Beim ersten medizinischen Sonntag des Jahres in der Haldensleber Kulturfabrik klärte Dr. Susanna Prochnow, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und Oberärztin der gerontopsychiatrischen Abteilung des Haldensleber Ameos Klinikums, die Gäste über das Thema Demenz auf.

Von Julia Schneider

Haldensleben. "In Deutschland sind derzeit über sieben Prozent der Bevölkerung an Demenz erkrankt", gab Susanna Prochnow einen kurzen Überblick über die bekannten Fallzahlen. Auch auf die verschiedenen Arten von Demenz ging die Ärztin kurz ein: "Es gibt die hirnorganische Demenz und die nicht-hirnorganische Demenz." Unter die erste der beiden Formen falle beispielsweise die allseits bekannte Alzheimer-Demenz. Die hirnorganische Demenz gehe mit dem Rückgang der Hirnmasse, also einem Absterben der Hirnzellen, einher und ist daher nicht heilbar.

Die nicht-hirnorganische Demenz ist eine Folgeerscheinung anderer Erkrankungen wie zum Beispiel eines Nierenleidens oder erheblichen Vitaminmangels. "Mit der richtigen Medikation sind diese Demenz- erkrankungen sehr gut behandelbar", so Prochnow. "Je älter man wird, desto größer wird auch das Risiko, an Demenz zu erkranken", sagte sie. Aber auch genetische Faktoren, wie Erkrankungsfälle in der Familie, würden das Risiko einer Erkrankung begünstigen. "Menschen, die ein Schädel-Hirn-Trauma hatten, sind ebenfalls anfälliger für spätere Demenzerkrankungen, und auch Depressionen ziehen die Krankheit öfter nach sich."

Ein frühzeitiges Erkennen von Alzheimer sei enorm wichtig. Ein guter Hausarzt könne oft erste Anzeichen einer Demenzerkrankung feststellen, aber die Angehörigen der Patienten seien meist die zuverlässigsten Beobachter. Im Falle des frühzeitigen Erkennens einer Alzheimer-Demenz könne der Arzt eine medikamentöse Behandlung beginnen. "Man kann die Demenz zwar nicht heilen, aber man kann sie ein bis zwei Jahre aufhalten", erklärte die Ärztin.

Die verschiedenen Stadien der Krankheit sind von unterschiedlichen Symptomen gekennzeichnet. So äußert sich das frühe Stadium der Krankheit darin, dass die Betroffenen häufig müde sind, oftmals Dinge vergessen und nichts Neues mehr zu erlernen vermögen. Im mittleren Krankheitsstadium kommen oft Ungeduld und Wahrnehmungsstörungen zu den Symptomen dazu. "Da fängt es oft an, dass die Patienten aggressiv werden und zum Beispiel Angehörige beschuldigen, sie bestohlen zu haben", erläuterte die Fachärztin Fallbeispiele. Paranoia und der Verlust von Logik sowie eine verminderte Blasen- und Darmfunktion werden in diesem Stadium genau so häufig beobachtet. "Im fortgeschrittenen Stadium sprechen die Betroffenen meist nicht mehr, sie essen nicht und sind bettlägerig", erklärte Susanna Prochnow.

Auch dem Umgang mit Demenzkranken widmete sich die Fachärztin. Fast immer seien es nicht nur die Patienten selbst, sondern in hohem Maße auch die pflegenden Personen, die von der Krankheit betroffen seien, sagte sie. "Die Pflege eines Alzheimer-Patienten ist für die Angehörigen meist eine große Belastung", berichtete die Ärztin. Die Demenz-Patienten seien verwirrt, misstrauisch, aggressiv, unruhig und rastlos und resultierend aus ihrer hilflosen Situation auch sehr oft depressiv. Das mache es den Angehörigen oft sehr schwer, liebevoll und ausdauernd ruhig mit ihnen umzugehen.

"Zunächst einmal sollten die Pflegepersonen genau über die Erkrankung bescheid wissen, um sich darauf einzustellen", erklärte Susanna Prochnow. Auch sollten sie offen mit der Erkrankung eines Angehörigen umgehen, sie vor Freunden und Verwandten nicht verschweigen und Gespräche darüber nicht vermeiden. "Es ist wichtig, dass man seine Gefühle im Zaum hält", erklärte die Ärztin weiter. "Der Kranke braucht die gleiche Wertschätzung wie vorher."

Bei aller Fürsorge ist es aber unerlässlich, auf sich selbst zu achten, erklärte Susanna Prochnow. "Die Angehörigen können die Belastung irgendwann einfach nicht mehr tragen", sagte sie und appellierte an Betroffene: "Machen Sie sich niemals Vorwürfe, wenn Sie den Patienten irgendwann in eine Pflegeeinrichtung geben müssen, weil die Grenzen ihres Möglichsten erreicht sind." Niemand solle sich scheuen, die Hilfe von Sozialstationen in Anspruch zu nehmen. Auch die Tagespflege in Seniorenheimen komme als Alternative zum dauerhaften Altenheim-Aufenthalt im Anfangsstadium der Krankheit in Frage.

So genannte gerontopsychiologische Zentren wie das des Ameos Klinikums würden eine stationäre Versorgung der Patienten garantieren. Dort könne untersucht werden, welche Demenz bei den Betroffenen vorliegt, und auch eine Institutsambulanz zur Nachbetreuung stehe zur Verfügung. Sozialarbeiter und Nervenärzte würden den Angehörigen der Patienten zur Seite stehen, um auch bei schwierigen Fragen, wie der Beantragung einer Pflegestufe, helfen zu können.

Angehörige sollten sich aber frühzeitig mit der Möglichkeit auseinandersetzen, den Patienten in einem Pflegeheim unterzubringen und sich Zeit nehmen, die geeignete Einrichtung auszusuchen, riet die Ärztin.

Bilder