Die Stunde Null ihrer Heimatstadt, der 8. April 1945, hat drei Menschen zusammen geführt. Als sie in den Krieg zogen, verließen sie eine intakte Stadt mit einer einmaligen Fachwerkarchitektur. Jeder von ihnen reagierte auf seine Weise mit seinen eigenen Mitteln auf die zerstörte Stadt.

Der bekannte Kunst- und Heimatmaler Walter Gemm brachte seinen Eindruck von der zerstörten, brennenden Stadt mit einer spontanen Bleistiftzeichnung zur chaotischen Situation rückseitig auf ein schon verwandtes Zeichenblatt zum Ausdruck. Später gestaltete er ein großes Gemälde mit dem Motiv der brennenden Stadt nach dem Bombardement, welches viele Jahre im großen Wartesaal des Bahnhofsrestaurants Mitropa hing.

Bert Brennecke (genannt Monke), der Dichter und Schriftsteller, betätigte sich sofort als Fotograf, um die Ruinenstadt im Bild festzuhalten. Man muss wissen, dass Fotografieren von den Besatzungsmächten verboten wurde. Trotzdem gestaltete er mit seinen Bildern ein Fotoalbum, welches er mit einem ausführlichen emotionalen Gedicht auf den leeren Zwischenblättern ergänzte. Dieses einmalige Dokument der Zeitgeschichte aus dem Jahre 1945 schenkte er seinem Freund, Walter Gemm, mit einer Widmung zum 47. Geburtstag.

Freundschaft auf vielen Ebenen

Der Dritte im Bunde war der Meisterfotograf Walter Mahlke. Er hielt alles über Halberstadt im Bild fest und wurde auf diese Weise zum Bildchronisten seiner Heimatstadt. Am Motiv der Bilder erkennt man sofort seine Handschrift. Darüber hinaus begleitete er seinen Freund Walter Gemm an jene Orte, die sich der Künstler mit seiner Staffelei ausgewählt hatte. Walter Gemm bevorzugte für seine Gemälde, auch zu allen Jahreszeiten, den Natur-standort. Man findet den Maler in eine Decke gehüllt vor seiner Staffelei mitten in einer Schneelandschaft. Als Kon-trast saß er mit freiem Oberkörper am Strand oder auf der Düne in seinem beliebten Urlaubsort Dierhagen. Andererseits benutzte Walter Mahlke eine Fotopostkarte eines Gemäldes seines Freundes und verschickte sie an seinen "lieben Dichterfreund" Bert Brennecke. Er äußerte sich, dass er sich auf ein Wiedersehen mit ihm im Hause Gemm freuen würde.

Walter und seine Frau Annemarie Gemm waren wegen ihrer Gastfreundschaft bei all ihren Freunden beliebt. Besonders nachhaltig wirkten die Silvesterfeiern, die in Gemms großem Wohnzimmer statt fanden. Natürlich wurde diese Festlichkeit von Walter Mahlke im Bild festgehalten.

Gleichfalls muss man in diesem Zusammenhang auch den Neu-Hamburger Karl Heinz Kohl nennen, der in Halberstadt geboren wurde, in der Harzbrauerei seine Lehre begann, sie erfolgreich abschloss und bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im gleichen Betrieb arbeitete. Obwohl sein Wohnsitz nach dem Kriege Hamburg wurde, hat er seine Heimatstadt Halberstadt niemals vergessen und aktiv aus der Ferne den Wiederaufbau verfolgt. Im Verein der ehemaligen Halberstädter übte er im Vorstand die Position des Stellvertreters aus. In der Vereinsschrift, die in Osterode gedruckt und von hier auch an alle in der Ferne lebenden Halberstädter verschickt wurde, beteiligte er sich als Redaktionsmitglied. Bei den Mitgliedertreffen der Halberstädter Freunde leitete er die Zusammenkünfte und hielt die Festrede.

Er setzte sich in seinem Freundeskreis für eine Geldsammlung ein, deren Erlös zur Anschaffung einer hochwertigen Fotokamera verwand werden sollte. Bei einem erneuten Besuch in seiner Heimatstadt wurde das leistungsstarke Gerät einer bekannten Marke Herrn Walter Mahlke für die Ausübung seiner beruflichen Tätigkeit geschenkt.

Sobald es ihm die Zeit und sein gesundheitlicher Zustand erlaubten, besuchte er Halberstadt. Als die Artikelserie über Halberstadts Brauerei- und Gildewesen in der "Volksstimme" erschien, suchte er den Kontakt zu mir, um mich mit einmaligem Bildmaterial von der Harzbrauerei zu unterstützen. Zusätzlich erfuhr ich von Frau Annemarie Gemm, dass zwischen beiden Familien eine enge freundschaftliche Beziehung bestand. Karl-Heinz Kohl versorgte in schwierigen Zeiten seinen Malerfreund in Halberstadt mit den notwendigen Malfarben und weiterem Zubehör. Diese menschliche Geste, die trotz jahrzehntelanger Trennung und unmenschlicher Grenzziehung weiter bestand hatte, ist es wert, erwähnt zu werden.

Die Zeit nach dem Bombenangriff

Die Bevölkerung Halberstadts, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges noch immer in einer blühenden Umgebung lebte, hatte nicht vermutet, dass ihre Stadt noch durch einen Luftangriff zerstört würde. Sie wurde zum Sammelbecken einer Vielzahl von Flüchtlingen und evakuierten Obdachlosen aus anderen Gebieten des Landes. Die einen flüchteten vor den Soldaten der Roten Armee und die anderen aus den bombardierten Städten. Mit dem 8. April 1945 änderte sich die scheinbar sichere Situation.

Aber der Lebenswille der Halberstädter Bevölkerung war nach dem Bombenangriff auf ihre Stadt zwar erschüttert, aber nicht gebrochen. An die im Radio tönenden Durchhalteparolen glaubte kaum noch jemand. Die Ungewissheit unter der Bevölkerung nahm zu, weil man nicht wusste, wie sich die alliierten Truppen verhalten würden, wenn sie als Siegermächte eine zerbombte Stadt vorfänden. Eine der letzten Amtshandlungen der alten Stadtverwaltung, das Proviantlager für die Menschen zu öffnen, wurde wohlwollend angenommen. Anschließend besetzten die amerikanischen Truppen Halberstadt. Es herrschte Ausnahmezustand. Über diese Zeit ist wenig schriftlich überliefert. So wie ich mich noch erinnern kann, war der Bewegungsspielraum innerhalb der Stadt sehr eingeschränkt und des nachts total untersagt.

Am 8. Mai 1945, dem Tag des Sieges über Hitlerdeutschland, feierten die befreiten Gefangenen und die hier beschäftigten Fremdarbeiter sehr ausgelassen mit den alliierten Soldaten. Vielleicht wussten sie damals noch nicht, dass man ihnen in ihren Heimatländern mit Schmach und Schande begegnen würde.

Als die Engländer, die nach den Amerikanern unser Gebiet bis zur Elbe als Besatzungsmacht verließen, und die Rote Armee nicht gleich vor Ort war, entstand für wenige Tage ein nicht regierter Verwaltungsraum. In jenen Tagen benahmen sich die Freigelassenen so, als würde ihnen die Stadt allein gehören. Durch ihre Aktivitäten wurde das Kurhaus Thekenberge total ausgeraubt und sein Niedergang eingeleitet. Über diese und ähnliche Schicksale schwieg man lange, um nicht unangenehm aufzufallen. Nach 65 Jahren wird es kaum noch Zeitzeugen geben, die über diese schwierige Zeit erzählen könnten.

Der Wiederaufbau beginnt

Die ehemaligen NSDAP-Mitglieder mussten sich als erste mit Arbeitsgeräten zu gemeinnützigen Arbeiten, auch sonntags, einfinden. Sie wurden verpflichtet, die verschütteten Leichen zu bergen. Bei diesen Tätigkeiten stießen sie in den freigelegten Kellern auf ganze Familien, die hier den Tod gefunden hatten. Niemand von ihnen sprach später über diese Einsätze.

Darüber hinaus erging an alle arbeitsfähigen Bürger der Aufruf, sich an den Aufräumungsarbeiten zu beteiligen. Die Verpflichtung erging an alle männlichen und weiblichen Personen im Alter von 16 bis 60 Jahren. Wer nicht erschien, bekam für den nächsten Monat keine Lebensmittelkarte.

Die Straßen, Wege und Straßenbahnschienen mussten vom Schutt und anderem Material befreit werden. Der Bahnhof mit seinem Gleisbett war fast zur Unkenntlichkeit zugerichtet. Das Elektrizitätswerk versorgte die Unterstadt wieder mit Gleichstrom. Die Straßenbahn nahm auf den noch vorhandenen Schienen den Fahrbetrieb wieder auf. Quer durch die Trümmerlandschaft wurden die Gleise für eine Feldbahn, die als Trümmerbahn in die Geschichte einging, verlegt, um den Schutt aus der Stadt schaffen zu können. Brauchbare Ziegelsteine wurden von den Trümmerfrauen ausgesucht, geputzt und gestapelt, um wieder verwendet zu werden. Den übrigen Trümmerschutt transportierte die Feldbahn zum Helgolandfelsen, zum Anger sowie zum Florian-Geyer- Sportplatz.

Im strengen Winter 1946/1947 demontierte die Bevölkerung die Holzbrücke (Teufelsbrücke) über der Rodelbahn in den Spiegelsbergen, die zum Bismarckturm führte, um damit ihre Wohnungen zu heizen. Die Holzwürfel, die sich als Pflaster der Verbindungsstraße zwischen den beiden Märkten befanden, wurden von den Bürgern geborgen und als Brennmaterial genutzt.

Die Zuckerfabriken begannen 1945/1946 wieder zu arbeiten. Für die Wegeleber Fabrikanlage, die zu den modernsten ihrer Art in Deutschland gehörte, war es die letzte Rübenkampagne. Sie gehörte zu den Betrieben, die im Sommer 1946 als Reparationsleistung demontiert wurden. Das Problem zur Beschaffung der benötigten männlichen Arbeitskräfte löste die Siegermacht auf ihre Weise. Die auf dem Bahnhof in Halberstadt ankommenden männlichen Fahrgäste wurden auf einem Lkw verfrachtet und zu den Demontagearbeiten dienstverpflichtet.

Halberstadts Kultur im Aufwind

Die auf Halberstadt abgeworfenen Bomben vernichteten auch die drei Kino-Theater, so auch das bekannte Capitol und die Kammerlichtspiele. Die Filmvorführungen fanden als Ersatz in der Aula des Lyzeums (Lyzeum-Lichtspiele), im Saal des Schützenwalls als Regina-Lichtspiele, im Saal der Harmonie als Alhambra-Lichtspiele und ab 1948 in der früheren Reithalle des Kürassierregiments als Union-Theater statt.

Das Theatergebäude, worauf die Halberstädter seit 1905 besonders stolz sein konnten, wurde ebenfalls stark beschädigt. Es privat von einem hiesigen Bauunternehmer wieder aufzubauen, wurde von den Behörden abgelehnt. Trotzdem fanden sich Künstler zusammen, die im Speisesaal der Firma Heine den Spielbetrieb wieder aufnahmen. An die Operette "Gräfin Mariza", die in der Anfangszeit auf dem Spielplan stand, kann ich mich heute noch erinnern. Die Theatertruppe tingelte auch mit ihren Einstudierungen zu Aufführungen in den Sälen der umliegenden Ortschaften. Die Entlohnung erfolgte teilweise auch in Naturalien.

In den Betrieben gründeten sich nach Partei- und Gewerkschaftsbeschlüssen Kultur- und Laienspielgruppen. Es kann kein Zufall gewesen sein, dass Gorkis "Mutter" überall zur Disposition stand. Als Schüler war ich an einem Auftritt in der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts, in Halle, beteiligt. Diese Begebenheit empfanden meine Mitschüler damals als besonderes Erlebnis. Von einer ähnlichen Situation der Betriebsgruppe der Heine AG ist mir ein Foto bekannt.

Tanzabende schenkten Ablenkung

Sehr beliebt bei allen Schichten der Bevölkerung waren die öffentlichen Tanzveranstaltungen. Sie fanden im Altstadtgarten, im Hochhaus, im Felsenkeller, der Sternwarte und in Alt-Halberstadt statt. Die ersten drei Gaststätten sind auch heute noch bei den Bürgern ein Begriff. Aber "Alt- Halberstadt"? "Als führendes Haus am Platze im Mittelpunkt der Stadt - Erstklassiges Mittag- und Abendessen - Bestgepflegte kalte und warme Getränke - Tanzdiele täglich von 18 - 23 Uhr - Gute Kapelle- Halberstadt, Breiter Weg 37" präsentierte sich "Café Westkamp" (früher Kaiserhaus) 1947 den Halberstädtern wieder. Niemand von heute vermutet, dass die Anzeige im Adressbuch für Handel und Gewerbe sich auf das nur noch übrig gebliebene Kellergeschoss des einstigen Nobelrestaurants und Cafés bezog. Immerhin tolerierten die Bürger den mutigen Neuanfang.

Halberstadts Künstlergarde ermutigte mit ihren Werken die Menschen, sich in die Reihe derer anzuschließen, die den Wiederaufbau der zerstörten Stadt selbstlos unterstützten. Sie standen auch in vorderster Reihe, als es 1948 um die Vorbereitung der Aufbau-Ausstellung "Halberstadt ruft" ging. Dazu wurde eine anspruchsvolle Broschüre erstellt. Unter den künstlerischen Mitarbeitern liest man die Namen Edwin Schiel, Julius Barheine, Walter Gemm, Walter Ebeling, Hans-Hermann Kurig, Hanna von Rühling, Katerine Liepke, Bert Brennescke und weitere.

Die Ausstellung fand in den Gemäuern der früheren Markthalle statt. Sie umfasste die Themen wie Halberstadt einmal war, die Zerstörung, die Kultur, Wirtschaft und Verkehr und natürlich die Vorstellung ihres Wiederaufbaus. Als Schüler besuchte ich die Ausstellung und war besonders beeindruckt von dem Modell des Volkstheaters, welches auf dem zerstörten Elysiumgrundstück erbaut werden sollte. Man kann einschätzen, dass in der schwierigen Zeit eine zukunftsweisende Schau zusammen gestellt wurde.

(Wird fortgesetzt.)