aber auch am Urwaldstieg", berichtet Friedhart Knolle. In einigen Fällen seien aber auch Bäume gefällt worden, die bei früheren Stürmen wie dem Orkan "Kyrill" bereits Schaden genommen hatten. "Mitunter waren die Bäume leicht angeschoben, sodass sie nicht mehr 100-prozentig standsicher waren."

Dass die betreffenden Riesen nicht wie üblich direkt über den Wurzeln gekappt wurden, sondern in gut zwei bis drei Metern Höhe, hat aus Knolles Sicht einen tieferen Sinn. Stehendes Totholz spiele im Kreislauf des Waldes eine wichtige Rolle für Tiere wie Specht und Fledermaus oder Pilze. "Und Bäume brechen bei Sturm niemals direkt über der Wurzel, sondern deutlich höher. Deshalb haben wir die kritischen Bäume über der üblichen Bruchkante gekappt", erklärt Knolle. Das Ergebnis sehe zwar etwas skurril aus, sei aber aus Sicht des Naturschutzes ein guter Kompromiss, von dem keine Gefahr mehr ausgehe.

Da sich die betreffenden Bereiche in der sogenannten Naturdynamikzone des Schutzgebiets befinden, sei auch das vorsichtshalber umgelegte Fichtenholz vor Ort verbleiben, um Tieren und Pflanzen als Totholz Lebensräume zu bieten. "Für uns gilt der Grundsatz so viel Holz und Biomasse wie möglich im Nationalpark stehen zu lassen", sagt der Sprecher. Deshalb werde es auch in der Zukunft derartige "halben Bäume" geben.

Und Knolle hat noch ein Argument parat, um das vielfach vorhandene Entsetzen über jene skurrilen Bäume zu relativieren: "Die nun entstandenen Waldbilder mit halben Bäumen sind nur scheinbar ungewöhnlich - ein Sturm hätte zur gleichen Wirkung und zu ähnlichen Waldbildern geführt."