Anlässlich des 10. Klangwechsels in der Burchardikirche drehte sich am Sonnabend in Halberstadt alles rund um die "allerneueste Orgelmusik". Eröffnet wurde der Thementag mit einem Konzert in der Winterkirche des Doms.

Halberstadt. "As slow as possible" (So langsam wie möglich), unter diesem Namen läuft seit 2001 das John-Cage-Orgel-Kunst-Projekt in Halberstadt. Anlässlich des 89. Geburtstages von John Cage, dem amerikanischen Komponisten, wurde in der Burchardikirche ein Stück begonnen, das sich durch seine Langsamkeit auszeichnet. Das ursprünglich knapp 30 Minuten lange Orgelwerk wird auf 639 Jahre ausgedehnt. Der letzte Klangwechsel, also der Anschlag einer neuen Note, fand am 5. Juli 2010 statt.

30 Minuten auf 639 Jahre ausgedehnt

Die Klangwechsel finden an festgelegten Tagen statt. Die Länge der Zeiträume dazwischen richten sich nach dem Akkord, der jeweils angeschlagen wird. Je länger der Ton gespielt wird, desto mehr Zeit verstreicht bis zum nächsten Wechsel. Das Musikstück von John Cage besteht aus acht Teilen, einer soll frei gewählt wiederholt werden. Der erste Teil der Halberstädter Aufführung endet im Jahr 2072 und wird von vielen heute lebenden Halberstädter wohl nicht mehr miterlebt werden.

Doch bevor es Zeit für einen erneuten Wechsel war, eröffneten Musikstudenten der Hochschule für Künste in Bremen dieses Ereignis mit einem 90-minütigen Orgelkonzert in der Winterkirche des Halberstädter Doms. Angesichts der Trauer, die nach dem Zugunglück bei Hordorf über der Stadt liegt, stellten die Organisatoren das Konzert unter ein neues Motto: "Höre meine Stimme". Dieses Zitat aus einem alten Klagepsalm bot sowohl Platz für die Trauer, als auch für die Musik. Ist Musik doch eine universelle Sprache, auch in ihrer allerneuesten Form. In der Winterkirche erklangen acht Kompositionen der Studenten, davon zwei Uraufführungen, die einen interessanten Einblick in das Musikverständnis der Bremer Kunststudenten gab. Allerdings kam das Publikum mit der großen Anzahl an hochmodernern Orgelstücken auch an die Grenzen der Aufnahmefähigkeit. Flirrende, fiepende, rauschende, grummelnde Töne entlockten die jungen Musiker der Hüfken-Orgel und einer Klarinette. Die ungewohnte Klangreise wurde mit viel Applaus bedacht.

Langer Dialog zwischen den Orgelpfeifen

Wenig später drängten sich zahlreiche Besucher vor die kleine Cage-Orgel, um das Schauspiel des Klangwechsels nicht zu verpassen. Die japanische Organistin Sachiko Kawakatsu und der Komponist Jan Meßtorff, beide Musikstudenten in Bremen, zogen zwei Orgelpfeifen. Damit verabschiedete sich der höchste und der tiefste Ton des aktuellen Akkords. Für die Studenten war das eine völlig neue Erfahrung. Etwas unsicher, aber mit viel Respekt entnahmen sie die Pfeifen. "Wir haben den Klangwechsel extra langsam vollzogen", sagt Jan Meßtorff. "Wir wollten damit einen Dialog zwischen den beiden Pfeifen herstellen." Für manche Menschen kaum hörbar, waren durch den Wechsel kurze Windgeräusche wahrzunehmen.

Die Musikstudenten waren begeistert. Jan Meßtorff: "Der Raum bietet eine meditative Atmosphäre. Wenn man allein hier steht, hört man an verschiedenen Punkten des Gebäudes verschiedene Klänge." Seine Faszination teilt auch Sachiko Kawakatsu. Sie ist extra nach Deutschland gekommen, um Orgelmusik zu studieren, denn diese ist in Japan nicht geläufig. Dort werden in den Kirchen vorwiegend große Konzerte gespielt.

Der nächste Klangwechsel erfolgt am 5. August. Dann werden drei neue Töne zu hören sein.