Woran erkenne ich, dass ein Kind misshandelt wurde? Was passiert mit vernachlässigten Jungen und Mädchen, die von ihrer Familie getrennt werden müssen? Wer entscheidet über die möglichen Pflegeeltern? Diese und andere Fragen standen am Donnerstag in der Berufsbildenden Schule Wernigerode im Mittelpunkt.

Wernigerode. Ein vier Monate alter Säugling, kurz vor dem Verhungern, vom Vater geprügelt, von der überforderten Mutter geschüttelt - in manchen Familien spielt sich Schreckliches ab. Diese Kinder kennen keine Liebe, Geborgenheit und Nähe. Sie müssen vom Jugendamt wenigstens auf Zeit in ein Heim oder eine geeignete Pflegefamilie vermittelt werden. Da besonders Babys viel Nähe und Zuwendung brauchen, bietet sich bei ihnen eine Pflegefamilie mit festen Bezugspersonen an.

Birgit-Patricia Eilenberger ist die Leiterin des Fachzentrums für Pflegekinderwesen in Sachsen-Anhalt, einer Einrichtung des Landes, die die Qualität der Pflegefamilien überwacht und zukünftige Pflegeeltern auf das Leben mit den meist traumatisierten Kindern vorbereitet. "Passiert etwas, also stirbt ein Kind, ist das Entsetzen in der Öffentlichkeit groß", so Eilenberger. "Aber was vielen Kindern in der eigenen Familie angetan wird, interessiert niemanden."

"Manchmal sollte ein Kind nicht bei seinen Eltern aufwachsen"

An diesem Thementag will sie das Bewusstsein für Pflegekinder bei angehenden Erziehern stärken. Als Expertin erklärt sie den Kinderpflege-Schülern der Berufsbildenden Schule in der Feldstraße in einem anderthalbstündigen Seminar, wie Jugendamt, Herkunftsfamilie und Pflegefamilie zusammenarbeiten.

Birgit-Patricia Eilenberger schildert mögliche Szenarien, warum ein Kind überhaupt in eine Pflegefamilie aufgenommen werden könnte. Gerade Erzieher müssen schnell erkennen, wenn einer ihrer Schützlinge in Gefahr ist. "Auch wenn es schwer vorstellbar ist, aber manchmal sollte ein Kind nicht bei den eigenen Eltern aufwachsen", erklärt sie der Runde. Die künftigen Erzieher müssen auch Verhaltensauffälligkeiten von solchen Kindern, die bereits in eine Pflegefamilie vermittelt wurden, verstehen lernen.

Das geht am besten, wenn die Jungen und Mädchen wissen, was in einem Pflegekind vorgeht. Und das ist eine Menge. "Es gibt verschiedene Phasen. Zunächst ist das Kind in sich gekehrt, wenn es neu in eine Pflegefamilie kommt", erklärt die Expertin. "Schließlich hat es traumatische Erfahrungen gemacht und will erst einmal vorsichtig beobachten. Dann kommt eine Phase, in der es sich richtig daneben benimmt, weil es gefühlsmäßig die Pflegemutter mit der leiblichen Mutter verwechselt."

Die Seelsorgerin mit dem Berliner Mundwerk veranschaulicht den jungen Männern und Frauen mit Puppen, Wollfäden und bunten Karten das komplizierte Geflecht zwischen Herkunftsfamilie, Jugendamt und Pflegefamilie.

Die 24-jährige Sandrina Hinze ist selbst werdende Mutter und stellt viele Fragen an Eilenberger. "Wie kann man wissen, dass das Kind in der Pflegefamilie nicht auch misshandelt wird?"

Birgit-Patricia Eilenberger sagt, dass das Fachzentrum für Pflegekinderwesen gerade deshalb so eng mit den Pflegefamilien kooperiert und sie vorab und über den gesamten Zeitraum der Pflege schult. "Dass Kinder in Pflegefamilien misshandelt werden, ist in nicht einmal 0,03 Prozent der Fall - also so gut wie null!"

"Wenn ihr ein Baby seht, das dehydriert ist, müsst ihr sofort schalten"

26 junge Frauen und Männer hören gebannt zu, denn was die Expertin erzählt, zählt zu den Schattenseiten im Berufsleben eines Erziehers. "Wenn ihr ein Baby seht, das dehydriert ist, müsst ihr sofort schalten." Birgit-Patricia Eilenberger schildert die Reaktionskette: "Alarmiert sofort den Notarzt, danach die Polizei, dann das Jugendamt."

Auch der 17-jährige Crispin Petruck ist sichtlich betroffen. "Ich finde das sehr wichtig und interessant, aber anderthalb Stunden sind fast zu wenig Zeit für so ein Thema", findet er.

Nach dem Seminar mit den jungen Leuten bringt Birgit-Patricia Eilenberger interessierten Lehrern das Tabu-Thema näher. Viele wissen gar nicht, dass einige ihrer Schüler in Pflegefamilien untergebracht sind. Zum Abschluss des Thementages bietet die Expertin am Abend den Mitgliedern des Adoptiv- und Pflegeelternverein Wernigerode anhand konkreter Beispiele Rat und Unterstützung an.

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