Halberstadt gedachte am Mittwoch des verheerenden Bombenangriffs am 8. April 1945. Vertreter von drei Generationen sprachen bei der Gedenkveranstaltung an der Ruine der Franzosenkirche.

Halberstadt l "Der Bombenangriff gehört zur Identität Halberstadts. Jeder, der hier aufwächst, soll Bescheid wissen, was hier geschehen ist. Ohne Herkunft keine Zukunft." Sätze, die gestern Mittag Prof. Jens Reich sprach. Der bekannte Bürgerrechtler ist in Halberstadt aufgewachsen.

In seiner Rede zum 70. Jahrestag der Stadtzerstörung spielten Kindheitserinnerungen an den Angriff, das Leben in der zerstörten Stadt und an den Wiederaufbauwillen der Menschen damals eine wichtige Rolle. Noch wichtiger aber sei es, dass die Erinnerung auch dann bewahrt werde, wenn keiner mehr da ist, der den Jungen von seinen eigenen Erlebnissen damals berichten könne. Deshalb freue es ihn, sagte Reich, dass so viele Halberstädter und auch Schüler an der Gedenkveranstaltung teilnahmen.

Zum Erinnern gehöre aber auch, betonte der 76-Jährige, die richtigen Fragen zu stellen. Nicht nur das zutreffende Wort vom Bombenterror gehöre dazu, so Reich, sondern auch die Frage danach, wie es dazu kommen konnte, dass "wir, die wir damals am Anfang unseres Lebens standen, so bestraft wurden". Die Frage, wie es dazu kam, dass ehrbare Bürger ausgegrenzt und getötet wurden, nur weil sie jüdischer Herkunft oder jüdischen Glaubens waren, gehöre dazu. Sie sei zugleich Bestandteil der Antwort auf die Frage nach dem Warum.

Auch André Baud ging in seiner kurzen Rede auf diesen Aspekt des Erinnerns ein. "Gedenken ist notwendig. Doch über das Leid der Angehörigen und die Trauer jedes Einzelnen hinaus sind solche Veranstaltungen nur sinnvoll, wenn wir uns weltweit daran erinnern, dass der Nazismus nur existieren konnte, weil eine Bevölkerungsmehrheit, die durch Hass auf andere und gnadenlose Parolen aufgehetzt war, ihn blind gewählt hatte". Es sei eine der grundlegenden Einsichten, zu der man mit Blick auf "diese schreckliche Zeit kommen müsse: Der Extremismus hat auf dem Urnengang die Macht ergriffen und, wie angekündigt, Hass, Massenmord und menschliche Zerstörung gebracht. Und auf dem gleichen Wege kann das heute wieder geschehen, hier in Deutschland, bei uns in Frankreich und in jedem anderen Land der Welt."

Baud lud die Halberstädter ein, am Sonntag in Langenstein mit Häftlingen in den Konzentrationslagern zu gedenken, an die Schrecken und die blinde Gewalt zu erinnern, die sie erlebten, an die mitunter tödlichen Schläge, denen sie ausgesetzt waren. "Auch dieses Gedenken macht nur Sinn, wenn wir es auf die Gegenwart beziehen, damit es überall auf der Welt eine friedliche Zukunft geben kann."

"Es lässt die Menschen nicht mehr los"

Oberbürgermeister Andreas Henke (Linke) sagte, dass die Zerstörung der "schönen Stadt am Harz", wie Halberstadt damals genannt wurde, ein Trauma bei den Menschen hinterlassen hat und noch heute bei denen, die den Angriff damals erlebten, große Emotionen wecke. "Das Ereignis liegt inzwischen 70 Jahre zurück, aber es lässt die Menschen nicht mehr los." Diese Erfahrung erleichtere es sicher, den Menschen, die heute vor Krieg, Bomben und Not fliehen, Schutz und Unterstützung angedeihen zu lassen, den sie sich in Deutschland erhoffen. Henke bat die Halberstädter, am Sonnabend gemeinsam mit dem Bürgerbündnis für ein gewaltfreies Halberstadt ein Zeichen zu setzen gegen die Rechten. "Es ist perfide, dass ausgerechnet die ideologischen Nachfahren derer, die die Ursache für die Bombardierung unserer Stadt zu verantworten haben, der Opfer der Bombardierung gedenken und durch unsere Stadt ziehen wollen", sagte Henke.

Auf die Zeitspanne des Angriffs ging Florian Wolter ein. Der Elftklässler vom Käthe-Kollwitz-Gymnasium fragte die Anwesenden, was sie in 30 Minuten schaffen. "Die 30 Minuten des Angriffs haben das historische Gesicht Halberstadts ausgebrannt, entstellt." Die junge Generation trage keine Verantwortung für die Ereignisse damals, aber sie habe die Pflicht, der Opfer zu gedenken und sie ehren. "Die Sehnsucht nach Frieden hat uns seit dem Geschehen vor 70 Jahren nicht verlassen. Frieden ist Prozess und Zustand zugleich", sagte der Gymnasiast und zitierte Immanuel Kant: "Friede muss gestiftet werden, er kommt nicht von selbst".

Dass Frieden von jedem einzelnen Menschen ausgehen muss, hatte auch Superintendentin Angelika Zädow während der kurzen ökumenischen Andacht zu Beginn betont.

Nach der Kranzniederlegung ergriff Jobst Hein aus Lage das Wort. Er hatte sich 2014 auf Spurensuche nach seinen Großeltern Max und Anna Hein begeben, die bis zum 8. April 1945 im Lindenweg gelebt hatten. Er spendete der Stadt eine Linde. Mit dieser "Baumpflanzung gegen das Vergessen" verband er die Hoffnung, dass das Andenken an die Opfer damit nachhaltig bewahrt werde.

   

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