Emersleben l Nachdem am 22. Februar ein Storchenpaar sich im Nest auf dem Turm des Gutshofes Emersleben niedergelassen hatte, landete am 19. März der erste Rotschnabel auf dem Horst auf dem Schornstein der ehemaligen Gärtnerei. Am 5. April folgte der zweite. "Damit war auch unser Paar komplett", berichtet Brit Godisch. Doch die Freude darüber hielt nicht lange an. Nach nicht einmal vier Tagen stellte die Vorsitzende des Storchenvereins fest, dass nur noch ein Adebar einsam im Nest ausharrte.

"Das haben wir noch nie erlebt. Immer war unser Paar zwar später als das auf dem Gut und auch stets mit wenigen Tagen Abstand angekommen. Doch dann lief alles wie nach Plan. Einen einsamen Storch hatten wir nie."

Brit Godisch, Storchenvereinsvorsitzende

"Wir haben immer wieder nachgeschaut, doch an den nächsten Tagen änderte sich die Situation nicht", schaut Ehemann Hagen zurück. Nicht nur Godischs Augen suchten tagelang vergeblich nach dem zweiten Storch.

"Wenn die Störche da sind, erleben wir jedes Mal eine große Anteilnahme der Dorfbewohner. Sie spazieren am Zaun entlang und schauen hoch zum Nest in neun Meter Höhe", so Brit Godisch. "Auch die Kindergartenkinder kommen vorbei und beobachten die Tiere."

Tag um Tag verging. Nichts regte sich. Der Verschwundene tauchte nicht wieder auf. Da wurden nicht nur die Godischs nervös. "Das haben wir noch nie erlebt. Immer war unser Paar zwar später als das auf dem Gut und auch stets mit wenigen Tagen Abstand angekommen. Doch dann lief alles wie nach Plan. Einen einsamen Storch hatten wir nie", erinnert sich die Vereinsvorsitzende. Das Männchen bereite das Nest vor, das Weibchen geselle sich dazu und alsbald beginne das Liebesspiel.

Nun aber waren mehr als zehn Tage ins Land gezogen, an denen nichts geschah. "Der allein gelassene Storch tat uns leid. Wir sind schon davon ausgegangen, dass es erstmals keinen Nachwuchs geben könnte", sagt Brit Godisch am Mittwochabend und verwies darauf, dass bisher jedes Jahr Jungstörche geschlüpft waren, oft mehr als beim Paar auf dem Gutsturm.

Doch da zerstreute eine Nachbarin die Zweifel. Denn diese hatte Stunden zuvor das erste Liebesspiel, auch Tretakt genannt, beobachtet.

Nun haben alle wieder Hoffnung, dass "alles seinen gewohnten Gang geht".

Das Liebesspiel dauert mehrere Tage, dann werden ein bis drei Eier abgelegt und die Störche beginnen mit dem Brutgeschäft. Nach etwas mehr als einem Monat schlüpfen die Kleinen. Wenn es soweit ist, schauen die Godischs aus dem Dachfenster ihres Hauses suchend auf das Nest und entdecken die kleinen hin- und herwackelnden Köpfe. Zwei Monate lang werden sie von den Eltern, die sich abwechselnd auf Nahrungssuche begeben, aufgepäppelt. Dann startet der Nachwuchs seine ersten Flugversuche.

Im Frühsommer lässt sich der Weißstorch-Beauftragte im Harz-Kreis, Georg Fiedler, wieder mit der Hebebühne zum Nest hoch fahren, um die Jungstörche zu beringen. Mit dieser Kennzeichnung kann man etwas über ihr Zugverhalten sowie ihre Ortstreue und auch die Lebenserwartung erfahren.

Der Standort Gärtnerei wurde übrigens erst eingerichtet, nachdem 1991 der Storchenturm samt Nest abgebrannt war. Als 1999 die alte Situation wiederhergestellt worden war, blieb die "Übergangslösung" bestehen.

"Zwei Horste zu haben, ist schon eine Attraktion. Zumal Störche in unserer Gegend eher selten sind. Die Elbe mit ihren weiten Talauen hingegen ist ein wahres Storchenparadies", so Brit und Hagen Godisch.

Sie haben ihr eigenes Storchenparadies gleich hinter dem Haus und lassen viele Zaungäste daran teilhaben, bis die Rotschnäbel Ende August, Anfang September aufbrechen und ihre Winterquartiere in warmen Gefilden ansteuern.

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