Der 8. April 1945 veränderte Halberstadt grundlegend. Durch den Bombenangriff gingen große Teile der Stadt in Flammen auf. An die Geschehnisse vor 70 Jahren wird mit verschiedenen Veranstaltungen gedacht. Auch eine Fotoserie gehört dazu.

Halberstadt (je) l Brachflächen zeugen bis heute von der Verwüstung, die die Spreng- und Brandbomben der Alliierten am 8. April 1945 anrichteten. Die Narben im Stadtbild sind unübersehbar. "Es ist das einschneidendste Ereignis in der langen Geschichte der Stadt. Keine der vorherigen Katastrophen kannte die Wucht eines solchen Zerstörungspotenzials, dessen Ausmaß, solche Opferzahlen, diese umfassende Verheerung eines großen Teils der Innenstadt in so kurzer Zeit", sagt dazu Armin Schulze. Der Direktor des Städtischen Museums hat mit seinem Mitarbeiterteam eine Fotoausstellung zum Ereignis vorbereitet, die am 7. April eröffnet werden soll.

Im sozialen Netzwerk Facebook wird auf der Stadtseite unter dem Thema "8. April 1945 - 8. April 2015 / Licht und Schatten in Halberstadt" seit drei Wochen anhand von Bildern und Zeitzeugenberichten erinnert, wie "30 Minuten" das Bild einer Stadt veränderten. Jeweils sonntags kommt eine neue Bilderserie hinzu, berichtet Simone Bliemeister vom Städtischen Museum. Sie zeigt jeweils einen bestimmten Standort in Halberstadt vor dem 8. April 1945, unmittelbar nach der Zerstörung und heute.

Die Halberstädter Volksstimme startet gemeinsam mit dem Städtischen Museum ebenfalls diese Serie. Zum einen, weil nicht jeder unbedingt Facebook nutzt. Zum anderen gibt es eine so große Anzahl an Motiven, die in der Sammlung des Museums vorhanden sind, dass auch solche Bilder gedruckt werden, die nicht im Internet veröffentlicht sind.

Zu den Bildern gehören Erinnerungen von Zeitzeugen. Armin Schulze schätzt, dass sich etwa zehn Prozent der Halberstädter, die heute um die 80-Jährigen, noch an den Angriff erinnern.

Heute Texte von Gerhard Heine, Hermann Haase, Frau Rettberg, L. Casteels und E. Krone.

"...In der Schmiedestraße wütete ein Höllenbrand. Es hat zugleich vom Holzmarkt aus und vom Westendorf her zu brennen angefangen. Häusermassen haben stürzend und sengend den Ausgang zum Westendorf versperrt, es ist kein Entkommen mehr für die Eingeschlossenen.

Zwischen Fischmarkt und dem Westendorf, dem Domplatz und der Harsleber Straße rast ein Feuersturm, der den Menschen den Atem vom Mund nimmt, Brände zum lodernden Feuerorkan empor reißt und Hunderte Opfer fordert ... In diesen Stunden brennen die Straßenzüge der Stadtmitte aus, das Metall in den feuerfesten Geldschränken krümmt sich, die schweren Schränke stürzen donnernd mit den zusammenbrechenden Stockwerken in die Tiefe.

Wir kämpfen uns in Sprüngen an der Wand des Postgebäudes entlang durch Rauch und Flammen bis zur Schulstraße, die zur Plantage führt. Die Hofapotheke an der Ecke ist eine lodernde Fackel. Noch steht ihr zierliches Barockportal, noch steht die schön geschwungene Linie des klassisch-reinen Giebels wie eine Theaterkulisse mit leeren Fenstern in der Luft. Warnende Rufe, `Vorsicht, es stürzt`! - wir hetzen vorbei.

Nun ist Feuer überall, es ist dunkel in der Straße an diesem strahlend schönen Sonnentag, die Sonne steht als cremefarbene Scheibe an einem schwarzen Himmel, der mitunter aufreißt und tiefbraune Lichtstrahlen durchlässt. ..." (Gerhard Heine)

"Die Häuser am Breiten Weg waren besonders am Ostende (Am Breiten Tor) durch Sprengbomben schwer verwüstet und in Brand geraten, wodurch viele Menschen umkamen, so auch im Luftschutzkeller des Hauses Nr. 9 (Druckerei Koch). Im gegenüberliegenden Bunker des Hauses Nr. 69 erstickten sämtliche Insassen und im Hause Nr. 26 wurden alle Bewohner erschlagen." (Frau Rettberg)

"... Ich war im Zentrum in einer Bäckerei. Bei Luftalarm waren die Flugzeuge schon über der Stadt und gleichzeitig fielen die ersten Bomben, gerade da, wo ich war. In fünf Minuten war das Häuserviertel auseinandergerissen und belegt mit Brand- und Phosphorbomben. In der Bäckerei war ich der einzige, der lebend davon gekommen ist, weil die anderen Leute, ungefähr 30, den Keller zu früh verlassen haben. Alle sind auf der Straße von herunterstürzenden Trümmern totgeschlagen, verkohlt und verbrannt worden." (L. Casteels, Brüssel)

"Etwa eine Stunde nach dem Angriffsbeginn brannte der gesamte Breite Weg. Lediglich das Haus Nr. 21 (später Rolandkaufhaus), in dem jedoch belgische und holländische Zwangsarbeiter durch Trümmerteile erschlagen wurden, und das kleine Gartenhaus (Nr. 55/57 Josefsheim) überstanden den grässlichen Feuersturm.

Dieser Feuersturm entfaltete eine ungeahnte Kraft. Noch in Gernrode und Neinstedt fanden die Menschen Arztrezepte und Formulare aller Art, die der Wind aus Halberstadt hierher trug." (Hermann Haase, Neinstedt)

"...Ich hatte den Auftrag erhalten, Milch zu holen und begebe mich auf den Weg. Ich gehe den Breiten Weg entlang in Richtung Weingarten. Die Schaufenster sind noch vom Vortage her zum größten Teil zersplittert, die Bombardierung des Bahnhofs liegt allen noch in den Gliedern. Meine Mutter hat schon Kaffee (Ersatz) gekocht und auf dem Tisch steht ein Belotinkuchen (Ersatzkuchenmehl aus Eicheln und Kastanien). Es war Sonntagsstimmung - und doch war etwas, was uns alle bedrückte. Wann werden die `Silbervögel` wiederkommen und noch mehr Vernichtung über uns bringen? Meine Mutter ging in den Keller, um unsere Sonntagskleidung zu holen, denn wir hatten schon seit mehreren Jahren unsere Kleidung im Keller, um im Ernstfall wenigstens etwas zu retten. Zum Umziehen kamen wir jedoch nicht mehr - die Sirenen ertönten. Ich griff meinen Bruder und eilte so schnell wie möglich in den Keller. ... Nach den ersten Bomben drang bei uns in den Keller Feuer ein. Kinder, Mütter und Greise drängten sich zusammen und schrien durcheinander. Die Minuten schlichen, und es wollte und wollte nicht aufhören mit dem Getöse.

Dann wurde es draußen still. Schreie aus den Nachbarkellern wurden hörbar. Doch jeder versuchte erst einmal, sich selbst zu retten. Um uns herum brannte alles, wir sahen zunächst keinen Ausweg. Ein schmaler Weg war noch zur Sackgasse frei. Hier und in der Kühlinger Straße war die Teerdecke schon weich und es ging nur mühsam vorwärts. Meine Mutter, mit meinem Bruder auf dem Arm und mich an der Hand, fand den Weg zum Lindenweg und weiter hinaus aus der brennenden Stadt." (E. Krone)

   

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