Unglaublich reich und unglaublich traurig: Weil die Haldensleber Unternehmerfamilie Albrecht trotz Wohlstands kein glückliches Leben in ihrer Villa führen konnten, heißt das Haus "Tränenvilla". Christiane Bormann, eine Enkelin des vorletzen Fabrikbesitzers, erzählt aus der bewegten Familiengeschichte.

Haldensleben l Dass die ehemalige Familienvilla in Haldensleben auch als Tränenvilla bekannt ist, daran stört sich Christiane Bormann nicht. Die Begründung für den Namen, die viele Haldensleber kennen, die stört sie hingegen schon. Die Albrechts besaßen einst eine große Handschuhfabrik in der Stadt. Mehr als 200 Männer, zahlreiche Frauen und Kinder sollen mit dem Nähen von Handschuhen ihren Unterhalt verdient haben.

Doch die Albrechts, so heißt es im Volksmund, sollen säumige Schuldner gewesen sein. Schon um 1890 drohte der Fabrik die erste Pleite. Eine Zwangsversteigerung folgte, die Unternehmer konnten ihren Betrieb retten und fortführen. Um 1910 wurde von Fritz Albrecht die stolze Familienvilla gebaut. Angeblich konnten die Albrechts wieder nicht sofort alle Handwerker bezahlen. Regelmäßig, so berichten Ortschronik und der Volksmund, vertrösteten die Fabrikbesitzer ihre Gläubiger oder hielten sie hin. Dass die Familie um 1938 die Villa verkaufte und die Fabrik um 1948 geschlossen werden musste, sei das Ende einer langen Leidensgeschichte gewesen.

Zerrissen zwischen Konvention und Wünschen

Laut Christiane Bormann ist alles anders und der Grund, warum das Haus Tränenvilla genannt wird, viel tragischer. "Die Menschen, die in der Villa gelebt haben, waren alle unglaublich reich, aber glücklich ist damit niemand geworden", erzählt sie.

Ihre Mutter war eine echte Albrecht, geboren 1922. Den Glanz und Abstieg der Handschuhmacher-Dynastie erlebte sie noch mit. Was Christiane Bormann von ihrer Mutter erzählt, lässt eine elegante Welt wiederauferstehen, deren Bewohner zerrissen waren zwischen Konvention und Wünschen.

Beziehung der Großeltern war nicht standesgemäß

Schon ihr Großvater, so berichtet die Frau, habe sich seinem Vater beugen müssen. Denn ihre Großmutter, in die er sich verliebt hatte, war nicht standesgemäß. "Er sprach sie vor der Villa an und fragte sie: `Würden Sie auf mich warten, morgen muss ich nach Amerika`", erzählt Bormann. Das war um 1910, und die junge Frau wartete - selbst als das Paar ein Kind bekommt. Denn Albrechts Vater war gegen die Verbindung. Erst mit seinem Tod, im Jahr 1919, konnte Bormanns Großvater endlich heiraten.

Doch nicht nur er musste der Liebe wegen leiden. Eine von Bormanns Tanten nahm sich mit kaum 30 Jahren das Leben. Deren Ehemann, viel älter als sie, soll sie zu diesem Schritt getrieben haben. "Der Mann muss unheimlich eifersüchtig gewesen sein", sagt Bormann. Wieder kehrte Trauer in die Familienvilla ein.

Auch sonst lief es in der Familie reichlich ungewöhnlich: "Meine Großmutter hat schon früh einen Führerschein gehabt und ist mit dem Auto zum Tennisspielen gefahren", berichtet Bormann. Ihr Großvater aber hätte sich Zeit seines Lebens vor der Fahrprüfung gedrückt. "Das hatte er auch nicht nötig, die Albrechts hatten ja immer einen Fahrer." Auf Wunsch ihrer Großmutter wurde die Familienvilla ein letztes Mal umgestaltet. "Sie war eine sehr moderne Frau, hat alles nach Bauhaus-Entwürfen einrichten lassen", berichtet Christiane Bormann. Sehr modern sei das in den 1920ern gewesen. Teile des Salons und der Einrichtung aus der Villa befinden sich noch immer im Besitz von Christiane Bormann.

Mit dem Verkauf der Fabrik endet die Ära der Albrechts

Die Weltwirtschaftskrise und die schwierige Lage nach der Machtergreifung der Nazis setzten der Fabrik der Albrechts ein letztes Mal zu. "Damals sind doch alle in Zahlungsschwierigkeiten gekommen", meint Christiane Bormann. Dass den Haldensleber Arbeitern ihr Gehalt nicht ausgezahlt werden konnte, sei leider normal gewesen. "Aber sonst hat sich mein Großvater sehr für seine Arbeiter eingesetzt. Sogar eine Krankenversicherung hatte er für sie eingerichtet", berichtet Bormann.

1937 starb ihr Großvater Fritz Albrecht. Seine Familie versuchte, die Fabrik weiter zu führen und musste die Villa verkaufen. Aus dem schönen Haus zogen sie in eine Wohnung auf dem Fabrikgelände. Hier verbrachte Christiane Bormann ihre ersten Lebensjahre. 1948 wurde die Fabrik geschlossen, das Gebäude später abgerissen. Die Tränenvilla wurde ein paar Jahre als Wohnhaus genutzt, bevor sie in den 1960ern zum Haus der Pioniere wurde. Nach der Wende blieb es leer, ein Feuer brach aus und machte das alte Haus zur Ruine. Heute ist die einst stolze Villa in Besitz der Stadtwerke, die darin bis 2015 ihren Firmensitz einrichten wollen. Von den Albrechts, die einst in der Villa gelebt haben, wird bei der Neueröffnung wohl niemand anwesend sein können.

Enkelin Christiane Bormann lebt heute in Frankreich

Christiane Bormann hat vieles von dem nur noch aus der Ferne erlebt. In den 1960ern zog sie nach Magdeburg, machte eine Lehre und heiratete. Später zog sie aus der DDR nach Wiesbaden. Von dort verschlug es sie über Tunesien, London und Mauritius nach Südfrankreich, wo sie heute eine Pension hat. Wenn sie eines Tages sterben sollte, dann möchte sie zurück nach Haldensleben kommen. An die Seite ihrer Eltern, in das Familiengrab der Albrechts.

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