Wegenstedt l Lokale Schulgeschichte wird in der Geschichtswerkstatt "Samuel Walter" mit einer Ausstellung und mehreren Vorträgen lebendig. Inhalt der ersten eineinhalb stündigen Lesung waren Originaltexte von 1771 bis 1909 aus Schulakten des Flechtinger Kirchenarchivs. "Das Verständnis dieser Texte forderte auf Grund der alten Ausdrucksweise des 18. und 19. Jahrhunderts erhebliche Aufmerksamkeit. Und diese war in vollem Maße vorhanden, denn man hätte - während des Vortrages - eine Stecknadel zu Boden fallen hören können", schilderte Ewald Koch. Der Wegenstedter ist Mitglied der Chronikkommission und hatte die vielen Dokumente gesichtet und aufgearbeitet.

Sibylle Gadau und Gerhard Reinecke, die vor längerer Zeit in der Wegenstedter Schule das "Rüstzeug fürs Leben" erwarben, lasen vor. So ging es auch um den in Oebisfelde geborenen Lehrer Christian Karl Plato, der 1771 von einer Reise schrieb, die ihn auf einer Etappe durch die Orte Weferlingen, Flechtingen, Wegenstedt, Etingen und Rätzlingen nach Oebisfelde führte. Darin heißt es: "Alle Geistesbildung wird unterlassen, und die Schule ist nur nach ihrer Meinung der Ort, wo das Kind anfangs stille sitzen, und dann unter vielen Schlägen die ganze Leibes- und Seelenbildung erlernen soll. Hat das Kind in denen fünf Schuljahren nur die drey Stücke, als: die fünf Haupt- stücke, kümmerlich lesen und schreiben gelernt, so glauben die Eltern, es sey für ihren Stand mehr als zu gelehrt, und glauben: nun sei die Seele für diese und jene Welt ausgebildet."

Vorleser Reinecke erzählte: "1856 wird in Flechtingen der Lehrer Jahns als zweiter Lehrer berufen." Die Patronin der Kirche und Schule verpflichtete ihn zum Schuldienst unter folgenden Bedingungen: Gegen treue und gewißenhafte Erfüllung aller seiner Pflichten und Obliegenheiten soll der Schullehrer Jahns dagegen alle mit der zweiten Schullehrerstelle zu Flechtingen verbundenen Nutzungen und Einkünfte haben. Aus der Flechtinger Schulgeldkasse bekommt er jährlich 50 Thaler.

"1875 wird an allen Schulen des Regierungsbezirks Magdeburg der ,weibliche Handarbeitsunterricht` verbindlich eingeführt", berichtete Sibylle Gadau. Dazu erging folgende Anweisung: "Ferner ist laut Befehl der Unterricht in weiblicher Handarbeit obligatorisch. Sämtliche Dispensationen sind von der hohen Aufsichtsbehörde nicht genehmigt und werden nicht genehmigt." Ist die Gemeinde zu arm, um 20 Reichsthaler aufbringen zu können, muss dies durch den Herrn Kreislandrath bescheinigt werden und die Staats- kassen haben dafür einzustehen. Wo es an Lehrerinnen fehlt, auch keine Lehrersfrau vorhanden ist, den Unterricht zu übernehmen, wird das ausgesetzte Gehalt eingezogen", weiß die Vorleserin aus den Originaldokumenten. Tosenden Beifall gab es für die Akteure der besonderen Zeitreise.

Der zweite Teil der Lesung aus den Schulakten folgt am Freitag, 27. Juni, um 19 Uhr. Geschichtsinteressierte aus nah und fern sind willkommen.

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