Dass die Havel trotz der Flutfolgen angestaut wurde, ärgert viele Landwirte. Ob aber ein Absenken etwas nutzen würde, darüber gibt es verschiedene Ansichten.

Von Ingo Freihorst

Elb-Havel-Land l Tierfutter ist nach der verheerenden Flut Mangelware - viele Grünflächen standen unter Wasser, um Schönhausen waren es sogar fast alle Weideflächen. Auch der Warnauer Landwirt Arno Isecke musste für seine Kühe Futter zukaufen, anstatt wie in den Vorjahren sein eigenes zu nutzen.

Doch musste er das teure Trockenfutter vorm Frosteinbruch sogar als Einstreu verwenden, damit die Kälber nicht all zu tief im allgegenwärtigen Morast auf den nassen Havelwiesen versinken. Seine Frau, Ortsbürgermeisterin Sonja Isecke, hatte das Thema bereits mehrfach angesprochen. So beim Besuch der Landesbischöfin in Kamern oder beim CDU-Neujahrstreff mit dem Landrat.

Sie ist nicht die Einzige, die nicht verstehen kann, warum trotz der nach der verheerenden Flut teils immer noch unter Wasser stehenden Flächen die Havel seit Ende November angestaut wurde. "Könnte man nicht diesmal nach der Flut eine Ausnahme machen?" wollte nicht nur sie wissen.

Winterstau begann erst fast zwei Monate später

Der Winterstau der Havel sei gesetzlich vorgeschrieben, erklärte Stefan Feder von der kreislichen Wasserbehörde auf Nachfrage. Das Gesetz stammt noch aus DDR-Zeiten, erlassen wurde es zum Schutz der zwischen Vehlgast und Wöplitz zu tausenden rastenden Kraniche. Ohne Wasser würden die Vögel auf den Havelwiesen nicht rasten - das Nass bietet ihnen Schutz vor Fressfeinden wie dem Fuchs. Werde nicht gestaut, sei dies also eine Straftat, informierte der Sachgebietsleiter. Die Havel absenken gehe nur im Einvernehmen mit den Naturschutzverbänden.

Wegen der Flutfolgen - und vor allem der Deichbaustellen - ist die Havel schon einige Zeit später als vom Staubeirat festgelegt in den Winterstau gegangen. Ab dem 1. Oktober wäre sie normalerweise auf 2,30 Meter (Oberpegel Garz) angestaut worden. Dieser Wasserstand war laut Planung bis zum 10. Januar zu halten, dann sollte bis Ende April noch um zehn weitere Zentimeter angestaut werden. Statt dessen wurde der Fluss erst ab dem 25. November angestaut, mit 2,30 Meter sind es zehn Zentimeter weniger als im Stauziel vorgesehen.

Maximal wäre ohnehin nur eine Absenkung von 20 bis 30 Zentimetern möglich, schätzt der Stendaler Sachgebietsleiter. Der Fluss sei unberechenbar, auch wegen der Elbe. Fällt die Elbe, geht auch die Stauhaltung bei Gnevsdorf mit runter. Und umgekehrt.

Überhaupt seien die nassen Flächen im Elb-Havel-Land allein mit dem Havelstau nicht zu beseitigen, ist Stefan Feder überzeugt. Ausschlaggebend dafür sei vielmehr der hohe Grundwasserstand. Der Trübenbruch sei ein degradierter Moorkörper, die Torfschicht dort lässt kaum Wasser durch. Das ist auch zu sehen: Trotz halb leerer Gräben steht auf den angrenzenden Feldern noch immer das Wasser.

Die einzigen Flächen, welche die Stauauswirkungen der Havel unmittelbar zu spüren bekommen, sind jene am Warnauer Vorfluter - also die mit Arno Iseckes Rindern.

Das Festlegen der Stauziele ist immer wieder ein Tauziehen zwischen den Landwirten auf der einen sowie den Naturschützern und Fischern auf der anderen Seite. Während die einen möglichst rasch wieder auf ihre Felder und Wiesen wollen, dringen die anderen auf einen möglichst lange anhaltenden hohen Wasserstand - auf den überfluteten Wiesen ist die Fischbrut besser geschützt.

Letztendlich ist die Stauzielfestlegung immer ein Kompromiss. Und dieses Menschenwerk wird bei Hoch- oder Niedrigwasser auch noch zum zahnlosen Papiertiger - denn dann übernimmt wieder die Natur die Befehlsgewalt.