Osterwieck l Von einer Fachwerkstadt, als die Osterwieck ja bekannt ist, ist im Bereich der Bahnhofstraße nichts mehr zu spüren. Erst im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert erfolgte dorthin eine Stadterweiterung, vor allem durch die großflächige Zuckerfabrik, die nach der Wende wieder abgerissen wurde.

Auch wenn 1992 ein Einkaufszentrum an der Bahnhofstraße entstand und damit heute dort das "pulsierende Leben" herrscht, ist der ganze Bereich mit Problemen behaftet. Vor allem durch Brachflächen.

Das ans Einkaufszentrum angrenzende Gewerbegebiet hat sich bisher nicht so entwickelt wie erhofft. Die alte Druckerei steht leer, ebenso ein Wohnblock an der Straße Vor dem Kapellentor, wohin das für ein "Integriertes Energetisches Quartierskonzept" ausgewählte 18,3 Hektar große Gebiet reicht. Rund 50 Gebäude stehen hier mit einer überwiegend überalterten Wärmeerzeugung, wie Torben Pöplow von der BauBeCon im Bauausschuss des Stadtrates erklärte. Er gehört zum Team der Planer, die derzeit das Konzept aufstellen. Möglich ist das, weil die Stadt in einem ersten Schritt voriges Jahr in das Programm "Energetische Stadtsanierung" aufgenommen wurde.

Planer Frank Ziehe trug erste Gedanken zur Entwicklung des Gebiets vor. Er sprach von einer möglichen Wohnbebauung nördlich der Bahnhofstraße. Schon jetzt ist das Areal von Wohnhäusern geprägt, wozu auch die Straßen Sandbrink und Salzbrunnen gehören. In der alten Druckerei gebe es Planungen für Seniorenwohnungen. Im Süden dominiere der Einzelhandel. Zum einen wolle man eine Verknüpfung zur Altstadt erreichen, zum anderen mehr Wegeverbindungen im Gebiet selbst. Denkbar wäre in Verlängerung des Langenkamps der Ausbau der alten Bahntrasse zum Radweg, außerdem ein Weg zwischen Bahnhofstraße und Vor dem Kapellentor. Die zusätzliche Verknüpfung zur Altstadt wird bereits mit der Verlängerung des Fritz-Gille-Weges zwischen Mauerstraße und Teichdamm angestrebt, wie Detlef Schönfeld, Bau-Fachbereichsleiter in der Stadtverwaltung, erklärte. Vorbereitet werde auch die Erweiterung des Einzelhandels in Richtung Bahnhof.

Der Gebäudetechniker Clemens Westermann stellte im Bauausschuss Überlegungen für ein Nahwärmekonzept vor, wodurch die Gebäude ihre Wärme aus einem zentralen Heizhaus erhalten könnten. Von Vorteil sei der hier vorhandene Mix aus Gewerbe, Handel und Wohnen, dadurch könnten Energiespitzen abgefedert werden.

Das soll nicht über die Köpfe der Bewohner hinweg passieren. "Wir wollen die Einwohner sensibilisieren", sagte Westermann, "um auszuloten, ob wir eine Bereitschaft erreichen können". Detlef Schönfeld berichtete, dass ein kleines Nahwärmenetz seit 2014 bereits in Zilly bestehe. "Es läuft ausgezeichnet."

Eine Bereitschaft könnte man vor allem mit Fördermitteln beflügeln. Demnächst sollen die Überlegungen den Einwohnern vorgestellt und es soll mit ihnen darüber diskutiert werden. "Man muss bei dem Konzept aufs Ganze schauen", sagte Bauausschussvorsitzender Hartmut Janitzky (CDU). Bürgermeisterin Ingeborg Wagenführ (Buko) äußerte sich erfreut, dass sich der Stadtrat seinerzeit dazu durchgerungen habe, das Konzept erarbeiten zu lassen. Einkaufszentrum und Busbahnhof seien die Bereiche, in denen sich die Menschen treffen. Morgens und mittags allein 600 Kinder auf dem Weg zur und von der Schule. Hier könne in dem Zuge einiges neu geregelt werden, zum Beispiel die Zufahrt zum Einkaufszentrum, die jetzt den Busbahnhof schneidet. "Damit wir endlich mehr Ordnung in das Gebiet bekommen." Die alten, zerfallenen Werkswohnungen zwischen Einkaufszentrum und Gewerbegebiet eingeschlossen. Wagenführ erhofft sich, dass der Bereich Bahnhofstraße dann auch für Investoren interessant wird. "Das wäre ein großer Gewinn für unsere Einheitsgemeinde."

In ein entsprechendes Förderprogramm aufgenommen zu werden, ist allerdings nur auf einem Umweg möglich. Und es ist noch etwas Geduld erforderlich. Matthias Gunnemann von der BauBeCon, der Osterwieck seit über 20 Jahren als Altstadtsanierer betreut, erklärte, dass die Stadt zunächst in das Stadtumbauprogramm aufgenommen werden müsse. Grundlage dafür ist das jetzt erstellte energetische Quartierskonzept. Der Antrag soll bis 30. November gestellt werden. Die Aufnahme ins Stadtumbauprogramm sei wiederum Voraussetzung für das Programm "Aktive Stadt- und Ortsteilzentren." Letztendlich könnten sogar beide Förderprogramme für den Quartierbereich genutzt werden. Wenn es klappt, für acht bzw. zehn Jahre. Etwa beim Ausbau der Bahnhofstraße sei dann im besten Fall sogar eine volle Förderung der Kosten möglich.